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Sport

Deutsche Ingenieurskunst in Brasiliens Stadien

Ein Stadion, vier Dächer und 165.000 Stühle - deutsche Unternehmen mischen kräftig mit beim Bau der WM-Stadien. Selbst im brasilianischen Fußballheiligtum Maracanã steckt deutsche Ingenieurskunst.

Der spektakulärste deutsche Beitrag zur Fußball-WM in Brasilien kommt aus dem kleinen Städtchen Würselen bei Aachen: Erstmalig bei einer WM-Endrunde sollen die Schiedsrichter bei Tor-Entscheidungen technische Unterstützung erhalten. Das System der Firma GoalControl soll helfen zu unterscheiden, ob ein Tor gefallen ist oder ob nicht - manchmal eine Milimeter-Entscheidung. Dazu wird jedes Tor von sieben Kameras überwacht, um detaillierte 3-D-Bilder von der Position des Balles zu liefern. Erprobt wird die Technologie beim Vorbereitungsturnier Confederations-Cup. Verläuft der Test erfolgreich, sollen alle WM-Stadien mit der Torraumüberwachung ausgestattet werden.

Unter deutschen Dächern

Ein Modell des inzwischen gebauten Nationalstadions (Foto: imago/Fotoarena)

Inzwischen gebaut: Dach, "Stützenwald" und Esplanade des Nationalstadions (Brasília) nach deutschen Plänen

Montiert werden die Kameras übrigens an den Stadiondächern, die für diverse Austragungsstätten von deutschen Bauingenieuren entworfen wuden. Auch für das Nationalstadion von Brasília, wo das Eröffnungsspiel des Konföderationen-Pokals zwischen Japan und Brasilien ausgetragen wird: Die Stuttgarter Ingenieure von Schlaich Bergermann und Partner (sbp) haben gemeinsam mit den Architekten des Berliner Büros von Gerkan, Marg und Partner (gmp) das Dach mit dem tragenden "Stützenwald" und die Esplanade, auf der das Stadion steht, konzipiert. Für den sbp-Geschäftsführer Knut Göppert hat die Arbeit in Brasilía besonderen Charme: "Das architektonische Umfeld mit all den Niemeyer-Monumenten ist einfach einzigartig", schwärmt der Bauingenieur von den Objekten des bedeutenden brasilianischen Architekten.

Die Arbeitsgemeinschaft aus Deutschland ist nun dabei, sich in Manaus zu verewigen: Dort konzipierten die deutschen Stadionspezialisten gemeinsam mit dem brasilianischen Partner STADIA die Multifunktionsstätte "Arena da Amazônia", deren Fassade aus einem Stahlgestänge sowie Glasfasergewebe verschlossen sind, die ein Unternehmen aus dem nordrheinwestfälischen Greven gefertigt hat. "Das Stadion in Manaus ist vielleicht das aufregendste der ganzen WM - sowohl vom Design her, als auch für uns Ingenieure, die mit den extremen Bedingungen einer Stadt mitten im tiefsten Regenwald zurechtkommen müssen", sagt Göppert, der die Stadionprojekte in Brasilien für sbp leitet.

Fußballtempel Maracanã

Modell des Stadions in Manaus

Strahlende "Arena da Amazônia" im Modell. Das Licht dringt von innen durch deutsche Spezialmembrane

Während Pläne der Berliner gmp-Architekten auch am Stadion von Belo Horizonte umgesetzt werden, bauen die Stuttgarter Ingenieure von sbp am legendären Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro mit - das ausgesprochene Lieblingsprojekt des Fußballfans Göppert: "Das Maracanã, den Fußballtempel schlechthin, mitzugestalten, macht mich ganz besonders stolz."

Das ist nachvollziehbar, denn im Maracanã werden nicht nur die Finalspiele des Confed-Cup 2013 und der WM 2014 ausgetragen, sondern auch die zentralen Veranstaltungen der Olympischen Spiele 2016 stattfinden. Bei all diesen Events werden die bis zu 78.000 Zuschauer übrigens auf Sitzen einer Möbelfirma aus dem schwäbischen Öhringen platznehmen. Für die WM-Stadien in Curitiba und Recife hat ein weiteres deutsches Unternehmen zugeliefert: aus dem fränkischen Wilhermsdorf kommen 43.000 beziehungsweise 44.000 Stühle.

Leichtbau im Rundformat

Für Knut Göppert und seine Bauningenieure von sbp ging es in Rio wieder einmal vor allem um die Dachkonstruktion. Wie schon beim Stadion in Brasília verwendeten die Erfinder das "Speichenradprinzip". Die Grundidee ist die gleiche wie beim Fahrrad: Zwischen einem oder mehreren äußeren Druckringen und einem Mittelelement werden Speichen gespannt. Um daraus ein Dach zu gestalten, wird darüber eine robuste Zeltplane angebracht - auch Membran genannt, die beim Maracanã übrigens von der deutschen Firma aus Bernau am Chiemsee kommt. Für den Stadionbau bedient man sich eines weiteren Kunstgriffs: Die Nabe in der Mitte wird durch einen oder mehrere Spannringe ersetzt, die in der Mitte ein fast beliebig großes Loch freilassen.

Luftiges Hufeisen für Salvador

Innenansicht des Stadions in Salvador

Die Hufeisentribüne des "Fonte Nova" in Salvador. Die Öffnung (vorne rechts) kann als Konzertbühne dienen

Auch die Braunschweiger Architekten von Schulitz und Partner griffen das Speicherrad-Prinzip auf, um "ihr" Stadion zu überdachen. Als einziges deutsches Architekturbüro haben sie den Auftrag über eine öffentliche Ausschreibung gewonnen. Gemeinsam mit dem Partner Setepla aus São Paulo setzten sie sich mit ihrem Entwurf für das Stadion "Fonte Nova" in Salvador da Bahia durch."Für uns war es eine große Ehre, ein Stadion in dem Land zu bauen, wo Fußball Religion ist", sagt Inhaber Claas Schulitz, der das Projekt zur Chefsache machte und dafür sogar Portugiesisch lernte.

Das Ergebnis bezeichnet Schulitz als eine Mischung aus brasilianischer und deutscher Stadiontradition. Typisch brasilianisch ist etwa die Hufeisenform der Tribüne: Die offene Seite, die in Richtung des benachbarten Sees zeigt, soll nicht nur für eine angenehme Belüftung der Arena sorgen. Sie bietet auch Platz für eine Bühne, die auf-, ab- und umgebaut werden kann, ohne den Spielbetrieb auf dem Rasen zu beeinträchtigen. Typisch deutsch ist dagegen auch hier die Dachkonstruktion.

Beton für São Paulo

Modell des Stadions von Sao Paulo

Sorgenkind der FIFA: Das Stadion von São Paulo soll erst im Dezember 2013 fertig sein

"Speichenraddächer sind aufgrund ihres Konstruktionsprinzips eine der effizientesten Lösungen zur Überdachung großer Flächen", sagt der deutsche Bauingenieur Werner Sobek. Er plädiert aber dafür, auch andere Bauweisen stärker zu nutzen. Bei seinem Beitrag zur WM in Brasilien kam wohl ohnehin kein Stoffdach in Betracht: Das Stadion in São Paulo protzt eher mit Beton. Die brasilianischen Architekten betonen in ihrem Entwurf die "harte Beton-Poesie", die der Liedermacher Caetano Veloso in seiner Ode an die Stadt São Paulo besingt. Sobek konzipierte für das Stadion ein Stahlbetondach mit einer Spannweite von 245 mal 200 Metern, in dessen Mitte eine Öffnung von 150 mal 85 Metern das Spielfeld ausspart.

Die Arena São Paulo wird wohl als letztes WM-Stadion fertig werden. Noch fehlt unter anderem das Dach. Immerhin ist inzwischen ein Rechtsstreit beigelegt, der die Bauarbeiten vorübergehend stoppte. Die Baugesellschaft hat nun die Übergabe für Dezember 2013 zugesagt - rund ein halbes Jahr, bevor das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft dort ausgetragen werden soll.

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