1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Deutsche Gastarbeiter auf englischen Baustellen

Klempner und Elektriker wandern aus – denn deutsche Fachkräfte zieht es nach Großbritannien. Dort stehen die Olympischen Spiele 2012 an – neue Gebäude sollen mit deutscher Präzision und Effizienz aufgebaut werden.

Mann bedient einen Presslufthammer. (Quelle: APTN)

Deutsche "Manpower" wird in Großbritannien gebraucht

Facharbeiter sind in Großbritannien Mangelware. Das liegt daran, dass sie nicht richtig ausgebildet werden. Es gibt kaum mehr Firmen, die Lehrlinge anlernen. Sie stellen lieber Arbeiter aus Osteuropa an, die sind billiger und bringen mehr Fertigkeiten mit. Allerdings kehren immer mehr polnische Klempner in ihre Heimat zurück. Aber: Die Olympischen Spiele 2012 in London stehen vor der Tür – und es muss viel gebaut werden. Und da liegt eine Chance auch für deutsche Fachkräfte. Klempner, Elektriker, Installateure mit Meistertitel und zusätzlichen englische Qualifikationen, sind sehr gefragt.

Ralf Obermaier ist einer von ihnen. Der aus Hobsten stammende Westfale ist Anfang 30 und trägt adrette graue Arbeitskluft. "Ich habe das britische Essen ausprobiert, aber mein Fall ist es nicht", sagt der gelernte Gas-Wasserinstallateur. "Da greift man zurück auf McDonalds oder geht zu Lidl und holt sich da mal schöne Sachen, die man in Deutschland auch kennt."

Bei ihm zu Hause gab es wenige Arbeitsaufträge. Und so ging er gleich mit einem ganzen Team deutscher Facharbeiter über den Ärmelkanal. Den Auftrag hatte ein deutscher Sub-Unternehmer an Land gezogen.

"Hier hin zugehen, hat sich gelohnt"

Elektriker bei der Arbeit.(Quelle: KEYSTONE)

Gut ausgebildete Fachkräfte sind Mangelware

"Es gibt sehr viel Arbeit hier in England und sehr wenig Leute. Da bin ich hier gelandet", erzählt Obermaier. Auf der Baustelle seien viele deutsche Leute, Elektriker, Fliesenleger. "Es lohnt sich, hier zu arbeiten und den deutschen Standard hier zu verbreiten."

Schiefe Wände, undichte Fenster, exzentrisch verlegte Rohre – die meisten Briten sind an nichts anderes gewöhnt. Nicht so zwei große deutsche Supermarktdiscounter, die in Großbritannien gerade Fuß fassen. Sie engagieren lieber deutsche Firmen, die eigene Facharbeiter mitbringen, erzählt Ralf Obermaiers Chef, Jens Steinbrink, ein junger Haustechnik-Unternehmer aus Lotte bei Köln. Sein Firmensitz ist weiterhin in Deutschland, aber seit 2005 erledigt er die meisten Aufträge in Großbritannien. Das Geschäft floriert: "Für uns war der Schritt nach England eine Supersache, weil wir uns hier einen großen Marktanteil und Beschäftigung erkämpft haben." Der Blick in die Zukunft sieht in England positiv aus, lautet Steinbrinks Prognose.

Zwei Wochen hart arbeiten, eine Woche Heimaturlaub: Damit lässt sich gut leben, vor allem wenn es gute Billigflugverbindungen gibt. Jens Steinbrink hat für sein Team ein kleines Häuschen angemietet. Dort müssen sich die deutschen Installateure notgedrungen mit launischen englischen Duschen und Klos begnügen. Und auch im Arbeitsbereich hat man sich - so Jens Steinbrink - erst einmal tüchtig umzustellen.

Kleine Unterschiede im Großhandel

"Bei der Arbeit muss man schon alles recht sorgfältig planen, denn alles, was beim Start der Baustelle fehlt, ist sehr schwer zu organisieren", erklärt Steinbrink. Viele Teile, die sie einbauen, gebe es im Fachgroßhandel gar nicht so wie sie sie in Deutschland verarbeiteten. "Da ist die Organisation ein großer Aufwand. Außerdem ist es natürlich eine Frage des Preises – der ganz normale Handelsbedarf gestaltet sich um einiges teurer."

Mehr Informationen zu Großbritannien

Beim ersten Mal kann man auf die Nase fallen, vor allem wenn man die strengen Arbeitsschutzbestimmungen in Großbritannien ignoriert, sagt Joachim Pfeiffer von der Baufirma Wittfeld. Zudem müssen Facharbeiter mit deutschem Meistertitel auch englische Prüfungen ablegen, die zum Teil sehr teuer sind. Aber insgesamt ist Pfeiffer rundum zufrieden. Sein Unternehmen kam schon vor fünf Jahren auf die Insel und zieht immer dickere Aufträge an Land. Trotz Rezession.

"Ein Geheimrezept gibt es eigentlich nicht. Bisher gab es den Vorteil, dass das Pfund relativ stark war", sagt Pfeiffer. Inzwischen habe sich das Pfund angeglichen, so dass es auf dem englischen Markt schwieriger sei. "Aber wir haben als deutsche Firma den großen Vorteil, dass wir effektiver arbeiten und vor allem auch im technischen Bereich einige Vorsprünge gegenüber den englischen Bauunternehmen haben", erläutert Pfeiffer.

Deutsche auf englischen Baustellen

Bauarbeiter unterhalten sich und sitzen vor Zementsäcken. (Quelle: Bilderbox)

"Socializing" in der Pause zwischen Zementsäcken

Besonders gefragt sind deutsche Fertigteile, weil man damit sehr viel schneller ein Gebäude erstellen kann, das robusten Anforderungen standhält, erzählt Joachim Pfeiffer. Er beschäftigt ab und zu auch englische Arbeiter. Unterschiede seien in der Tat vorhanden.

"Die Deutschen sind etwas zielgerichteter oder effektiver bei der Arbeit. Bei den Engländern wird schon mal länger geplaudert, mehr 'socialising'", sagt er und lacht. Andrerseits ist die Atmosphäre auf englischen Baustellen entspannter. In Deutschland arbeiten die Leute nicht immer so gut zusammen.

Manchmal ist es so, dass der eine dem anderen die Arbeit wieder kaputt macht, gibt Pfeiffer ein Beispiel. "Das klappt hier auf den Baustellen eigentlich besser, gerade mit den Deutschen, weil die Leute stärker aufeinander angewiesen sind", sagt der deutsche Unternehmensführer. Die deutschen Arbeiter träfen sich häufiger, weil sie sich an der nächsten Baustelle wieder über den Weg liefen. "Darum verbringt man dann miteinander auch mal den Abend und arbeitet auch besser zusammen. Logisch."

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema