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Filme

Deutsche Filmgeschichte (2): Die Skandale

Ein nackter Busen, zwei küssende Männer, zu viel oder zu wenig Nationalismus, eine Vergewaltigung, blasphemische Symbole - all das waren und sind Merkmale deutscher Skandalfilme

Filmszene aus Die Sünderin (Foto: ullstein thomas & thomas)

Der Skandal der 50er: "Die Sünderin"

Für die Kinogegner der ersten Stunde war bereits der 'Film' an sich ein Skandal. Ihnen schien die Kinematographie kulturell minderwertig und bedrohlich. Der erste Filmskandal in der deutschen Filmgeschichte stammte aus dem Jahre 1905: "Die Flucht und Verfolgung des Raubmörders Rudolf Hennig über die Dächer von Berlin" - so der Titel des Films. Durch die filmische Darstellung eines realen Kriminalfalls sah sich die Berliner Polizei verunglimpft, der Kurzfilm wurde verboten. In der Folgezeit wurden überall in Deutschland Filmprüfstellen eingerichtet.

Schlechthin widerwärtig?

Szene aus dem Film Anders als die anderen von Richard Oswald (Foto: Edition Filmmuseum)

"Anders als die anderen" von Richard Oswald

Zu den ersten großen deutschen Skandalfilmen der Weimarer Zeit gehörten "Anders als die anderen" von Richard Oswald aus dem Jahre 1919, ein Film über Homosexuelle, die nach Meinung vieler, zu positiv gezeigt wurden, und "Die freudlose Gasse" von Georg Wilhelm Pabst, der im Wiener Rotlicht-Milieu spielte und zu den so genannten Asphalt- und Sittenfilmen gehörte. Ihre Themen wie Abtreibung, Prostitution, Homosexualität, Nacktkultur, Drogensucht zogen die Kritik konservativer Kreise sowie die Zensur auf sich.

Das Reichslichtspielgesetz führte dazu, dass über 800 Filme während der Weimarer Zeit zensiert wurden. In der ersten deutschen Republik wurden Filmskandale gezielt inszeniert, um Zensur zu provozieren. Denn Verbotsversuche brachten Filme ins Gespräch und damit Zuschauer. Außerdem gab es Auseinandersetzungen zwischen der politischen Rechten und Linken: Die umstrittenen "Preußenfilme" wurden von den republikanischen Kräften vehement kritisiert.

Skandalfreie NS-Diktatur

Während der nationalsozialistischen Diktatur wurden Skandalfilme verhindert, weil Normverstöße von der Zensur im Vorwege geahndet wurden und eine offene Kritik ebenso wenig möglich war wie kontrovers geführte gesellschaftliche Debatten. Andererseits gelten die antisemitischen, die führer- und kriegsverherrlichenden Filme der NS-Zeit wie "Kolberg", "Jud Süß" und "Triumph des Willens" heute als Skandal und jugendgefährdend. Sie dürfen weiterhin nicht im Kino und Fernsehen gezeigt werden.

Sünderinnen und Moralapostel

Szene aus Kolberg (Foto: picture alliance/akg images)

Der letzte "Aufbaufilm" der Nazis: "Kolberg"

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entzündeten sich in Deutschland viele Filmskandale an der Darstellung von Sexualität. Die Kirche hatte in den 1950er Jahren eine sehr starke Leitwirkung. Das spiegelte sich unter anderem im "film-dienst" wider, einer Zeitschrift, die seit 1949 von der Katholischen Filmkommission für Deutschland herausgegeben und deren Bewertungen in den Schaukästen der Kinos ausgehängt wurden. Filme wurden von empfehlenswert bis abzulehnen eingestuft.

Das berühmteste Beispiel der fünfziger Jahre war "Die Sünderin" von Regisseur Willi Forst. Der Film verstieß damals in zweierlei Hinsicht gegen bestehende Tabus: Zum einen war die Hauptfigur eine Prostituierte und wurde in einer kurzen Einstellung mit entblößter Brust gezeigt. Zum anderen thematisierte der Film die Sterbehilfe. Heute ruft "Die Sünderin" allenfalls Kopfschütteln hervor, und man kann nur schwer nachvollziehen, warum dieser Kinostreifen einst die Nation entzweite. Das habe, so der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler, mit den veränderten moralischen Vorstellungen zu tun, vor allem aber mit dem veränderten Umgang mit Sexualität.

Spur der Steine

Echte Skandalfilme gab es in der ehemaligen DDR nicht, weil Normverstöße im Vorfeld geahndet wurden. "Die Spur der Steine" von Frank Beyer aus dem Jahr 1966 war in gewisser Hinsicht eine Ausnahme. Der Film über eine Maurerbrigade war der DDR-Regierung wegen seiner vermeintlich "antisozialistischen Tendenzen" ein Dorn im Auge. Nach dem Kinostart gab es organisierte Störungen durch die Jugendverbände der Sozialistischen Einheitspartei. Für die SED bot der bestellte Skandal den gewünschten Anlass, den Film wenige Tag nach der Premiere wieder abzusetzen und zu verbieten.

Krieg, Gewalt und Antiamerikanismus

1977 küssten sich zwei Männer in Wolfgang Petersens Film "Die Konsequenz". Teile der Öffentlichkeit waren entsetzt, der Filmemacher hatte versucht, feinfühlig und nicht eben sensationslüstern oder skandalträchtig die Liebe zweier Männer darzustellen. Neben der Darstellung von Homosexualität erwiesen sich im Laufe der Filmgeschichte vor allem die Themen Gewalt, Religion und Politik als skandalträchtig.

Herbert Achternbusch 1998 (Foto: dpa)

Enfant Terrible des Neuen Deutschen Films: Herbert Achternbusch

"O.K." von Michael Verhoeven aus dem Jahre 1970 lief auf der Berlinale, dem größten deutschen Filmfestival. Die Jury polarisierte sich, vor allem der US-amerikanische Jury-Präsident George Stevens erhob vehement Einspruch gegen den Film. Verhoeven hatte, basierend auf einem realen Kriegsverbrechen von fünf GIs während des Vietnamkrieges, das Geschehen in den bayerischen Wald verlegt und von jungen Schauspielern "nachspielen" lassen. Regisseur und Film wurden des "Antiamerikanismus" bezichtigt.

Blasphemie und Gespenster

Als Beispiel für einen großen deutschen Skandalfilm aus der jüngeren Zeit nennt der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler "Das Gespenst" von 1982. Regisseur Herbert Achternbusch galt damals als ein provozierender Filmregisseur des Neuen Deutschen Films. Ein blasphemischer Film oder ein aufrichtig-kritischer Film, ein antichristliches Pamphlet oder Kritik an der real existierenden Kirche, ein surrealistisches Mysterienspiel oder absurdes Laientheater, fragte damals der "film-dienst". Achternbusch hatte in obszönen Anspielungen einen Jesusfilm gedreht, der sich auch formal den gängigen Spielfilmregeln enthielt.

Heute laufen moderne Mediengesellschaften Gefahr, dass sie Nichtigkeiten zu skandalisieren versuchen. Ein Beweis dafür, dass es keine echten Filmskandale mehr gibt? Das Skandalon im deutschen Kino ist heute das Thema "Gewalt".

Autor: Michael Marek
Redaktion: Jochen Kürten

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