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Nahost

Deutsche im heiligen Krieg gegen Assad

Deutsche Dschihadisten kämpfen auf Seiten der syrischen Rebellen gegen den Diktator Assad. Die Sicherheitsbehörden befürchten, dass einige von ihnen als Terroristen nach Deutschland zurückkommen könnten.

Die beiden bärtigen jungen Männer sprachen sehr gut Deutsch. Kurt Pelda traf sie in den Trümmern der Stadt Asas im Norden Syriens. Die Männer erzählten dem Schweizer Kriegsreporter, dass sie aus Deutschland kämen und in "humanitärer" Mission unterwegs seien. Ein Euphemismus, mit dem viele ausländische Dschihadisten ihre Anwesenheit in Syrien erklären. "Natürlich", so Pelda, "sagen die nie, dass sie kämpfen".

Pelda war in den vergangenen Monaten mehrmals in Syrien unterwegs. Immer wieder ist er dabei auch ausländischen Kämpfern begegnet. Bei rund zwei Dutzend, sagt Pelda, sei er sich sicher gewesen. Oft aber sei es auch nur ein Verdacht, denn viele der Kämpfer wollten nichts über ihre Herkunft sagen. Auch die beiden Deutschen hielten sich relativ bedeckt, nannten weder ihre Nachnamen, noch die Stadt, aus der sie kommen. Zu groß ist offenbar die Angst, dass sie nach ihrer Rückkehr Probleme mit den deutschen Sicherheitsbehörden bekommen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) (Foto: Bernd Wüstneck/dpa )

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU)

Tatsächlich haben Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst ein Auge auf die deutschen Dschihadisten in Syrien geworfen. Innenminister Hans-Peter Friedrich geht davon aus, dass rund 40 Deutsche und bis zu 700 Europäer auf Seiten der syrischen Opposition kämpfen. "Diese Leute", erklärt Friedrich, "werden dort weiter radikalisiert, sie werden ausgebildet: Sprengstoff, Autobomben, alles Mögliche." Es bestehe die Gefahr, dass sie ihr Wissen nach ihrer Rückkehr gegen Deutschland einsetzten: "Das macht uns große Sorge". Deswegen müssten die Behörden die Reisetätigkeit der Szene aufmerksam beobachten.

"Es gibt Versuche, diese Leute aufzuhalten", sagt Guido Steinberg, Terrorexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Wirklich verhindern aber könnten die Behörden die Ausreise nicht. Schließlich müssen die potenziellen Kämpfer nur in die Türkei oder in eines der anderen Nachbarländer fliegen. Von dort können sie relativ einfach mit Hilfe der syrischen Opposition die Grenze überqueren.

Hass auf Assad

Es ist die Wut über die Massaker des Assad-Regimes, die die ausländischen Kämpfer nach Syrien treibt. In der Regel haben sie arabische oder kurdische Wurzeln. Eine wichtige Rolle bei der Anwerbung spielt das Internet. Dort kursieren unzählige mit pathetischer Musik unterlegte Videos von bei Angriffen getöteten Frauen und Kindern. Ganz direkt wird darin aufgefordert, in den Krieg gegen Assad zu ziehen.

Wut über die Zerstörung: ein Kämpfer der Opposition in Aleppo (Foto: DIMITAR DILKOFF /AFP/Getty Images)

Wut über die Zerstörung: ein Kämpfer der Opposition in Aleppo

"Die meisten Kämpfer haben das Gefühl, dass die arabischen und die westlichen Regierungen die Syrer im Stich gelassen haben", sagt Aaron Y. Zelin. Er ist Sicherheitsexperte des Washington Institute for Near East Policy. "Sie wollen ihren sunnitischen Glaubensbrüdern beistehen."

Das sei ein bekanntes Phänomen, ergänzt Guido Steinberg. "Überall dort, wo Muslime militärisch in Not sind, fühlen sich andere Muslime berufen, ihnen zur Hilfe zu kommen. Das war schon in Afghanistan so und das war auch im Irak so."

Doch nicht alle dieser Kämpfer seien Dschihadisten, betonten die beiden Experten. Einige schließen sich der gemäßigten oppositionellen Freien Syrischen Armee an, andere Al-Kaida-nahen Gruppen wie der Al-Nusra-Front, die für zahlreiche Bombenanschläge mit vielen Toten verantwortlich ist.

Doch selbst wer zur Al-Nusra-Front geht, ist nicht notwendigerweise ein extremer Islamist. Viele der Kämpfer zieht vor allem die militärische Schlagkraft der Al-Nusra-Front an.

Islamisierung des Aufstands

Dr. Guido Steinberg erklärt die deutsche Nahostpolitik. Copyright: DW/S. Amri

Der Nahost-Experte Guido Steinberg

In den vergangenen Monaten hat die Al-Nusra-Front deutlich an Einfluss gewonnen. Viele Einheiten der Opposition haben sich ihr angeschlossen. "Viele waren ursprünglich gar nicht dschihadistisch gesinnt, haben sich aber überzeugen lassen, weil die Nusra-Front gut organisiert ist und über eine gute Logistik und eine gute Finanzierung verfügt", sagt Guido Steinberg. "Die haben sich inzwischen schon fast an die Spitze dieses Aufstands gestellt."

Auch der Kriegsreporter Kurt Pelda berichtet von einer deutlichen Islamisierung des Konflikts. "Am Anfang ging es um Demokratie und Freiheit. Damals sah man noch häufig die grün-weiß-schwarze Unabhängigkeitsflagge von Syrien. Heute sieht man vor allem die schwarzen Al-Kaida Fahnen." Bisher aber sei die Priorität dieser Gruppen der Sturz Assads. Noch gebe es in Syrien keinen anti-westlichen Dschihad.

Gefahr der Radikalisierung

Natürlich, so Pelda, sei die Gefahr einer weiteren Radikalisierung der bei der Al-Nusra-Front kämpfenden jungen Ausländer nicht von der Hand zu weisen. "Die werden dort einer langsamen Gehirnwäsche unterzogen. Wenn die richtig indoktriniert sind, dann kann von solchen Leuten später schon eine Bedrohung für ihre Heimatländer ausgehen." Das zeige auch die Erfahrung aus anderen Konfliktgebieten.

"Selbst wenn nur drei oder vier kampferprobt und ausgebildet zurückkommen und dann hier terroristisch aktiv werden, kann das eine enorme Gefahr darstellen", sagt der Terrorexperte Steinberg. Sein Kollege Zelin empfiehlt deswegen, die Rückkehrer genau zu beobachten. Allerdings habe eine Studie ergeben, dass in der Vergangenheit nur einer von neun Betroffenen nach der Rückkehr einschlägig auffällig wurde.

Militärisch irrelevant

Für den Aufstand spielen die Kämpfer aus Deutschland oder anderen europäischen Ländern allenfalls eine symbolische Rolle. Die meisten verfügen bei ihrer Ankunft über keine militärische Ausbildung. Insofern sind sie für die Rebellen zunächst eher ein Klotz am Bein. Oder sie werden als Kanonenfutter verheizt.

Anschlag auf den syrischen Premierminister Al Halki Ende April (Foto: LOUAI BESHARA/AFP/Getty Images)

Terror als Mittel des Widerstands: Anschlag auf den syrischen Premierminister Al-Halki Ende April 2013

Wesentlich nützlicher sind da schon die Kämpfer aus Afghanistan, dem Irak, Jemen oder Libyen, die über Kriegserfahrung verfügen. Ohnehin stellen sie den größeren Teil der Ausländer in Syrien. Die Al-Nusra-Front zum Beispiel nutzt heute Terrortaktiken, die sie ganz offenbar von ihren irakischen Mitstreitern gelernt hat.

Insgesamt, so schätzt der Sicherheitsexperte Aaron Y. Zelin, liege der Gesamtanteil der Ausländer an den oppositionellen Kämpfern zwischen fünf und zehn Prozent.

Doch auch Präsident Baschar Al-Assad bedient sich bei ausländischen Kräften. Die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützt Assad und immer wieder ist auch von iranischen Milizionären in den Reihen der Assad-Truppen die Rede.

Waffen statt Dschihadisten

Die oppositionelle Freie Syrische Armee wünscht sich übrigens ganz andere Hilfe aus dem Ausland: "Wir brauchen keine Dschihadisten und keine ausländischen Kämpfer", erklärt deren Sprecher Malik Al-Kurdi, "wir haben selbst genug Männer. Was uns fehlt, das sind Waffen".

Nach dem Sturz des Assad-Regimes werde es für die ausländischen Kämpfer keinen Platz mehr in Syrien geben, betont er: "Wir sagen ihnen dann 'Vielen Dank und auf Wiedersehen'."

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