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Fokus Osteuropa

Deutsche Auszeichnung für bulgarischen TV-Reporter

Der bulgarische TV-Journalist Vassil Ivanov hat den Leipziger Medienpreis 2007 bekommen. Die Jury verlieh ihm den Preis für seine Recherchen, mit denen Ivanov sich in Bulgarien viele Feinde gemacht hat. Ein Porträt.

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Missstände im Visier von Ivanov

Ob international agierende Autoschmuggler oder korrupte Staatsdiener – Vassil Ivanov hat viele Feinde. Seine Recherchen offenbaren Korruption in ungeheuerlichem Ausmaß und eine fahrlässige Tatenlosigkeit des bulgarischen Staates. Seinen Feinden "verdankt" er auch den dreistesten aller bisherigen Angriffe gegen seine Person: Im April 2006 zündete ein Sprengsatz direkt vor der Tür seiner Wohnung in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Die Bombe hatte genug Kraft, um die Plattenbauwohnung in die Luft zu jagen – Wände stürzten ein, im Fußboden klaffte ein gewaltiges Loch, sogar bei den Nachbarn wurden Wände und Mobiliar zerstört.

Glücklicherweise war der Reporter in jener Aprilnacht nicht zu Hause, als sich die Explosion ereignete. Sehr wohl aber seine Mutter und Schwester, die den Anschlag nur mit einem Schock überlebten. Das erscheint wie ein Wunder. Die Bombe war gelegt und gezündet worden, um Angst einzujagen, sagt Vassil Ivanov: "Die Bombe war als Warnung oder als Rache gedacht. Sie hatte genug Kraft, um zehn Leute zu töten. Für mich ist eindeutig klar, dass der Anschlag und meine Arbeit unmittelbar zusammenhängen. Dahinter stecken Leute, die in meinen Reportagen vorkommen."

Von Gladiatorenkämpfen und korrupten Ärzten

Vassil Ivanov arbeitet als investigativer Reporter für das private Fernsehen Nova. Er leitet dort ein vierköpfiges Team, das die Sendung "Das Thema von Nova" produziert. Die Reporter decken immer wieder große Korruptionsfälle und Ungerechtigkeiten auf und beleuchten spektakuläre Geschäfte oder Einzelschicksale. Zu seinem Arbeits- und Recherchestil gehört häufig der Einsatz versteckter Kameras. Einige seiner Reportagen sind mittlerweile so berühmt geworden, dass sie anderen einheimischen Reportern als Handbuch für investigativen Journalismus dienen.

Viele Bulgaren haben die Ivanov-Reportage über die "Gladiatorenkämpfe" im Sofioter Gefängnis bis heute noch gut in Erinnerung, die von Wächtern und Aufsehern organisiert wurden. Einen ebenso großen Anklang in der bulgarischen Gesellschaft fand sein Kurzfilm über einen korrupten Notar, der in Westeuropa gestohlene Autos "legalisierte", bevor

sie weiter nach Russland oder in die ehemaligen Sowjetrepubliken abgesetzt wurden. Andere Ivanov-Recherchen berichten von korrupten Polizeibeamten, die mit Zuhältern und Prostituierten zusammenarbeiten oder von korrupten Ärzten in staatlichen Krankenhäusern, die für Geburten von den künftigen Eltern Schmiergelder verlangen.

"Stoff für 20 Jahre"

Es ist mehr als seltsam, dass ein Journalist erfolgreich sein kann, wo Polizei und Justiz scheitern. Doch Vassil Ivanov glaubt, die Antwort zu wissen: "Die fehlenden Resultate bei der Bekämpfung der Korruption und organisierten Kriminalität sind einerseits mit der Bürokratie und der schwerfälligen Verwaltung zu erklären. Zweitens sind die Journalisten motivierter als die Polizeibeamten, da sie für mehr Geld arbeiten. Ein möglicher dritter Grund wäre, dass Journalisten im Prinzip als nicht korrupt gelten." Wegen seiner Enthüllungen ist Ivanov mehrmals bedroht worden: Unzählige anonyme Anrufe sollten ihn zur Vernunft bringen, seine Recherchen einzustellen. Wegen solcher Drohungen stand der Reporter zweimal unter Personenschutz – einmal von November 2005 bis Februar 2006, nachdem die Polizei den Tipp bekam, dass sich gegen ihn etwas zusammenbraue, und zum zweiten Mal nach dem Anschlag in seiner Wohnung. Wenige Monate später musste der Reporter den Bodyguards selbst absagen, weil durch sie seine Arbeit behindert wurde.

Ungeachtet des Bombenanschlags und aller anderen Bedrohungen, Warnungen und Mahnungen recherchiert Vassil Ivanov weiter. Es sind bereits fast ein Dutzend Leute, gegen die nach seinen Reportagen sofort Ermittlungen eingeleitet wurden. Nach dem EU-Beitritt Bulgariens sind die Täter und deren dunkle Geschäfte zwar raffinierter geworden, doch es gebe noch genug zu berichten, meint Ivanov: "Da steckt noch viel Leben drin. Ich denke, in den nächsten 20 Jahren werden wir genug Stoff haben", so der TV-Reporter.

Emiliyan Lilov
DW-RADIO/Bulgarisch, 5.10.2007, Fokus Ost-Südost