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Wirtschaft

Deutsche Energiewende von unten

In Deutschland treiben vor allem die Bürger die Energiewende erfolgreich voran. Einige Gemeinden erzeugen schon heute ihren Strom zu über 100 Prozent mit erneuerbaren Energien. Freiamt in Süddeutschland ist so ein Ort.

Freiamt ist das Paradies für jeden, dessen Herz grün schlägt. Fast zur Hälfte ist die Gemeinde bewaldet, man trifft auf viel Natur, auf bunte Wiesen und kristallklare Bäche, eingebettet in die liebliche Landschaft am Schwarzwald. Vor allem aber wird hier erneuerbare Energie genutzt, dass es eine wahre Freude ist: Windkraft und Sonne, Biogas, Wasserkraft und natürlich Holz - das ganze Spektrum. Längst ist Freiamt mit seinen 4200 Einwohnern zum Stromexporteur geworden.

Die Natur bewahren

Ortsteil Ottoschwanden Hoheck vom Ort Freiamt im Hintergrund das Windrad Von Fotograf. Reiner Heß aus Freiamt in Süddeutschland die Bilder wurden von Herrn Heß der DW kostenlos unbegrenzt zur Verfügung gestellt.

Windanlagen in Bürgerhand

In Freiamt steht grünes Denken hoch im Kurs - und noch viel mehr grünes Handeln. So fiel etwa die Entscheidung, auf dem heimischen Schillinger Berg zwei Windkraftanlagen zu bauen, vor Jahren im Gemeinderat einstimmig. "Unsere Bürger sind wertkonservativ und heimatverbunden", sagt Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench. Sie seien konservativ im Sinne von bewahren, nicht im Sinne von fortschrittsfeindlich; getrieben von einer "ausgeprägt positiven Grundhaltung zur Natur". Wer hier lebt, hat schließlich täglich vor Augen, was es zu bewahren gilt.

Frühes Engagement für Energiewende

Für den Erhalt der sauberen Umwelt wird man in Freiamt auch persönlich aktiv. Ernst Leimer zum Beispiel: Als Vorstand des Vereins zur Förderung der Windenergie in Freiamt begann er im Jahre 1997 damit, sich um die Windkraft am Ort zu bemühen - ein Baustein gegen die Atomkraft, gegen die Klimakatastrophe, zum Erhalt der ländlichen Strukturen. Dass sich Bürgerengagement lohnt, das braucht man den Menschen in dieser Region schließlich nicht zu erklären: Kaum 20 Kilometer entfernt, im Dörfchen Wyhl, verhinderten die Bürger in den siebziger Jahren mit ihren Protesten ein Atomkraftwerk.

Häuser mit Solaranlagen im Ort Freiamt, Ortsteil Ottoschwanden Von Fotograf. Reiner Heß aus Freiamt in Süddeutschland die Bilder wurden von Herrn Heß der DW kostenlos unbegrenzt zur Verfügung gestellt.

Die Solaranlag auf dem Dach ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit

Ein wenig schwingt diese Aufmüpfigkeit auch in Freiamt immer mit. "Mir war wichtig, dass nicht irgendjemand bei uns Windkraftanlagen baut", sagt Leimer, "sondern dass wir Freiämter das selbst tun." Heute stehen fünf Anlagen auf den Hügeln der Gemeinde, sie gehören zusammen mehreren hundert Bürgern.

Man ist sich meistens einig in Freiamt, wenn es um den Ausbau der Erneuerbaren geht. Die Solaranlage auf dem eigenen Dach gehört hier fast schon zum guten Stil. Mehr als 200 Anlagen zur Stromerzeugung sind aktuell am Netz, zusammen rund drei Megawatt stark. Außerdem gibt es rund 150 Solaranlagen zur Gewinnung warmen Wassers. "Die Aktiven im Förderverein, das sind angesehene Bürger", sagt die Bürgermeisterin, "und wenn die was vorschlagen, dann hat das Gewicht."

Solarstrom vom eigenen Dach ist äußerst rentabel

Nach dem Bau der Windräder nahm sich Windfreund Leimer den Solarstrom vor. Er suchte sich Dächer aus, die sich für die Erzeugung von Solarstrom eignen. Große Gemeinschaftsanlagen könne man dort bauen, dachte er. Man könne sie mit Geld der Bürger finanzieren, so ähnlich wie es bei der Windkraft lief. Und tatsächlich: Überall, wo Leimer anklopfte, hörten sich die Mitbürger den Vorschlag interessiert an. Nur zu den erhofften Gemeinschaftsanlagen kam es nicht. Denn jedes Mal gaben ihm die Dachbesitzer am Ende einen Korb: "Ist wirklich interessant, aber das machen wir selbst".

Bauernhof (Foto: Reiner Heß)

Bauernhof mit Biogasanlage und Photovoltaik in Freiamt

Biogas statt Fleischproduktion

Auch eine Biogasanlage gibt es längst in Freiamt. Früher standen auf dem Hof 100 Bullen und 350 Mastschweine im Stall. Doch dann machten die Rinderseuche BSE und die Schweinepest den Konsumenten Angst und die Preise verfielen. Gerhard und Inge Reinbold gaben darauf hin zwar die Tierhaltung auf, nicht aber ihren Betrieb. Nach wie vor bewirtschaftet der Hof seine 70 Hektar. Gründland ist dabei, Maisfelder und Getreideäcker; alles wie gehabt. Nur kommen die Rohstoffe heute nicht mehr in die Ställe, sondern zusammen mit Putenmist vom Nachbarhof in die Biogasanlage.

Energieautonomie statt Abhängigkeit

Andere Bürger im Ort haben andere Wege gewählt, um sich von den globalen Energiemärkten abzukoppeln und Wärme aus heimischen Quellen zu nutzen: Das Heizen mit Holz aus dem Wald ist in der Landgemeinde sehr beliebt.

So gehört die Nutzung der erneuerbaren Energien zum Dorfleben einfach dazu. Im Tal trifft man auf das Anwesen des örtlichen Bäckers. Es ist ein Bäcker mit eigener Mühle und Wasserkraftanlage zur Stromgewinnung im Hause.

Auch sie verkörpert die Liebe zu den heimischen Ressourcen. Vor mehr als 30 Jahren sei ein Mann vom großen Stromkonzern gekommen, erzählt Bäcker Friedrich Mellert. Der Abgesandte wollte Mellerts Vater überreden, die Wasserkraftanlage doch endlich stillzulegen. Man kann sich die Situation lebhaft vorstellen: Da stand ein Abgesandter, der von der guten neuen Zeit redete und von der billigen, weil im Übermaß vorhandenen Atomkraft; ein Mann, der alles, was Tradition und regionale Identität verkörpert, zur Entsorgung bestimmt sah. Doch der Vater ließ den Stromkonzern abblitzen. In der Familie ist man noch heute ein wenig stolz darauf.

So steht die Kleinwasserkraftanlage von 1955 noch heute im Keller des Hauses. 60.000 Kilowattstunden erzeugt die Maschine jährlich und deckt damit den Großteil des Strombedarfs der Bäckerei. Sie ist ein wichtiger Baustein der grünen Freiämter Energiebilanz - und eine Perle für jeden Technikhistoriker.

Vorbild für Energiewende in Deutschland

Ehepaar Reinbold (Foto: DW/Daniel Scheschkewitz)

Die Bauern Reinbold verdienen jetzt mit Biogas und Solarenergie

Am Ende kann bilanziert werden: Die Gemeinde Freiamt erzeugte in den letzten Jahren jeweils rund 14 Millionen Kilowattstunden Strom mit erneuerbaren Energien. Durch eine weitere Windkraftanlage, die im Sommer 2011 errichtet wurde, werden es künftig nochmals vier Millionen mehr sein. Zwölf Millionen Kilowattstunden werden im Ort verbraucht in Haushalten und Gewerbe, es wird also längst ein Überschuss erzielt. "Stromexporteur" - den Namen hört man gerne in Freiamt. Die Bürger sind stolz darauf und bekommen auch schon aus dem Ausland deshalb häufig Besuch.

Autor: Bernward Janzing
Redaktion: Gero Rueter

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