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Wirtschaft

Deutsche Bank: Taumelnd, aber kein Lehman

Vor dem europäischen Banken-Stresstest scheint die Zukunft der Deutschen Bank unklarer denn je. Einige halten Deutschlands wichtigste Bank sogar für brandgefährlich. Muss man sich Sorgen machen?

Die Deutsche Bank, das mit Abstand wichtigste Geldhaus des Landes, kommt nicht aus den Schlagzeilen. Ein Rekordverlust im vergangenen Jahr, der Aktienkurs ist im Keller, jede vierte Filiale wird geschlossen, inzwischen gibt es Gerüchte über eine Aufspaltung. Die Bank sei "eher Zombie als Champion", schrieb jüngst die Zeitung

"The Economist".

Als ob das alles nicht nicht schlimm genug wäre, stufte der Internationale Währungsfonds (IWF) das Institut im Juni als

gefährlichste Bank der Welt

ein, weil sie international am meisten zu den systemischen Risiken beitrage - noch mehr als die Bank HSBC.

"Ob die Deutsche Bank gefährlicher ist als konkurrierende Häuser wie Goldman Sachs, HSBC, Morgan Stanley oder Barclays, das ist schwierig zu beurteilen", sagt Martin Hellmich, Professor für das Management von Finanzrisiken an der Frankfurt School of Finance.

Zu wenig Kapital

Deutschland PK Deutsche Bank John Cryan

Zu wenig Kapital, zu viel Risiko: Deutsche-Chef Cryan

Allerdings habe die Deutsche Bank, gemessen an ihrer Bilanzsumme von zuletzt rund 1,6 Billionen Euro, weniger Eigenkapital als die Konkurrenz. "Wenn man diese Kombination sieht: sehr starke Vernetzung über ein großes Handelsgeschäft zu sehr vielen Kunden weltweit, gleichzeitig aber eine knappe Kapitalausstattung - dann kann man schon zu der Einschätzung des IWF kommen."

Und schon wird die Deutsche Bank mit Lehman Brothers verglichen, jener US-Investmentbank, deren Pleite 2008 wie ein Brandbeschleuniger für die weltweite Finanzkrise wirkte. Besonders alarmierend ist dabei der gewaltige Berg an Derivaten. Das sind Finanzprodukte, mit denen sich Exporteure gegen Währungsschwankungen und Investoren gegen Zinsschwankungen absichern können.

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Doch es gibt auch Derivate, die wie Wetten auf bestimmte Ereignisse sind und keinen Bezug zu realen Geschäften haben. Weil dieser Typ Derivate in der Subprime-Krise in den USA eine wichtige Rolle spielte, sind solche Produkte in der öffentlichen Wahrnehmung in Verruf geraten.

"Die Deutsche Bank hat eine sehr komplexe Investmentsparte mit einem massiven Derivatehandel", sagt der langjährige Banker Christopher Wheeler, der bei Atlantic Equities in London Banken analysiert. "Und es ist nicht ganz klar, wie groß die Risiken in diesem Portfolio sind."

42.000 Milliarden Euro an Derivaten

Laut dem aktuellen

Geschäftsbericht

beläuft sich die Summe der Derivate bei der Deutschen Bank auf beeindruckende 42 Billionen Euro, das sind 42.000 Milliarden, eine der größten Positionen in der globalen Finanzbranche. Zum Vergleich: Die jährliche deutsche Wirtschaftsleistung beträgt drei Billionen Euro.

Die gewaltige Summe entsteht durch das bloße Addieren aller Derivate-Verträge - auch wenn sich ein Teil davon faktisch gegenseitig aufhebt. Finanzrisiken-Spezialist Hellmich nennt als Beispiel Swap-Geschäfte: Wenn sich ein Kunde für 100 Millionen Euro gegen steigende Zinsen absichert, ein weiterer Kunde für dieselbe Summe gegen sinkende Zinsen, dann ist das Zinsrisiko der Bank gleich null.

Trotzdem, sagt Hellmich, besteht bei Derivaten immer auch das sogenannte Gegenpartei-Risiko. In einer langen Kette von Geschäften und Gegengeschäften kann eine Bankenpleite viele weitere Unternehmen in den Abgrund reißen - ein Domino-Effekt, der auch während der Finanzkrise zu beobachten war.

Allerdings sind Derivate heute stärker reguliert als früher, und Banken müssen für diese Geschäfte mehr Kapital zurücklegen. "Für die Deutsche Bank bedeutet ihre hohe Aktivität im Derivatebereich sehr hohe Eigenkapitalanforderungen", so Hellmich zur DW. "Das ist ein weiterer Punkt, der die Bank unter Druck setzt."

Wer besteht den Stresstest?

Ende Juni fiel die Deutsche Bank durch den Stresstest in den USA - bereits zum zweiten Mal. Beim Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht EBA am 29. Juli wird ihr das nicht passieren, glaubt der Londoner Analyst Wheeler. Das liege aber weniger an der Bank als am Stresstest selbst.

"Der Stresstest der EBA wird wieder eine großen Mischmasch an Zahlen produzieren, die kaum zu verstehen sind", so Wheeler. "Ein Problem ist etwa, dass man in Italien mit faulen Krediten ganz anders umgeht als in Deutschland." In den USA sei der Test dagegen klarer und aussagekräftiger.

Beim europäischen Stresstest wird diesmal besonders auf das Abschneiden der italienischen Banken geachtet. Weil es ihnen an Kapital mangelt, hat Italiens Regierung bereits staatliche Hilfen angeregt, die aber unter den neuen Regeln in der Eurozone nicht erlaubt sind. Es ist möglich, dass man sich hier auf eine Ausnahmeregelung einigt, sollte etwa die drittgrößte Bank des Landes, Monte dei Paschi di Siena, beim Stresstest durchfallen.

Italien Monte Dei Paschi di Siena Bank Hauptstelle in Siena

Hauptsitz von Monte dei Paschi di Siena: Wenn die Bank fällt, träfe das auch die Deutsche Bank

Gefahr aus Italien

Auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, hat sich vor kurzem für einen europäischen Rettungsfonds in Höhe von 150 Milliarden Euro zur Stabilisierung der Banken ausgesprochen.

"Wenn in Europa Banken unter Druck kommen, dann überträgt sich das natürlich auch auf andere Banken", sagt Hellmich, "vor allem auf Banken, die groß im Handelsgeschäft sind." Institute also wie die Deutschen Bank.

Trotzdem glaubt Hellmich nicht, dass die Deutsche Bank selbst auf eine Rettung mit Steuergeldern angewiesen sein wird oder gar eine Pleite wie Lehman hinlegt. Er sieht vielmehr eine lange und schmerzhafte Phase der Neuausrichtung. "Das kann soweit gehen, dass sich die Bank in verschiedene Geschäftszweige aufteilt."

Der Londoner Analyst Wheeler ist sicher, dass sich die Bank aus eigener Kraft aus ihrer misslichen Lage befreien und zur Not auf dem Kapitalmarkt frisches Geld besorgen kann. Doch selbst wenn alle Stricke reißen, würde die Bank nicht untergehen. "Die Antwort liegt schon im Namen: Deutsche Bank", sagt Wheeler. "Deutschland würde alles tun, um der Bank dabei zu helfen, ihre Probleme zu lösen."

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