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Ostmitteleuropa

Deutsche Entschädigungsforderungen lösen eine Lawine in Europa aus

– Polnische Vertriebene aus der Region Wilna verlangen Reparationen von der litauischen Regierung

Posen, 19.9.2004, WPROST, poln.

Die Idee der Preußischen Treuhand GmbH fand auch in Polen einen fruchtbaren Boden. Entschädigungsforderungen für während des Zweiten Weltkrieges verlorenes Eigentum stellt bereits die Organisation "Polnische Treuhand", die in Gdynia (Gdingen) ins Leben gerufen wurde. Dasselbe wird auch die in Poznan (Posen) gegründete Gemeinschaft der Opfer der deutschen Zwangsaussiedlungen anstreben sowie der Verband der Vertriebenen aus Ostpolen, der in Südpolen aktiv ist. Zusätzlich dazu verlangen noch über 300 Familien, die aus der Region Wilno (Wilna) vertrieben wurden, eine Entschädigung von der litauischen Regierung.

Auf diese Weise haben Erika Steinbach und die "Preußische Treuhand GmbH" eine Lawine ausgelöst, die sich als tödlich für den europäischen Status Quo erweisen kann. Aus diesem Grunde muss man klar feststellten, dass diese Lawine nur dann gestoppt werden kann, wenn sich die jeweiligen Regierungen verpflichten, sich selbst um die Forderungen der eigenen Staatsbürger zu kümmern.

Die Polen aus der Region Wilna haben ihr Eigentum 1942 verloren, nachdem die litauische Verwaltung, die mit den deutschen Besatzern zusammenarbeitete, ihnen einige Minuten Zeit gab, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Sie sollten Platz für die aus den Ortschaften Suwalki und Siejny ausgesiedelten Litauer machen. (..)

Für die Polen, die aus ihren eigenen Häusern hinausgeworfen wurden, sind spezielle Ghettos errichtet worden. Später wurden sie jedoch ihrem eigenen Schicksal überlassen. Als sie 1944 in ihre Häuser zurückkehrten, haben sie nur geplünderte Ruinen vorgefunden.

Über Jahre hinweg konnte über diese Vertreibungen nicht gesprochen werden. Auch heute noch ist das Thema unbequem für die litauische Regierung.

Es ist nicht bekannt, wer die Entscheidung über die Vertreibung der Polen getroffen hat. Es gibt keine Dokumente darüber. Es sind nur die Erzählungen der Überlebenden und einige Berichte in den Zeitungen übriggeblieben. (...)

Nach dem Krieg durfte man die Vertreibungen der Polen nicht einmal erwähnen. Die Hoffnung auf Entschädigung kam mit der Entstehung eines unabhängigen litauischen Staates. "Wir dachten, wenn die Litauer, die infolge der deutschen Besatzung Schaden erleiden mussten, heute Entschädigungen und verschiedene Ermäßigungen bekommen, dann könnten auch wir etwas bekommen", sagten die Polen.

Der Kampf um Entschädigungen wird von Waldemar Tomaszewski, dem Vorsitzenden der Wahlaktion der Polen in Litauen und Abgeordneten des litauischen Parlaments koordiniert: "Angesichts der Tatsache, dass den Litauern Entschädigungen zugesprochen werden, erscheint es logisch, dass die Polen, die jetzt litauische Staatsbürger sind, auch Entschädigungen für verlorenes Eigentum bekommen", sagt Waldemar Tomaszewski.

Die betroffenen Polen haben ein Schreiben an den litauischen Präsidenten Valdas Adamkus gerichtet, in dem sie eine Wiedergutmachung des Unrechts fordern, das ihnen angetan wurde. Die Behörden Litauens behaupten jedoch, dass sie die Verantwortung für die Vertreibung der Polen nicht übernehmen können: "1942 gab es in Litauen keine litauische Verwaltung, sondern eine Ordnung, die uns von den Nazis aufgedrängt wurde", antwortete Präsident Valdas Adamkus.

Das stimmt aber nicht ganz: Auf dem Gebiet des Reichskommissariats Ostland, zu dem auch Litauen gehörte, wurden die deutschen Beamten durch Personen ersetzt, die aus dem litauischen Volk stammten. Bei der Bekämpfung der polnischen Untergrundarmee waren die Polizei "Sauguma" und die Soldaten des Freiwilligen Regiments der "Ponaren-Schützen" eingesetzt.

Diese Formation hat etwa 100 000 Bürger der Zweiten Republik Polen ermordet, hauptsächlich Juden aber auch polnische Priester, Wissenschaftler, Universitätsprofessoren und Studenten.

"Die Verwaltung in Litauen war während der deutschen Besatzung zwar in deutscher Hand, aber die Litauer genossen eine große Autonomie. Die Litauer haben die Entscheidungen über das Schicksal der Bevölkerung und die Verschleppung der Zwangsarbeiter nach Deutschland getroffen", sagt Professor Piotr Losowski vom Komitee für historische Wissenschaft bei der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Kenner der Geschichte Litauens. (sta)

  • Datum 27.09.2004
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