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Ostmitteleuropa

Deutsch-tschechisches Gemetzel

– Missbrauch der sudetendeutschen Frage für Wahlkampfzwecke bleibt nicht ohne Folgen

Prag, 22.5.2002, PRAGER ZEITUNG

Ein Gespenst geht um in Europa: Der neue Nationalismus bedroht das friedliche europäische Zusammenleben. Politiker schlagen alte Schlachten ohne Rücksicht auf neue Verhältnisse. In der vordersten Reihe der Hauer und Stecher kämpfen Tschechiens trinkfester Premierminister Milos Zeman und sein Nachfolger Vladimir Spidla

Wo stilles Gedenken angesagt wäre, nahm Tschechiens Noch-Regierungschef am Pfingstsonntag (19.5.) den Mund reichlich voll - in Theresienstadt erklärte er, die Sudetendeutschen seien gewissermaßen auf eigenen Wunsch vertrieben worden: "Sie wollten heim ins Reich und dahin gingen sie auch."

Zemans Nachfolger Spidla, Spitzenkandidat der regierenden Sozialdemokraten wollte da nicht zurückstehen. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" bürstete er gnadenlos jedes Angebot zum Dialog ab: "Die Sudetendeutsche Landsmannschaft ist für mich kein Gesprächspartner. Auf keinen Fall."

Konnte Tschechien sich vielleicht mal irgendwann zum Bekenntnis durchringen, dass Unrecht geschehen ist? Spidla: "Nein, diese Möglichkeit sehe ich nicht, und das wird auch nicht passieren." Mord und Totschlag bei der Vertreibung? Spidla: "Sie sind gedeckt durch die Amnestie des damaligen Präsidenten der Republik." Und dabei bleibt es? Spidla: "Natürlich."

In Tschechien ist Wahlkampf, in Deutschland ist Wahlkampf. Wo jede Stimme zählt, wollen sich auch deutsche Politiker nicht lumpen lassen. Otto Schily, vom linksliberalen Terroristen-Verteidiger zum strammen Law-and-order-Mann geläutert, forderte auf dem Sudetendeutschen Tag in Nürnberg die Aufhebung der Benes-Dekrete - ein Novum in der rot-grünen Regierungskoalition, die sich nun zumindest in dieser Frage einig weiß mit Österreichs Rechtsaußen Jörg Haider.

Die Führer geben den Ton an, das Wahlvolk trabt willig hinterher: Vor einem Jahr glaubten 47 Prozent der Tschechen, die Vertreibung der Deutschen sei gerecht gewesen, heute sind es 60 Prozent. Die Zahl der Tschechen, die an eine gute Nachbarschaft beider Länder glauben ist gleichzeitig um 21 auf 56 Prozent zurückgegangen.

Zur Erinnerung: Die deutsch-polnische Versöhnung begann Mitte der 60er Jahre mit einer Entschuldigung der polnischen Bischofskonferenz an die Adresse der vertriebenen Deutschen. Es war eine Geste des guten Willens, die keinen Polen in Schlesien, Pommern oder Preußen um Haus und Hof brachte. Der Vorsitzende der tschechischen Bischofskonferenz Jan Graubner wird für seine Vermittlungsbemühungen in Tschechien so angefeindet, wie einst die polnischen Bischöfe unter dem totalitären kommunistischen Regime.

Irgendwann einmal werden die Wahlkämpfe zu Ende sein. Doch die nationalistische Umweltverschmutzung wird sich in den Köpfen festgesetzt haben. Genau dies ist der Fehler der herrschenden Politiker: Sie denken von Wahltermin zu Wahltermin. Die europäischen Visionen sind zu einer rhetorischen Pflichtübung verkommen. (ykk)

  • Datum 23.05.2002
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