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Amerika

Deutsche Fregatte im US-Marineverband

Zum ersten Mal ist ein deutsches Marineschiff Teil eines US-Flugzeugträgerverbands. Ohne Bundestagsmandat sind der Fregatte HESSEN dabei allerdings enge Grenzen gesteckt.

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Die See ist ruhig und der Himmel hat einen leichten Grauschleier. Über die Lautsprecher auf der Brücke ist knatternd der Funkverkehr der US-amerikanischen Kriegsschiffe zu hören, die vor dem Marinestützpunkt Norfolk im US-Bundesstaat Virginia ihre Übungen machen. Genauso wie "Warship 221", wie die deutsche Fregatte HESSEN im Funkverkehr heißt. Oberleutnant zur See Stephan Tief sorgt dafür, dass das Schiff dabei auf Kurs bleibt. Der Navigationsoffizier ist seit 15 Jahren bei der Marine, seit zwei Jahren an Bord der Fregatte. Dieser Einsatz, sagt er, sei schon etwas Besonderes. Denn die HESSEN steht derzeit unter US-amerikanischem Kommando. Sie gehört jetzt offiziell zum Einsatzverband um den Flugzeugträger USS "Harry S. Truman".

Der Komnandant der Hessen, Fregattenkapitän Dirk Gärtner (Foto: DW/ Christina Bergmann)

Der Komnandant der Hessen, Fregattenkapitän Dirk Gärtner

In ein paar Wochen wird die Fregatte den Flugzeugträger auf dem Weg über den Atlantik begleiten, zum Mittelmeer und dem Horn von Afrika. Es ist eine Premiere, die geübt werden will. Denn wenn ein Schiff in einem Verband mit einem Flugzeugträger fährt, erklärt Oberleutnant Tief, bekommt es ganz spezielle Aufgaben, die es genau ausführen muss: "Da ist es natürlich wichtig, dass im Vorfeld Unterrichtung, Ausbildung und Einweisung stattfinden."

Übung macht den Meister

Wenn Streitkräfte aus unterschiedlichen Nationen zusammen arbeiten, erklärt der stellvertretende US-Marinestaatssekretär William Natter, stelle man erst bei der praktischen Übung fest, wo die Probleme liegen. Natter ist an diesem Tag zu Besuch auf der HESSEN und erzählt von einer Übung, bei der ein amerikanischer Hubschrauber die Fregatte ansteuerte, um das Auftanken durch zu exerzieren: "Und erst, als der Hubschrauber gelandet war, stellten wir fest, dass die Tanköffnung auf der anderen Seite angebracht ist als bei den deutschen Hubschraubern." Deswegen habe der Tankschlauch nicht gereicht. Auch dass Deutsche ihre Schiffe mit Diesel betreiben und nicht das Kerosin der Amerikaner tanken können, sei bei einer anderen Übung plötzlich bewusst geworden.

Soldaten auf dem Deck der Fregatte Hessen (Foto: DW/ Christina Bergmann)

"Leinen Los" heißt es bald für die deutsche Fregatte Hessen

Nach dem Irak-Krieg und der dort aktiven "Koalition der Willigen" unter Führung der USA habe man überhaupt erst einmal prüfen müssen, so Fregattenkapitän Dirk Gärtner, "inwieweit sich die US-Navy von den NATO-Verfahren entfernt hat". Doch der Kapitän der HESSEN ist zufrieden, Technik und Prozeduren seien kompatibel, sagt er. Die Amerikaner hätten sich allerdings erst daran gewöhnen müssen, dass die Deutschen einen Bundestagsbeschluss brauchen, wenn während einer Übung, in der es um Begleitschutz geht, ein Angriff befohlen werden muss, der über Selbstverteidigung hinausgeht. "Die strikte Bindung von Kräften an mandatierte Einsätze ist in den Vereinigten Staaten so nicht gegeben", erklärt Kapitän Gärtner. Die deutsche Position stoße vor allem bei amerikanischen Soldaten der mittleren Führungsebene zunächst auf Unverständnis. "Man wird mit großen Augen erst mal angeguckt, dann fängt die Diskussion an", sagt Gärtner, "und wenn dann die Positionen klar sind, ist es eigentlich ganz einfach miteinander umzugehen, weil beide Seiten wissen, wo die Grenzen des anderen sind."

Den Flugzeugträger schützen

Die HESSEN muss sich also bei dieser Entsendung darauf beschränken, die Amerikaner bei der Luftraumüberwachung des jeweiligen Gebiets zu unterstützen, in dem die Flotte unterwegs ist. Dafür ist sie mit ihrem Radar, das eine Fläche von 500.000 Quadratkilometern abdecken kann, bestens ausgerüstet. Geachtet wird dabei vor allem auf kleine Boote oder Flugzeuge. Denn die Zeiten, in denen das U-Boot eines feindlichen Staates die größte Bedrohung darstellt, sind vorbei. Und ein Flugzeugträger ist nicht so unverwundbar, wie er aussieht, erklärt Oberleutnant zu See Sven Siegismund. Das Problem sei der "Nahbereich". Der Flugzeugträger hat keine Waffen, um sich gegen kleine Flugzeuge oder schnelle Boote zur Wehr zu setzen, erklärt Siegismund: Es würde viel zu lange dauern "bis der seine Flugzeuge in der Luft hat. Dafür braucht man halt Fregatten, damit wir dann an den Seiten stehen und ihn davon freihalten", fügt er hinzu.

Besatzung der Fregatte Hessen legt Splitterschutzweste und Flammenschutzaurüstung zu Übungszwecken an. (Foto: DW/ Christina Bergmann)

Oberleutnant zur See Siegismund hilft Hauptgefreitem Christoph Krätsch, Splitterschutzweste und Flammenschutzausrüstung anzulegen.

Denn wenn der Verband angegriffen wird, dürfen auch die deutschen Marinesoldaten auf der HESSEN das Feuer eröffnen. Dazu sind unter anderem die Maschinengewehre da, die rundum auf dem Deck angebracht sind. Und so wird neben dem Bergen eines über Bord gegangenen Soldaten und einem Brand auf dem Schiff auch das Schießen geübt, erklärt Oberleutnant Siegismund, und zwar mit einer sogenannten "Killertomate": "Das ist ein riesengroßer roter Ball, der wird ins Wasser geschmissen, und dann üben wir mit unseren Waffen, mit unseren Leuten, dass die auf dieses Ziel schießen." Bei Seegang sei das gar nicht so einfach, erläutert er: "Da muss man den richtigen Moment erwischen, dass man schießen kann, sonst geht's zu weit, ins Wasser oder darüber."

Stolz auf den Einsatz

Doch auch, wenn die Deutschen "nur" beim Aufklären helfen und das ganze als Übung deklariert ist, die Zusammenarbeit sei sehr nützlich, betont US-Staatssekretär Natter. Die Vorteile sieht er zum einen darin, dass durch den frischen Blick von außen eingefahrene Prozeduren hinterfragt und dadurch verbessert werden können. Und zum anderen seien die Welt und die Meere auch im Informationszeitalter nicht kleiner geworden. Es sei wichtig möglichst viele Daten zu sammeln: "Wenn wir ein Schiff vor der Küste eines Landes stationieren können, und ein anderes, das dem gleichen Kampfverband angehört, am anderen Ende des Horizonts, und die Informationen dann austauschen, dann ist das ein großer Vorteil." Die Integration der HESSEN in den US-Verband sei "sehr wichtig" und hoffentlich nur der Anfang von weiteren Kooperationen, ergänzt er.

Die Besatzung von Warship 221 ist jedenfalls stolz, zur "Carrier Strike Group" der USS Truman zu gehören, auch wenn das Schiff zusätzlich in den Verband aufgenommen wurde und kein amerikanisches ersetzt. Oberleutnant Tief erklärt, dass sich die Deutschen nicht verstecken müssten. "Die Amerikaner sind von uns sehr beeindruckt", sagt er und ergänzt selbstbewusst: "Wie wir organisiert sind, wie wir uns auf Sachen vorbereiten und wie wir etwas durchführen, da sind wir gut. Absolut."

Autorin: Christina Bergmann
Redaktion: Mirjam Gehrke