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Kultur

Deutsche Einheit - erinnern wir uns richtig?

Die Diskussion über das Einheitsdenkmal in Berlin steht in enger Verbindung mit der Frage, was deutsche Erinnerungskultur heutzutage eigentlich ausmacht.

Projektion des gebauten Einheitsdenkmals (Foto: dapd)

Berlin im Sommer des Jahres 2089 - 100 Jahre nach dem Fall der Mauer. Am Rande des Berliner Central-Parks, gleich neben dem neuen Schloss aus den 2020er-Jahren steht eine große Schale, das Einheitsdenkmal. Eine Schulklasse sitzt davor und bekommt ein Hologramm der Geschichte der Wiedervereinigung Deutschlands gezeigt. Manche Schüler sind gelangweilt und schauen lieber auf die beeindruckende Skyline am Alexanderplatz mit ihren begrünten Hochhäusern. Das Hologramm wurde vor einigen Jahren eingeführt, als der letzte Zeitzeuge von damals gestorben war und keiner mehr so richtig wusste, wofür dieses Denkmal eigentlich steht.

Porträt Politikwissenschaftler Herfried Münkler (Foto: dpa)

Der Politologe Herfried Münkler kritisiert das geplante Einheitsdenkmal

Dieses fiktive Beispiel wirft eine wichtige Frage auf: Können Denkmäler die lebendige Erinnerung ersetzen? Sicher ist: Erinnerungskultur ist auch eine kollektive Aufgabe - in der Zukunft genauso wie im Jahr 2011. Das Erinnern ist eben nicht nur individuell, sondern immer auch von der jeweiligen Gesellschaft mit geprägt. Denkmäler haben dabei eine besondere Funktion. Sie sind manifestierte, sozusagen in Stein gemeißelte Erinnerung, die über Generationen hinweg funktionieren soll. Das Einheitsdenkmal dagegen werde über den Tod des letzten Augenzeugen hinaus keinen Bestand haben, prophezeit der Politologe Herfried Münkler von der Humboldt-Universität Berlin. Es werde ohne Gebrauchsanweisung überhaupt nicht lesbar sein.

Ein Heldendenkmal nach langer Zeit

Der Entwurf des Einheitsdenkmals mit der Inschrift 'Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.' (Foto: AP)

Der Entwurf des Einheitsdenkmals mit der Inschrift "Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk."

Die Diskussion um das Einheitsdenkmal verläuft in Deutschland ziemlich kontrovers. Die Gegner sprechen von einer "reinen Mitmachskulptur". Die überdimensionale 50 Meter große Schaukel ist zu beiden Seiten himmelwärts gebogen und begehbar. Auf der Oberseite steht "Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk." Wenn auf der einen Seite 50 Menschen mehr als auf der anderen Seite stehen, dann bewegt sich das Denkmal. Erinnert werden soll damit an die Bürger-Bewegung in der ehemaligen DDR, die den Weg zur deutschen Einheit ebnete.

Nach langer Zeit wird damit in Deutschland wieder ein Denkmal gebaut, das nicht mahnt, sondern eine positive Ausstrahlung hat und stolz auf die Leistung der mutigen DDR-Bürger verweist. Mit dieser Form kollektiver Erinnerung hat man sich hierzulande schwer getan. Jahrhunderte lang hatten monumentale Bauwerke, Kaiserstandbilder, Helden- und Kriegerdenkmäler an die Großtaten von Fürsten und Feldherren erinnert und die öffentliche Erinnerung geprägt. Spät erst wurde der Opfer von Kriegen gedacht. Einen Wendepunkt markierte schließlich das Holocaust-Mahnmal in Berlin, nach vielen Auseinandersetzungen errichtet und jetzt eine Art Sinnbild der heutigen Erinnerungskultur.

Heldengedenken in der DDR: das Buchenwald-Mahnmal von Fritz Cremer (Foto: dpa)

Heldengedenken in der DDR: das Buchenwald-Mahnmal von Fritz Cremer

In der DDR überwog das Heldengedenken, staatlich verordnet und eindimensional. Auch mit Blick auf die NS-Zeit. In diesem Kontext müsse auch das Mahnmal von Buchenwald von Fritz Cremer aus dem Jahr 1958 gesehen werden, sagt Herfried Münkler. Das Denkmal auf dem ehemaligen Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald sei das letzte in Deutschland gebaute Heldendenkmal.

Prägender Zeitgeist

Anders der Kultursoziologe Gerhard Schulze. Er hat einen Bestseller mit dem Titel "Die Erlebnisgesellschaft" geschrieben und festgestellt, dass es heute vor allem der Wunsch nach Spaß, die Suche nach Glück, eine Art Eventkultur ist, die das Leben bestimmt. Die Erwartungen an das kollektive Erinnern seien daher ganz andere als früher. Kein Denkmal werde in Deutschland eine solche Aufmerksamkeit erfahren wie das Einheitsdenkmal. "Die Menschen werden das Denkmal so sehen, wie sie das Leben überhaupt angehen, geleitet von der Frage: Was bedeutet das für mich? Wie erlebe ich es?"

Das Denkmal passt mit seiner schaukelnden Erlebniskomponente also in den zeitgenössischen Kontext. Und die beiden Macher, der Stuttgarter Designer Johannes Milla und die Berliner Choreographin Sasha Waltz, gehörten als Kinder ihrer Zeit, die sie nun einmal sind, dazu.

Fehlender Mythos

Euromünze (Foto: dpa)

Geld und Wirtschaftswachstum allein machen keine Identität aus

Deutschland stände es gleichwohl gut zu Gesicht, einen neuen Mythos zu etablieren, eine gemeinsame Erzählung, die Identität stiften könne, meint auch der Politologe Herfried Münkler. "Die Wirtschaftswunder-Erzählung der alten Bundesrepublik ist für das vereinte Deutschland prägend geworden. Unsere Identität drückt sich nicht in Stechschritt und Helm, sondern in Produktionsziffern aus." Dieser Mythos aber sei fragil und könne nicht sinnstiftend über mögliche Krisen hinweghelfen. Freilich, die Chance, mit dem Einheitsdenkmal einen neuen Mythos zu etablieren, sei vertan. Münkler fehlt die ikonografische Zuspitzung: "Der Entwurf ist so gehalten, dass er für alles Mögliche ein Denkmal sein könnte: deutsche Einheit, aber auch deutsches Wohlbefinden, den Erfolg von Frau Merkel oder was auch immer."

Zurück zu unserer Reisegruppe des Jahres 2089. Die Hologramm-Präsentation ist inzwischen beendet. Auf dem Reiseplan steht nun der Besuch des Fußball-Museums im schicken Bahnhofsviertel. Viele Schüler haben von ihren Urgroßeltern den Auftrag bekommen, ihren Namen in der dortigen Erinnerungstafel an die Fußball-WM von 2006 einzutragen. Jenes Ereignis, das Deutschland rückblickend ein neues Image gab und das Land zu einer internationalen Nation werden ließ.

Autor: Kay-Alexander Scholz
Redaktion: Cornelia Rabitz