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Politik

Deutsche Dschihadisten in Afghanistan

Am Hindukusch kämpfen deutsche Dschihadisten an der Seite der Taliban. In einem kürzlich aufgetauchten Internet-Video brüsten sie sich mit Angriffen auf amerikanische und afghanische Stützpunkte.

Anschlag auf die dt. Botschaft in Kabul 2009 (Foto: AP)

Schwer bewaffnet, manchmal vermummt oder mit abenteuerlicher Kopfbedeckung - so präsentieren sich deutsche Dschihadisten im Internet. Per Videobotschaft melden sie sich aus Afghanistan zu Wort. Sie posieren vor Fahnen, die mit Koranversen bestickt sind oder führen ihre Schießkünste vor, unterlegt mit schwülstiger Musik. Sie rufen zum Heiligen Krieg gegen Ungläubige auf, sie drohen mit Anschlägen und brüsten sich mit Angriffen auf ausländische Truppen.

Neues Video aufgetaucht

Vor wenigen Tagen tauchte ein neues Video auf, das deutschsprachige Kämpfer beim Schießtraining in einem Ausbildungscamp in Afghanistan zeigt. In dem 31 Minuten langen Film treten fünf deutschsprechende Dschihadisten auf, die sich zu zwei Angriffen auf US-amerikanische Militäreinrichtigen in Afghanistan bekennen. Sie nennen sich "Deutsche Taliban Mujahideen" und sind eine relativ neue Gruppierung, erklärt Yassin Musharbash, Redakteur bei "Spiegel-Online" und Experte für islamistischen Terror.

Yassin Musharbash, Redakteur bei Spiegel-Online und Spezialist für Al Qaida und andere Islamisten. Foto: Sabine Sauer/Der Spiegel

Yassin Musharbash, Redakteur bei Spiegel Online, Buchautor und Experte für Terrorvideos im Internet.

"Das scheinen zwischen sechs und zehn deutsch-sprachige Kämpfer zu sein, die sich offenbar in Afghanistan aufhalten und offenbar unter dem Kommando der afghanischen Taliban agieren." Zum ersten Mal seien sie im Herbst 2009 in Erscheinung getreten.

Deutsche Taliban

Seit Jahren beobachtet Musharbash die Dschihadisten-Szene im Internet. Die "Deutschen Mujahideen Taliban", kurz DTM, sind seiner Einschätzung nach die versprengten Reste der Islamischen Jihad-Union IJU, einer relativ kleinen Gruppe, die seit Jahren in Afghanistan aktiv ist. Ihr gehörten auch die vier jungen Männer an, die in Deutschland als Sauerland-Gruppe bekannt wurden. Sie wurden im März wegen der Planung und Vorbereitung von Terroranschlägen in Deutschland zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

"Mein Eindruck ist, dass die IJU relativ aufgerieben ist", sagt Musharbash. Von der Gruppe gäbe es nur noch vereinzelte Spuren im Netz. Die marodierenden ausländischen Kämpfer der IJU seien offenbar unter die Fittiche der afghanischen Taliban geschlüpft. Die deutschen Dschihadisten hätten dort eine eigene Brigade gebildet, eben die "Deutschen Mujahideen Taliban". Ihre Beteiligung an Angriffen auf US-amerikanische und afghanische Stützpunkte, zu denen sie sich in dem Video bekannt hatten, könnten für sie so eine Art Praktikum gewesen sein, mutmaßt Musharbash. "Die afghanischen Taliban haben die halt mal mitgenommen zu zwei Anschlägen. So stellt sich das für mich dar. Und die haben dann wiederum ihrerseits für das deutschsprachige Publikum ein großes Propaganda-Video daraus gemacht, um zu demonstrieren, dass sie nicht nur rumsitzen, sondern auch etwas tun."

Screenshot aus einer im Internet verbreiteten Videobotschaft, in der der unter Terrorverdacht stehende deutsche Islamist Eric Breininger Deutschland mit Anschlägen droht (Foto: dpa)

Der unter Terrorverdacht stehende Eric Breininger gehörte der IJU an. Er ist auch auf dem neuen Terrorvideo zu sehen.

Deutsche Dschihadisten am Hindukusch

Nach Einschätzung von Sicherheitsexperten gibt es etwa 100 Deutsche, die sich auf den Weg nach Afghanistan und Pakistan gemacht haben, um sich mutmaßlich in Terrorcamps ausbilden zu lassen oder um an der Seite der Taliban gegen die ausländischen Soldaten zu kämpfen. Viele von ihnen stammen aus bürgerlichen deutschen Elternhäusern und sind zum Islam konvertiert. Andere sind die Söhne oder Enkel von muslimischen Migranten, die schon lange in der Bundesrepublik leben. Ihnen allen ist gemein, dass sie den Islam entweder als Konvertiten neu entdeckt oder als Muslime wieder gefunden und sich schnell radikalisiert haben.

"Neu ist, dass viele von ihnen ihre Familien mitnehmen, wenn sie nach Afghanistan gehen", sagt Musharbash. Mit Ehefrau und Kindern ziehen diese deutschsprachigen Dschihadisten an den Hindukusch, um sich am Kampf gegen die ISAF-Truppen zu beteiligen. Einige von ihnen seien inzwischen in die Heimat zurückgekehrt, im schlimmsten Fall mit dem Hintergedanken, hier Anschläge vorzubereiten. Einige Dutzend seien aber definitiv noch vor Ort, so Musharbash. Kämpfen also deutsche Taliban gegen deutsche Soldaten?

Krieg gegen die Bundeswehr?

Der Krieg der Taliban sei gegen die ausländischen Truppen in Afghanistan gerichtet, egal woher sie stammten, erklärt Musharbash. "Die Deutschen sind nicht das Ziel Nummer 1 der Taliban und werden es auch nicht werden. Sondern die kämpfen, so gut sie können, gegen alle Nato-Soldaten."

Soldaten stehen waehrend der Trauerfeier fuer die drei in Afghanistan getoeteten Soldaten als Ehrengarde neben dem Sarg eines der drei am Karfreitag (2. April 2010) getöteten Bundeswehrsoldaten (Foto: AP)

Trauerfeier für getötete Bundeswehrsoldaten

Wenn man so wie er die Bekennerschreiben und Strategiepapiere der Taliban lese, dann sehe man sehr deutlich, dass sie sich über getötete Rumänen genauso freuten, wie über getötete Deutsche.

Man sollte die Taliban nicht überschätzen, so Musharbash. Sie seien nicht einmal immer zuverlässig in der Lage, deutsche Soldaten von anderen ausländischen Soldaten zu unterscheiden. Im Fall der kürzlich getöteten Bundeswehrsoldaten sei zwar ein Bekennerschreiben der Taliban eingegangen. Daraus sei aber nicht hervorgegangen, dass den Taliban klar war, dass sie Bundeswehrsoldaten angegriffen hatten.

Autorin: Bettina Marx

Redaktion: Silke Wünsch

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