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Türkei

Deutsche in der Türkei zwischen Trotz und Angst

In der Türkei leben 50.000 Deutsche als ständige Einwohner. Wirtschaftsfachkräfte, Wissenschaftler oder mit Türken Verheiratete. Sie alle erleben harte politische Veränderungen. So auch die Rentnerin Doris Bierett.

Mit einem fröhlichen "Merhaba" (Hallo) oder "Iyi Günler" (Guten Tag) begrüßt Doris Bierett all jene, die sie an der türkischen Riviera besuchen. Die 73-Jährige hat acht Jahre lang Türkisch gelernt, weil sie sich komplett integrieren und wirklich ankommen wollte. Die erfolgreiche Schauspielerin, Sängerin und Kabarettistin war vor ihrer Pensionierung oft mit dem Schiff "MS-Europa" in aller Welt unterwegs, sah und erlebte dementsprechend viel und hätte sich überall niederlassen können.

Ihre Wahl fiel aber ganz bewusst auf die Türkei. Im Küstenort Kas, rund 200 Kilometer südwestlich von Antalya, hat sie nach langjährigen Urlauben im Land vor acht Jahren eine Wohnung gekauft: "Die Menschen hier sind ungeheuer gastfreundlich und warmherzig!" Das habe sie weder in Frankreich noch in Spanien so erlebt. Außerdem fühle sie sich hier um Jahre jünger. So geht es wohl auch den rund 10.000 anderen Deutschen, die in türkischen Küstenorten ihren Lebensabend verbringen. Doch das vermeintlich paradiesische Leben verändert sich deutlich.

Erdogan verändert das politische Klima

Vor rund vier Jahren fielen Doris Bierett immer mehr Frauen auf, die Kopftücher trugen. Die Menschen wandten sich zunehmend traditionellen Werten zu. Bierett erschien das zunächst nicht unangenehm. Doch dann beobachtete sie, wie immer mehr AKP-Mitglieder auffällig wohlhabend wurden. Der Wohnort von Doris Bierett - vor 30 Jahren nur per Schiff oder über Eselspfade erreichbar - wurde mit moderner Infrastruktur ausgestattet. Mit fortschreitendem Wohlstand erstarkte die Macht Erdogans, der, so Beobachter, besonders von den einfachen Leuten bewundert wird.

Seit dem gescheiterten Putsch gegen Erdogan im Juni dieses Jahres verändern Verhaftungen und organisierte Säuberungen die Türken im Freundes- und Bekanntenkreis von Doris Bierett. "Das Thema Politik sollte man hier in der Türkei gar nicht ansprechen. Heute haben viele Angst etwas zu sagen, was ihnen irgendwann mal zur Last gelegt werden könnte. Und ich hab gemerkt, ich selber kann gar nichts sagen. Ich komm da nicht durch. Ich fühle mich da sehr hilflos." Bierett als sehr Belesene und politisch Interessierte hat natürlich eine Menge Fragen, aber sie stellt sie nicht, weil sie ihre Freunde, darunter auch etliche Polizisten, nicht in Verlegenheit bringen will. "Die haben ihren Eid auf den Staat geschworen."

Militär oder Polizei würde zwar nicht in Kas verstärkt auftreten. Dafür gebe es aber mehr Kontrollen durch Verkehrsstreifen, die Fahrzeugpapiere genau prüfen würden. Menschen wären von einem Tag auf den anderen nicht mehr da. "Eine Deutsche hier, die ich schon lange kenne, war mit einem Türken verheiratet, der eine der Gülen-Schulen besucht hatte. Die beiden sind ganz plötzlich verschwunden." Eine Freundin aus Ankara habe am Telefon geheult und sei ganz außer sich gewesen. "Aus ihrem Bekanntenkreis sind auch einige ins Gefängnis gewandert." An Doris Bierett geht das nicht spurlos vorbei. Da hilft manchmal zur Ablenkung nur der Blick von ihrem Balkon auf die Bucht und die Aussicht auf das nur drei Kilometer weit entfernte Europa - die griechische Insel Kastelorizo. "Falls hier jemals Schießereien beginnen oder Soldaten kommen sollten, sind wir da ja ganz schnell."

Wer den politischen Druck in den Großstädten wie Istanbul oder Ankara nicht mehr aushält, versucht nicht unbedingt das Land komplett zu verlassen, sondern bemüht sich zunächst in den Küstenorten eine Wohnung oder ein Haus zu finden. "Viele kaufen sich hier ein. Das fällt mir hier schon auf", berichtet Doris Bierett. Die Baugenehmigungen an der Küste würden erweitert. Es kämen Türken und Deutsche.

Zwischen Zwei- und Dreitausend Deutsche hätten aber das Land nach dem Putsch ganz verlassen. Diese Zahl nennt ein Mitglied der Vereinigung "Die Brücke", ein Verein, der von Istanbul aus landesweit viele Deutsche und ihre Interessen vertritt und Erfahrungsaustausch ermöglicht. Einige Deutsche, die im Verdacht standen, dem von Erdogan geschmähten Prediger Fethullah Gülen nahe zu stehen, wurden sogar verhaftet. Sie sind aber nach Angaben des deutschen Konsulats wieder auf freiem Fuß. Unzählige Beschäftigte deutscher Firmen in der Türkei haben sich wieder nach Deutschland zurückversetzen lassen. Deutsche Wissenschaftler an der Marmara-Universität in Istanbul waren verunsichert und versuchen jetzt, die langjährige, bisher gute akademische Zusammenarbeit nicht zu gefährden. Und Doris Bierett?

Rückzug ins Private

Die Pensionärin wird sehr nachdenklich. Mit Europa jedenfalls wollten in der Türkei wohl immer weniger etwas zu tun haben. Das hätten ihr viele Türken ganz offen erzählt. "Viele sagen, brauchen wir nicht. Interessiert uns nicht mehr." Damit sei die Hoffnung auf eine engere Bindung zum Westen und seinen Werten erst einmal geschwunden, so Bierett.

Türkei Anschlag in Istanbul - Polizist vor Hagia Sophia (picture-alliance/dpa/T. Bozoglu)

Die Türkei schützt ihre Tradition mit allen Mitteln

Bierett wird grundsätzlich: "Ich sehe die Entwicklung in der ganzen Welt mit Beklemmung. Nicht nur in der Türkei. Es ist überall aus den Fugen geraten. Was will man machen? Sich zurückziehen auf seine kleine Insel und dann das Stück Leben noch genießen."

Früher hätte Bierett als Ensemble-Mitglied des renommierten Berliner Kabaretts "Die Wühlmäuse" bitterböse Kritik geübt. Heute fehlt ihr dazu die Kraft, vielleicht auch ein wenig der Mut zum Widerstand im fortgeschrittenen Alter: "Es gibt einige, die sich hier engagiert haben, die sich dann aber auch wieder zurückgenommen haben, weil es eben auch unter Umständen Ausweisungen bedeuten würde." Bierett glaubt zwar nicht, dass sie im Gefängnis landen würde, wenn sie zusammen mit anderen etwas sagen würde, "aber unser Aufenthalt hier in der Türkei wäre dann bald beendet".  Die Künstlerin hat derzeit nur ein "ikamet", eine Aufenthaltsgenehmigung für die nächsten zwei Jahre. Danach muss sie eine Verlängerung beantragen. Erst im Jahr 2020 - acht Jahre nach ihrer ersten Anmeldung in der Türkei - wäre sie berechtigt, dauerhaft in der Türkei zu verbleiben. Das will sie gerne. Nur für den Fall, dass Erdogans Restriktionen auch auf Ausländer in der Türkei übergreifen, würde sie schweren Herzens gehen.

Doris Bierett übt keine Systemkritik. Sie blickt lieber auf die Türken, die sie so sehr liebt. "Für die Menschen hier ist es eine Katastrophe, dass keine Touristen mehr kommen." Alles, was Türken in Kas und anderen Küstenorten erspart hätten, sei in Geschäfte und Pensionen investiert worden. "Jetzt sitzen sie vor dem Ruin." Bieretts Empfehlung, damit sich die Lage verbessert: "Kommen Sie in die Türkei. Haben Sie keine Angst."

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