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Filme

Deutsche Filmgeschichten

Warum Deutschland doch eine Kinonation ist. Fritz Lang, Edgar Reitz und Dominik Graf: Drei Filmregisseure, die für eine reiche, phantasievolle und innovative Art des Kinos stehen.

Meist schielen wir ja neidisch auf unsere Nachbarn. Frankreich habe das Kino erfunden, sei heute noch die große Filmnation in Europa, heißt es dann. Und wenn der neue Pedro Almodóvar-Film oder das neueste Werk von Lars von Trier in die hiesigen Kinos gelangt, dann fragen viele, warum denn wir keine so großen Regisseure haben? Dazu kommt die Übermacht aus Hollywood, das den Kino-Mainstream-Geschmack überall auf der Welt, also auch in Deutschland, bestimmt. Der deutsche Film tut sich seit jeher schwer zwischen Kunstanspruch, und dem Versuch auch international Erfolg zu haben.

Tiefenerkundungen deutscher Seelenlandschaften

Doch so schlecht steht es nicht um die Kinonation Deutschland. Drei deutsche Filmregisseure erinnern in diesen Wochen daran. Bundespräsident Joachim Gauck lud vor kurzem den einen, Edgar Reitz, sogar in seinen Amtssitz ein um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Reitz ist vor kurzem 80 Jahre alt geworden, Grund genug für Gauck einen Filmemacher zu ehren, der vor fast 30 Jahren mit seiner Filmserie "Heimat" überaus wichtiges für die Kulturnation Deutschland geleistet hatte. Er ehre damit "einen großen Künstler unseres Landes, dessen Tiefenerkundungen der deutschen Seelenlandschaft es ermöglichte, uns mit anderen Augen zu sehen", so Gauck in seiner Laudatio.

Deutsche Seelenlandschaften erkundet hatte viel früher schon der Regisseur Fritz Lang. Ihm widmete die "Viennale", das bedeutendste Filmfestival Österreichs, gerade eine umfassende Retrospektive. Lang ist gebürtiger Wiener, der erst später die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, doch steht gerade er wie kaum ein anderer für Deutschland als Kinonation. Mit seinen großen Werken der 1920er Jahre trug er entschieden mit dazu bei, dass die Filmwelt nach Berlin schaute, nach Babelsberg, wo Filme wie "Metropolis" oder "M" (unser Foto oben) entstanden.

Ein Regisseur mit Humor...

Auch daran erinnert das schöne Begleitbuch, dass die Viennale jetzt zur Fritz Lang-Retrospektive herausgegeben hat. Es sind sehr persönliche Texte über den Filmregisseur darin zu finden, Briefe und Erinnerungen von Weggefährten und Bewunderern. "Er hatte sehr viel Humor. (...) Als ich ihn kennenlernte, lebte er zusammen mit seiner Frau und seinem Stoffaffen", teilt uns etwa Michel Piccoli mit (mit dem Fritz Lang zusammen in Jean-Luc Godards "Le Mépris" als Schauspieler auftrat). Auch lesenswerte Texte des französischen Regisseurs Georges Franju oder des amerikanischen Kritikers Otis Ferguson findet man hier. Sie erinnern einmal mehr daran, dass der Regisseur auch durch sein langjähriges Wirken in Hollywood das deutschsprachige Kino nachhaltig im filmischen Gedächtnis verankerte.

Fritz Lang ist vor allem auch aufgrund seiner in Hollywood entstandenen Arbeiten oft als Handwerker und Auftragsregisseur (miss)verstanden worden. Auch der über ein halbes Jahrhundert später geborene Dominik Graf wird immer wieder mit solchen Etiketten versehen. Graf, vor kurzem 60 Jahre alt geworden, ist einer der Großen des deutschen Films, auch wenn sein Name in der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt sein dürfte. Dominik Graf könnte man leichtfertig (und fälschlicherweise) als gescheiterten Kinoregisseur etikettieren und als versierten Fernsehhandwerker. Doch damit würde man verkennen, dass sein Scheitern im Kino fast ausschließlich kommerzielle Gründe hat und seine Fernseharbeiten künstlerisch und ästhetisch das meiste in den Schatten stellen, was Deutschlands Kinoregisseur in den letzten 20 Jahren zustande gebracht haben.

Meister des Genrekinos

"Im Angesicht des Fernsehens" (in Anspielung auf Grafs fulminante TV-Serie "Im Angesicht des Verbrechens") hat ein Herausgeberquartett nun die erste Monografie über den Regisseur betitelt. Verschiedene Autoren äußern sich darin zu bestimmten Werkaspekten. Graf versteht sich selbst als Genreregisseur. Die Konzentration auf bekannte Muster und Formen habe ihm immer die Chance geboten, präzise Beschreibungen deutscher Zustände zu finden: "Das Genre rettet einen immer vor der großen künstlerischen Ambition, mit der man zumindest in Deutschland immer und überall aufs Glatteis gerät", schreibt Chris Wahl in seinem einleitenden Essay und verweist damit ganz zu Recht auf das Dilemma, in dem sich das deutsche Kino seit Jahren befindet.

Genau 20 Jahre älter als Graf ist Edgar Reitz, der in den Jahren begann in Deutschland Filme zu drehen, als Fritz Lang aus Hollywood zurückkehrte und noch ein paar wenige, künstlerisch nicht mehr ganz so kraftvolle Werke realisieren konnte. Reitz hat lange gebraucht, bis er auf breite Anerkennung in Deutschland stieß. Zwar war er einer der wenigen Unterzeichner des legendären "Oberhausener Manifests", der relativ kontinuierlich arbeiten konnten, doch waren seine Filme weder an den Kinokassen noch bei der Kritik erfolgreich. Das sollte sich erst Mitte der 1980er Jahre ändern, dann allerdings gewaltig. "Heimat", jene Geschichte, die über das kleine Westerwald-Dorf Schabbach erzählt, brachte Reitz Weltruhm.

Distanz und Leidenschaft

Jetzt also hat selbst der Bundespräsident mit seinen klugen Einlassungen daran erinnert, dass Deutschland hier einen Erzähler von Gnaden besitzt. Einen, der die Geschichte seines Landes mit der nötigen Distanz, aber auch Leidenschaft und Empathie zu erzählen vermochte. Zum 80. Geburtstag von Edgar Reitz ist in der Reihe "Filmkonzepte" ein schmaler Band erschienen, der noch einmal an zwei frühe Filme des Regisseurs erinnert und auf sein Opus Magnum eingeht. Und am Schluss auch daran erinnert, dass Deutschland sich auf das kommende Jahr freuen darf. Dann nämlich erscheint der vierte und wohl abschließende Teil der "Heimat".

Astrid Johanna Ofner/Viennale (Hrsg.): Fritz Lang, Schüren Verlag 2012, 208 Seiten, ISBN 978-3-89472-816-3; Chris Wahl u.a. (Hrsg.): Im Angesicht des Fernsehens. Der Filmemacher Dominik Graf, Edition text + kritik 2012, 356 Seiten, ISBN 978-3-86916-204-1; Thomas Koebner und Fabienne Liptay (Hrsg.): Edgar Reitz, Edition text + kritik 2012, 104 Seiten, ISBN 978-3-86916-206-5.

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