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Deutschland

Deutsche Alpinisten und ihre NS-Vergangenheit

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit dauerte lange bei jenem Verein, der als Speerspitze im Kampf gegen Juden galt: beim Alpenverein. Inzwischen stellt er sich seiner braunen Vergangenheit.

Vier Tage genügten, um aus dem einfachen Bergsteiger Heinrich Harrer einen Helden zu machen. Im Juli 1938 gelang Harrer mit drei Kameraden, was zuvor noch keinem Menschen geglückt war. Die Gruppe deutsch-österreichischer Extrembergsportler bezwang zum ersten Mal die berüchtigte Eiger-Nordwand, also jene 3970 Meter hohe Steilwand in den Schweizer Alpen, deren Durchsteigung bis dahin als "letztes großes Problem der Alpen" galt.

Schicksalsberge bezwingen zu Ehren des Führers

Plakat aus der Ausstellung Berg Heil!. Foto: Deutsches Alpenmuseum

Braune Zelle deutscher Alpenverein

"Ein Triumph des Menschen über die Natur, den die Propaganda der damals in Deutschland und Österreich regierenden Nationalsozialisten geschickt für sich zu nutzen wusste", sagt Friederike Kaiser, Leiterin der Ausstellung "Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen von 1918 bis 1945". Die Schau im Deutschen Alpinmuseum in München widmet sich der NS-Vergangenheit der deutschen Alpinbewegung.

Die kühnen Bezwinger seien zu Ikonen der deutschnationalen Überlegenheit stilisiert worden, meint Kaiser. Beim Sportfest in Breslau kam der Dank von ganz oben: Die vier erfolgreichen Bergsportler wurden vom Führer Adolf Hitler höchstpersönlich empfangen, bekamen Lob für Todesmut und Unbesiegbarkeit im Dienste des Dritten Reiches. Erst wenige Monate zuvor war Heinrich Harrer Mitglied der Hitler-Partei NSDAP geworden. Die Eiger-Erstbesteigung stellte seinen sportlichen Zenith dar, die Einladung beim Führer den Höhepunkt seiner Bewunderung für Hitler. Harrer notiert 1938 in seinem Buch: "Wir haben die Eiger-Nordwand durchklettert, über den Gipfel hinauf bis zu unserem Führer."

Deutschland Ausstellung des Deutschen Alpenvereins Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen

Die Eiger-Nordwand-Bezwinger werden vom Führer empfangen. V. li.: Anderl Heckmair, Heinrich Harrer, Adolf Hitler, Fritz Kasparek, Ludwig Vörg, Reichsportführer von Tschamer und Osten und Reichsinnenminister Frick.

Alpenverein schloss als erster Verein Juden aus

Friederike Kaiser, Leiterin der Kulturabteilung des Deutschen Alpenvereins Foto: Richard Fuchs

Friederike Kaiser leitet die Kulturabteilung des Deutschen Alpenvereins

"Führerkult und deutschnationales Gedankengut ebneten auch den Weg für Rassenhass und Antisemitismus in dem Verein, der als Stimme des Bergsports galt: dem damaligen deutsch-österreichischen Alpenverein", sagt Friederike Kaiser. "Im Deutschen Reich war das der erste große Sportverband, der Juden ausgeschlossen hat."

Schon 1924, also gut zehn Jahre vor der Machtergreifung Hitlers und der gezielten, systematischen Verfolgung von Juden, wehten vor Berghütten erste Hakenkreuzbanner. Bald sollten Plakate folgen mit der Aufschrift: "Juden sind hier nicht erwünscht."

Ende des Jahres 1924 hatten bereits 148 von 405 Ortsgruppen des Alpenvereins jüdische Mitglieder vor die Tür gesetzt. Eine von jüdischen Bergsteigern gegründete Ortsgruppe, die Sektion Donauland, wurde kurz danach ebenfalls ausgeschlossen. "Es gab Sektionen, die sich bis zum Schluss vehement gegen einen Ausschluss der jüdischen Sektion Donauland gestellt haben", erklärt Friederike Kaiser, die eine mehrjährige wissenschaftliche Aufarbeitung der braunen Alpenvereinsgeschichte begleitet hat. "Die Mehrheit ist dann aber doch eingeknickt und hat gesagt, wir schließen die jüdische Sektion aus, damit es nicht zu einer Spaltung des Vereines kommt."


Die zwei Seiten des Bergheldentums

Szene aus dem Kinofilm Sieben Jahre in Tibet. Foto: Filmstill.

Heinrich Harrer im Film...

Über viele Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde über diese NS-Vergangenheit der Alpinisten geschwiegen. Inzwischen - es sind mehr als 60 Jahre vergangen - stellt sich der weltgrößte Alpinverein seiner braunen Vergangenheit, erklärt Kaiser. "Das kam aus der Tatsache heraus, dass uns immer noch nicht klar war, wieso der Alpenverein so früh antisemitisch war." Nach eingehender Beschäftigung mit historischen Zeugnissen, Filmen und Zeitzeugen-Interviews steht für Kaiser fest: eine Vielzahl von Gründen sei zusammengekommen. So habe der Kult um Berghelden den Nazis mit ihrer Ideologie der deutschen Herrenrasse geradezu in die Hände gespielt.

Zum anderen sei die unter Alpinisten weit verbreitete Liebe zur Heimat damals als Mittel zur Ausgrenzung missbraucht worden. Das Ergebnis war eine Militarisierung des Bergsports: Der Alpenverein wurde zwischen 1933 und 1945 dazu verpflichtet, Nachwuchs für die Gebirgsjäger zu rekrutieren. Zudem wurden Expeditionen wie die Erstbesteigungsversuche des Himalaya-Gipfels Nanga Parbat zu Feldzügen für Deutschland erklärt. "Tod oder Ehre", lautete damals die Parole der NS-Propaganda.


Das zweite Leben des Heinrich Harrer

Heinrich Harrer mit dem Dalai Lama. Foto: Boris Roessler

...und in Realität mit dem Dalai Lama.

Auch Extrembergsportler Heinrich Harrer war Teil einer dieser Erstbesteigungsversuche am "Schicksalsberg der Deutschen", wie der Nanga Parbat von der Propaganda getauft wurde. Der ausbrechende Zweite Weltkrieg verhinderte seine Rückkehr nach Österreich. Eine spektakuläre, mehrjährige Flucht führt ihn schließlich bis nach Tibet, wo Harrer Berater des geistlichen Oberhauptes Dalai Lama wurde. Er schrieb darüber das Besteller-Buch "Sieben Jahre in Tibet", das 1997 mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Als Buchautor, Filmer und Forscher beginnt für Heinrich Harrer nach dem Ende der NS-Zeit 1945 ein neues Leben - ohne, dass er seine Rolle im NS-Staat je anerkannt hätte. "Meine leidenschaftliche Liebe zu den Bergen hatte mich nach dem Erfolg am Eiger in die Nähe dieser unheilvollen Politik gebracht", begründete Harrer viele Jahre später seine damaligen Entscheidungen. Er nannte es lapidar einen "dummen Fehler". 2012 wäre Heinrich Harrer 100 Jahre alt geworden. Sein Name bleibt Symbol für einen Ausnahmebergsteiger, aber auch für einen Bergheld, der bis zu seinem Tod 2006 seine Rolle im NS-Staat stets verleugnete.