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Filme

Deutsche Filmgeschichte (4): Der Nachkriegsfilm

Nach dem 2. Weltkrieg hatten die Menschen zunächst anderes zu tun als ins Kino zu gehen. Doch schnell stellte sich heraus: Gerade jetzt war Ablenkung von Nöten. Das Kino wurde von Heimat- und Operettenfilmen beherrscht.

Filmszene aus dem Film Die Brücke von Bernhard Wicki (Foto: Maurizio Gambarini dpa/lno)

Seltene Ausnahme - die Verarbeitung des Krieges: "Die Brücke"

Trotz Hunger und Wohnungsnot entwickelte sich in Deutschland nach Ende des 2. Weltkriegs eine bescheidene Filmkultur. Doch die kulturelle Euphorie der ersten Stunde erlahmte schnell. Der deutsche Nachkriegsfilm gilt bis Anfang der 1960er Jahre als oberflächlich und wenig innovativ. Filme zu drehen, das war in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit enormen Anstrengungen verbunden. Es fehlte beinahe an allem: Die Studios waren zerstört, Filmmaterial Mangelware und Kameras gab es nur wenige. Schauspieler, Ausstatter, Musiker, Drehbuchautoren und Regisseure waren ausgewandert, verstorben oder in alle Winde zerstreut.

Die Mörder sind unter uns

Trotzdem war der Film ein wichtiges Medium, um über Krieg und NS-Verbrechen aufzuklären. Deutsche Nachkriegsproduktionen, sogenannte Trümmerfilme, stellten die Frage nach der eigenen Schuld. Sie thematisierten Heimkehrerschicksale oder die Lebensumstände im Trümmeralltag. "Die Mörder sind unter uns" war nicht nur ein Filmtitel, sondern auch Realität in Nachkriegsdeutschland.

Szene aus dem Film Weil Du arm bist, musst Du früher sterben (Foto: picture alliance)

"Weil Du arm bist, musst Du früher sterben"

Den Trümmerfilmen folgte schon bald eine populäre Mischung aus Heimat-, Urlaubs- und Schlagerstreifen. Die Euphorie der ersten Stunde, erlahmte schnell. Die Suche nach dem "neuen Adam" erwies sich als schwierig. Zeitbezogene Filme fielen beim Publikum durch: Zum Beispiel 1954 "Die goldene Pest" von John Brahm über die US-amerikanische Besatzungsmacht. Oder 1956 Paul Mays kritische Betrachtung des Gesundheitswesens "Weil du arm bist, musst du früher sterben". Stattdessen wurde 1951 mit "Grün ist die Heide" jenes westdeutsche Filmgenre geboren, das dem anspruchsvollen Kinogänger ein Alptraum war: der Heimatfilm.

Konservative Werte

Natur- und Wohlstandssehnsucht, Eheglück und die große Liebe gehörten zu den beliebtesten Themen der Heimatfilme. Charakteristisch für dieses deutsche Filmgenre der 1950er Jahre war eine melodramatische Handlung, die meistens eine Liebesgeschichte beinhaltete. Dazu kamen komische oder tragische Verwechslungen. Häufig gab es Musikeinlagen. Die Handlung spielte in abgelegenen, aber spektakulären und durch den Zweiten Weltkrieg unzerstörten Landschaften wie dem Schwarzwald, den Alpen oder der Lüneburger Heide. Naturidylle statt Städteschutt.

Filmplakat zu Grün ist die Heide

Heimatkitsch "Grün ist die Heide"

Betont wurden besonders konservative Werte wie Ehe und Familie. Frauen als Identifikationsfiguren wurden meistens nur als Hausfrau oder Mutter positiv dargestellt. Die Obrigkeit durfte nicht in Frage gestellt werden. Filmkritiker haben der deutschen Kinoproduktion in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem eine konservative, ja reaktionäre Struktur vorgehalten. Amüsement ohne wirkliche Tiefe.

Masse macht Kasse

Doch an der Kinokasse waren die Unterhaltungsfilm ein großer Erfolg: "Grün ist die Heide" lockte 19 Millionen Besucher in die Kinos, "Sissi" 10 Millionen und für "Schwarzwaldmädel" erwärmten sich 16 Millionen Zuschauer. Tabus wurden im Kino dieser Jahre nur selten gebrochen. Hinsichtlich des Nationalsozialismus stellt sich im Heimatfilm der fünfziger Jahre ein Abwehrmechanismus ein, der zur schmerzlosen Aussöhnung der Kinder mit der schuldbeladenen Väter-Generation führt. Mehr noch, die Filme finden keine offene Form der Auseinandersetzung.

Szene aus dem Heimatfilm Ruf der Wälder (Foto: dpa)

Feiern zur Ablenkung: "Ruf der Wälder"

Sie schleppen die Vergangenheit mit, ohne sie zur Sprache zu bringen. Latent bleibt, was unerträglich an ihr ist und sich nicht aus dem Kollek­tivgedächtnis verbannen lässt: das Nebeneinander von verbaler Zustimmung und Faszination, von Nachgeben, "zur-Seite-schauen" und Einschüchterung gegenüber dem NS-Terror.

Des Teufels Generäle

Mit der Einführung der Wehrpflicht 1957 rollte auch die Welle der Kriegsfilme an und eroberte die Kinoleinwand. Allen voran Paul Mays erster Teil der Trilogie "08/15". Der Film erzählt die Geschichte junger Rekruten im Jahre 1938, die ihre Ausbildung in einer deutschen Kleinstadt erhalten und sich den täglichen Schikanen und Brutalitäten erwehren müssen. Ausgeblendet aber blieben Fragen nach den Zielen der nationalsozialistischen Wehrmacht, nach ihren Verbrechen und ihren Opfern.

Wolfgang Staudte bei Dreharbeiten (Foto: dpa)

Einer der wenigen künstlerisch engagierten Regisseure: Wolfgang Staudte

Auffällig am deutschen Nachkriegskino war der Mangel an filmischem Wagemut - auch in den Jugend- oder sogenannten Halbstarkenfilmen. Stattdessen gab es solide produzierte Konfektionsware. Das große Kino wurde nicht in Deutschland produziert, sondern in Japan, in Frankreich, den USA und Italien.

Künstlerische Ausnahmen

Zeitkritische Gegenbilder gelangen vor allem Wolfgang Staudte mit "Rosen für den Staatsanwalt", einer Satire über die bundesdeutsche Justiz in der Ära Adenauer, Bernhard Wickis Antikriegsdrama "Die Brücke" und in der Komödie "Wir Wunderkinder". Mit dem Fernsehen Anfang der 1960er Jahre entwickelte sich zugleich die Kinokrise, filmästhetisch hatte sie in Deutschland schon vorher begonnen.

Autor: Michael Marek
Redaktion: Jochen Kürten

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