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Welt

Deutsche in Äthiopien weiter vermisst

Nach dem Überfall auf eine Touristengruppe in Äthiopien mit fünf Toten werden zwei Deutsche und ihre zwei äthiopische Begleiter weiter vermisst. Stammesälteste helfen bei der Suche.

Erta Ale Vulkan: eine touristische Attraktion in Äthiopien. Foto: EPA/JOSEF FRIEDHUBER

Erta Ale Vulkan: eine touristische Attraktion in Äthiopien

Nach wie vor liegen keine offiziellen Erkenntnisse über den Aufenthaltsort der Vermissten vor. Das Auswärtige Amt blieb am Freitag (20.01.2012) bei der Sprachregelung, dass die Deutschen "vermisst" würden. Das äthiopische Außenministerium verbreitet dagegen die Nachricht, die Deutschen und ihre Begleiter seien nach Eritrea verschleppt worden. Dies lässt sich jedoch nicht unabhängig verifizieren. Bereits unmittelbar nach dem Überfall hatte Addis Abeba "von Eritrea ausgebildeten Banden" die Schuld für den Überfall in den frühen Morgenstunden des Dienstags (17.01.2012) gegeben. Die eritreische Regierung weist dies zurück und bezeichnet die äthiopischen Beschuldigungen als "Schmierenkampagne".

Derweil läuft die Suche nach den Verschleppten auf Hochtouren. Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) und der deutschen Botschaft in Nairobi verstärken die Diplomaten in Addis Abeba. Äthiopische Sicherheitskräfte sind nach Angaben der Regierung in die Suche eingebunden. Es darf als sicher gelten, dass auch die eritreischen Behörden um Mithilfe gebeten wurden. Das Auswärtige Amt hat inzwischen seine Sicherheitshinweise verschärft und rät bis auf weiteres von Reisen in die Denakil-Wüste und die Afar-Region ab.

Stammesälteste helfen bei Vermittlung

Die Danakil Wüste ist eine der heißesten Regionen der Erde. Foto: dpa-Erfassungsdatum: 12.08.2010

Die Danakil-Wüste ist eine der heißesten Regionen der Erde

Wie schon 2007 könnte den Stammesältesten der Afar eine zentrale Rolle bei der Suche nach den vier Vermissten und bei möglichen Freilassungsverhandlungen zukommen. Zwar betonte der Präsident der Region Afar, Ismail Ali Sero, gegenüber der DW-WORLD.DE, man werde alles tun, um die Geiseln freizubekommen und die Täter zur Strecke zu bringen. Dies ist freilich die offizielle äthiopische Regierungsposition. Doch in der nomadisch geprägten Kultur der Afar, die auf dem Staatsgebiet der Länder Äthiopien, Eritrea und Dschibuti siedeln und die Grenzen auf der Suche nach Weideland für ihr Vieh beliebig überqueren, ist die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan wichtiger als die Loyalität zu der Regional- oder gar Bundesregierung in der Hauptstadt. Diese Eingebundenheit in lokale Strukturen werden sich die Unterhändler zunutze machen wollen. Sobald der Aufenthaltsort der Vermissten ermittelt ist, dürften die Stammesältesten als Mittelmänner eingeschaltet werden. Die vor fünf Jahren in der Danakil-Wüste entführten fünf Europäer und 13 Äthiopier waren nach ähnlichen Verhandlungen am Ende nach Zahlung eines Lösegeldes in Eritrea freigelassen worden.

Verbalattacken zwischen Äthiopien und Eritrea

Meles Zeinawi Äthiopiens Premierminister (ddp images/AP Photo/Jason DeCrow)

Äthiopiens Premierminister Meles Zeinawi

Politische Beobachter der Region versuchen derweil zu deuten, wie ernst gemeint die Drohungen der äthiopischen Regierung gegenüber dem angeblichen Drahtzieher des Überfalls Eritrea sind. Der äthiopische Generalkonsul in Frankfurt, Mulugeta Zewdie, hatte am Mittwoch dem äthiopischen Sprachdienst der Deutschen Welle gesagt, sein Land sei nun gezwungen, "alle notwendigen Maßnahmen" gegen Eritrea zu ergreifen. Das Säbelrasseln aus Addis Abeba erinnert an frühere Verbalscharmützel. 1998 mündeten sie in einem verlustreichen Grenzkrieg mit geschätzten 70.000 Toten, der bis heute die Feindschaft der beiden Länder begründet.

Politisch motivierter Anschlag oder Raubüberfall?

Isaias Afeworki, Präsident von Eritrea EPA/OLIVIER HOSLET +++(c) dpa - Report+++

Isaias Afeworki, Präsident von Eritrea

Über die Täter kann weiter nur spekuliert werden. Die Afar-Region ist nicht nur aufgrund des lebensfeindlichen Klimas ein "aggressives Umfeld", wie es ein hochrangiger Afrika-Beamte der Bundesregierung ausdrückt. Zahlreiche Rebellengruppen und Untergrundbewegungen sowie kriminelle Banden sind in der Grenzregion zu Eritrea aktiv. So ist in der dünn besiedelten und äußerst armen Region, in der Waffenbesitz zum Selbstverständnis der nomadisch lebenden Männer zählt, auch ein Raubüberfall ein möglicher Hintergrund. Bekennerbriefe oder Lösegeldforderungen sind bislang nicht eingegangen.

Die separatistische Untergrund-Bewegung "Revolutionäre Demokratische Einheitsfront Afars" (ARDUF), eine Vereinigung von Afars, die gegen die äthiopische Regierung kämpft und 2007 die Verantwortung für die Entführung der Reisegruppe übernommen hatte, war auch am Freitag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen für Pilger, Touristen und Politiker

Der Dresdner Reiseveranstalter Diamir, hat alle Reisen in die betroffene Region abgesag. Foto: Arno Burgi dpa/lsn

Der Dresdner Reiseveranstalter Diamir hat alle Reisen in die betroffene Region abgesagt

Der Freitag (20.01.2012) ist ein hoher Feiertag der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Insbesondere in der nördlichen Stadt Gondar strömen traditionell Tausende Gläubige und Touristen zu den farbenfrohen Umzügen zusammen. Es wird erwartet, dass die Sicherheitsvorkehrungen nach dem Zwischenfall in Afar verschärft werden. Kulturgeschichtliche Sehenswürdigkeiten wie die mittelalterliche Kaiserstadt Gondar mit ihren zahlreichen Schlössern gelten als potentielles Anschlagsziel.

In der kommenden Woche beginnt in Addis Abeba zudem das jährliche Gipfeltreffen der Afrikanischen Union (AU). Es wird erwartet, dass die Sicherheitsvorkehrungen dann noch einmal deutlich angezogen werden. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen wirft Eritrea vor, einen Anschlag auf den letztjährigen Gipfel der afrikanischen Staats- und Regierungschefs geplant zu haben. Dies gibt Äthiopien ein zusätzliches Argument, den ungeliebten Nachbarn der Destabilisierung zu bezichtigen.

Weitgehend unbeachtet von der internationalen Öffentlichkeit wurden am Mittwoch in Addis Abeba drei äthiopische Journalisten und zwei Politiker unter Äthiopiens drakonischem Anti-Terror-Gesetz verurteilt. Ihnen droht bei der Verkündung des Strafmaßes am 26. Januar die Todesstrafe.

Autor: Ludger Schadomsky
Redaktion: Katrin Ogunsade

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