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Welt

"Deutsche Firmen sollten in Nigeria bleiben"

Ein entführter deutscher Ingenieur wird immer noch gesucht. Wie sicher sind ausländische Unternehmen im wirtschaftsstärksten Land Afrikas? DW-WORLD.DE sprach mit André Rönne von der deutschen Auslandshandelskammer.

DW-WORLD.DE: Herr Rönne, ein Ingenieur einer deutschen Firma ist Ende Januar (26.01.2012) nahe Kano entführt worden. Wie stark ist denn die deutsche Wirtschaft in Nigeria vertreten?

André Rönne: Wir haben schätzungsweise 50 bis 60 deutsche oder deutschstämmige Unternehmen hier in Nigeria. Das ist sehr durchwachsen von der Struktur her. Darunter sind große Firmen, Global Player in Afrika, es sind mittelständische Unternehmen mit langer Afrikatradition darunter. Aber auch viele mittlere und kleinere Unternehmen, die drei oder vier deutsche Beschäftigte haben und den Großteil ihrer Belegschaft aus nigerianischen Mitarbeitern rekrutieren. Auch die Branchen sind ähnlich heterogen: wir haben die Baubranche, Firmen im Medizinbereich, Handelshäuser, die hauptsächlich im Bereich Import Export tätig sind, und wir haben deutsche Banken hier.

In welchen Regionen Nigerias sind die Firmen tätig?

Das wirtschaftliche Herz schlägt sowohl für internationale Unternehmen als auch speziell für deutsche Unternehmen hauptsächlich in Lagos. An zweiter Stelle kommen Abuja und der Südosten Nigerias, also die Ölförderungsregion.

Nun ist die Sicherheitslage in Nigeria schon seit einigen Jahren sehr schwierig und hat sich in den letzten Wochen noch verschlechtert. Wie haben die Unternehmen darauf reagiert?

Das ist eine Entwicklung, die uns alle beunruhigt. Die Bedrohungsszenarien haben sich verlagert von der ursprünglich nicht ganz ungefährlichen Region im Nigerdelta,  jetzt hin zum Norden. Das ist eine neue Entwicklung, die erst seit einigen Jahren so stattfindet. Es gibt natürlich die offiziellen Reisewarnungen für bestimmte Regionen, an die wir uns alle halten. Einige Unternehmen haben natürlich auch individuelle Sicherheitskonzepte aufgestellt und werden dadurch ihren Mitarbeitern und der Sicherheit vor Ort gerecht.

Nehmen Sie seit der Verschlechterung der Sicherheitsbedingungen eine Abnahme in der Geschäftstätigkeit wahr?

An den Anfragen von deutschen Unternehmen, die prinzipiell an Nigeria interessiert sind, merken wir eine Veränderung. Ganz klar fragen die sehr genau nach der Sicherheitslage. Teilweise werden auch gesondert Sicherheitsbeauftragte der Unternehmen hier ins Land entsendet, die schauen sich an, wie das vor Ort aussieht. Die Unternehmen vor Ort fragen sich natürlich, ob man in bestimmten Regionen gefahrlos arbeiten kann oder nicht.

Hatten die gewalttätigen Ausschreitungen der letzten Wochen in Nordnigeria bereits konkrete Konsequenzen für die deutsche Firmenlandschaft?

Es wird prinzipiell versucht, den Norden zu meiden. Gerade der Nordosten Nigerias, in dem das ganze angefangen hat, ist jetzt schon seit einigen Monaten nahezu Sperrgebiet. Das Ganze ist übergegangen auf den Nordwesten des Landes, also hauptsächlich auf Kano. Auch dort wird dann versucht, möglichst wenig vor Ort tätig zu sein.

In der Vergangenheit gab es schon diverse Entführungsfälle von ausländischen Mitarbeitern. Hat man Erfahrungen daraus gezogen, wie man damit umgeht?

Man trifft verstärkte Sicherheitsvorkehrungen, wie die Einbeziehung der einheimischen Sicherheitsinstitutionen, um zu schauen, inwiefern es möglich ist, die Lage vor Ort einzuschätzen und entsprechend darauf zu reagieren. Das sind zum Beispiel die Polizei, das Militär und Sicherheitskräfte.

Muss man diese Entführung im Zusammenhang mit den jüngsten Anschlägen der Sekte Boko Haram in Kano sehen?

Ich weiß nichts Genaues über den konkreten Fall von Kano. ... Wenn man sich Nigeria jetzt aus dem Ausland heraus betrachtet, entsteht natürlich der Eindruck, als würde sich das Land in sehr schwierigen Verhältnissen befinden und wir quasi kurz vor landesweiten gewalttätigen Eskalationen stehen. Aber dem ist nicht so. Also man muss sehr genau hinschauen, in welchen Regionen in Nigeria man sich bewegt und wo die Gefahrenherde sind. Die sind derzeit eindeutig zu identifizieren. Wir beispielsweise in Lagos fühlen uns absolut sicher und ich würde sagen, dass man nach Lagos auch ohne Probleme reisen kann. In anderen Regionen des Landes sieht das natürlich anders aus. Ich kann nur empfehlen, sich an die aktuellen Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes zu halten und Nigeria nicht als ein großes Land, das quasi kurz vor bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen steht, zu betrachten.

Das heißt, Sie geben deutschen Unternehmen nicht die Empfehlung sich aus Nigeria zurück zu ziehen.

Das auf keinen Fall. Nigeria ist ein Land, das nach wie vor große wirtschaftliche Potenziale in sich birgt. Aufgrund der Marktgröße und der günstigen Rahmenbedingungen, dazu zählen im Übrigen auch die im April sehr erfolgreich durchgeführten freien und transparenten Wahlen, sollte man einen Rückzug nicht in Betracht ziehen. Man kann Nigeria eben nicht als Ganzes betrachten und sagen, weil bestimmte Regionen schwierig oder nicht ganz ungefährlich sind, will man jetzt das ganze Land hinter sich lassen. Das auf keinen Fall.

André Rönne ist Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Nigeria mit Sitz in Lagos. Die Delegation gehört zur Auslandshandelskammer des deutschen Industrie- und Handelskammertags.

Das Gespräch führte Stefanie Duckstein
Redaktion: Lina Hoffmann

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