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Wirtschaft

Deutsche Großprojekte: Teurer und später

Es heißt: weiter warten! Die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens wird sich wohl erneut verzögern. Terminverschiebung und Kostenexplosion - damit bildet das Großbauprojekt in Berlin keine Ausnahme.

ARCHIV - Die Luftaufnahme vom 02.05.2012 zeigt das Gelände des neuen JadeWeserPorts in Wilhelmshaven. Am Kajenanfang (l) sind die ersten vier Containerbrücken zu sehen. Am 05.05. soll Deutschlands einziger Tiefwasserhafen am Jadebusen in den Probebetrieb gehen. Die offizielle Inbetriebnahme des niedersächsisch-bremischen Großprojektes ist für den August 2012 geplant. Foto: Ingo Wagner dpa/lni (Zu dpa-KORR JadeWeserPort vom 04.05.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++

JadeWeserPort Luftaufnahme Wilhelmshaven

Die Deutschen sind fleißig, pünktlich und arbeitsam. Was sie anpacken, das funktioniert auch. So zumindest der Ruf. Gerecht werden können sie dem nicht immer. Viele Großprojekte zeigen, das es auch hier all die Dinge gibt, die man eigentlich eher in anderen Nationen vermuten würde: zeitlichen Verzögerungen, Sprengung des finanziellen Planungsrahmens bis hin zu Pfusch, Betrug und Korruption. Jüngstes Beispiel: der neue Berliner Flughafen. Erst im Juni war der Starttermin kurzfristig abgesagt worden. Nun wird wohl auch der neu anvisierte Termin im kommenden Frühjahr noch mal verschoben werden, heißt es aus Kreisen der Flughafengesellschafter Berlin, Brandenburg und Bund. Und auch die Kosten sind im Laufe des Baus erheblich gestiegen.

Keine Ausnahme, Probleme gab es auch beim Tiefseehafen Jade Weser Port in Wilhelmshaven, beim World Conference Center in Bonn oder bei der Hamburger Elbphilharmonie. Die Liste der deutschen großen Bauprojekte, bei denen Kosten und Fertigstellung aus dem Ruder laufen, kann noch erheblich verlängert werden. Wie kommt es, dass in der Industrienation Deutschland immer wieder Bauskandale die Öffentlichkeit in Aufruhr bringen? Kann in der deutschen Baubranche nicht gerechnet werden?

Viele Köche verderben mitunter den Brei

Daran liegt es nicht, meint Peter Tzeschlock, Vorstand bei der internationalen Bauberatungsfirma Drees und Sommer . Ein wesentlicher Grund für Pannen am Bau sei, dass seit einigen Jahren nicht mehr Generalunternehmer, die alles koordinieren beauftragt werden, sondern viele kleine Einzelunternehmen. Das könnten bei großen Projekten schnell hunderte sein. Dadurch stehe aber der Bauherr vor einer großen Herausforderung, weil er nun selber alle Schnittstellen zwischen den Unternehmen koordinieren müsse, so Tzeschlock.

"Wenn der Auftraggeber das im Griff hat, hat er Kostenoptimierungspotentiale von 20 bis 30 Prozent." Bei Großprojekten mit einem Investitionsvolumen von ein paar hundert Millionen Euro seien das dann gigantische Summen. "Das Risiko ist aber, dass der Auftraggeber deutlich mehr Verantwortung hat. Bei allen Großprojekten, die nicht gut laufen, die also Termin- oder Kostendruck haben, sehen wir immer das gleiche, dass dort nämlich genau diese Schnittstellen nicht beherrscht worden sind."

Nachträgliche Änderungen sind Gang und Gebe

Neben solchen organisatorischen Gründen führen immer wieder Änderungswünsche des Bauherren, die während der Bauphase kommen, dazu, dass die Kosten den geplanten Rahmen sprengen, sagt Cornelius, Präsident des Verbandes der Beratenden Ingenieure. Solche Änderungen kosten nicht nur Zeit, der Bauherr müsse zudem manchmal mehr bezahlen als nötig. "Da stellt man dann fest, dass die Baufirmen, die vorher im Wettbewerb den Auftrag bekommen haben, kreativ sind und sich alles Mögliche einfallen lassen, um mit ihrem Nachtragmanagement die Kosten, die in der Kalkulation zu niedrig angegeben wurden, auf dem Rückweg wieder rein zu holen", so Cornelius.

"Nicht die richtigen Kosten angegeben…"

Das die Unternehmen am Anfang sehr niedrig kalkulieren, liegt daran, dass Aufträge in der Regel ausgeschrieben werden. Öffentlichen Bauherren müssen zwar das 'wirtschaftlichste Angebot' auswählen. Oft fällt aber die Entscheidung für das billigste Angebot, meint Cornelius. Denn sonst müssten die Zuständigen in den Behörden lange Begründungen abgeben, warum sie ein teureres Angebot bevorzugt haben. Um den Auftrag in diesem Bieterwettbewerb zu bekommen, würden die Unternehmen teilweise bewusst ihre Kosten zu niedrig ansetzen, sagt Franz Josef Schlappka, baubetrieblicher Berater. "Würde man oft die richtigen Kosten angeben, würde das Projekt möglicherweise verworfen werden. Und derjenige, der ein Interesse daran hat, dass das Projekt gebaut wird, der wird sich hinsichtlich der tatsächlich ihm bekannten Kosten bedeckt halten."

Änderungen treiben aber nicht nur die Kosten, sie beherbergen auch andere Risiken, so Tzeschlok. Denn wenn Terminverschiebungen drohen würde deutlich mehr geleistet als geplant, um so zu versuchen, trotzdem im alten Terminplan zu bleiben. "Am Ende kommt da dann Pfusch raus. Das heißt, es wird mit aller Gewalt versucht irgendeinen Termin zu halten, obwohl er eigentlich gar nicht richtig haltbar ist. Und damit wird die Qualität extrem reduziert."

Einfluss aufs Auslandsgeschäft

Aber trotz solcher schlechten Beispiele, trotz Kostensteigerungen, zeitlichen Verzögerungen und sogar Kriminalität hat die Baubranche in Ausland immer noch einen guten Ruf, sagt Tzeschlock. Das Image des deutschen Ingenieurwesens, die deutsche Tugend, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit und auch die Transparenz, die Deutsche über die eigene Arbeit schaffen, das seien Dingen mit denen sein Unternehmen im internationalen Geschäft wuchern würde. "Korruption, die in Deutschland leider vorkommt, findet in Dimensionen statt, die im Ausland kaum wahrgenommen würden, so Tzeschlock. "Wir sind noch nie darauf angesprochen worden sind und wir sind viel im Ausland unterwegs."

Aber: "Es ist Gefahr im Verzug", warnt Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie. Zweifel Großprojekte realisieren zu können, fehlende Finanzierungsmöglichkeiten, Rechtsstreitigkeiten und Anwohnerproteste, würden dazu führen, dass in Deutschland weniger Großprojekte angepackt würden als in anderen europäischen Staaten. Und so gibt es nach Angaben des Verbandes bundesweit einen Investitionsstau von gut 70 größeren Projekten im Volumen von knapp 48 Milliarden Euro. Solche Projekte seien aber wichtig, damit die Deutschen am Ende nicht doch noch ihre Kernkompetenz für hochkomplexe Bauvorhaben und ihren guten Ruf verlieren.