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Pressefreiheit

Deutsch-türkische Medienprojekte: "Öffentlichkeit ist die einzige Chance"

Journalisten in der Türkei leben gefährlich. Verhaftungen und Entlassungen stehen an der Tagesordnung. Deutsch-türkische Internetportale wie "Özgürüz" geben kritischen Reportern eine Stimme - solange es noch geht.

ozguruz.org (ozguruz.org)

"Wir sind frei" - der Name der deutsch-türkischen Plattform "Özgürüz" betont die Forderung nach Pressefreiheit

Die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 100 inhaftierte Journalisten im vergangenen Jahr, 169 geschlossene Medienbetriebe, Platz 151 von 180 auf der Rangliste der Pressefreiheit - für regierungskritische Journalisten wird es eng in der Türkei. Damit sie trotzdem gehört werden, hat Can Dündar zusammen mit dem Recherche-Netzwerk "Correctiv" die Plattform "Özgürüz" gegründet, auf Deutsch: "Wir sind frei".

Dündar war Chefredakteur der türkischen Zeitung "Cumhuriyet" und deckte unter anderem Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes auf. Weil die Türkei ihn wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen verurteilte, floh er 2016 nach Deutschland.

"Özgürüz" will so berichten, wie es in der Türkei nicht mehr möglich ist - in türkischer und deutscher Sprache. "Dazu gehören Kritik an der Politik des Staatspräsidenten, investigative Geschichten, aber auch tagesaktuelle Berichterstattung", sagt Correctiv-Chefredakteur Markus Grill. Die geplanten Texte und Videos schreiben und produzieren sowohl türkische Journalisten in Deutschland als auch Reporter in der Türkei, "wobei die Zusammenarbeit mit den Kollegen in dort natürlich sehr schwierig ist", sagt Grill.

In der Gründungsphase von "Özgürüz" hätten einige Journalisten abgesagt, die ursprünglich mitmachen wollten. "Sie müssen bedenken: In der Türkei ist es lebensgefährlich, kritisch und unabhängig zu berichten," erläutert Grill. Daran erinnert auch das Datum der Gründung: "Özgürüz" ging am 24. Januar 2017 online, genau 24 Jahre nach der Ermordung des türkischen Investigativreporters Uğur Mumcu.

"Diese Leute stehen für Glaubwürdigkeit"

Eine wichtige Zielgruppe von "Özgürüz“ sind die Türken in Deutschland. Man wolle nicht nur aus der Türkei berichten, "sondern auch Geschichten aus den türkischen Communities zum Beispiel im Ruhrgebiet oder in Berlin erzählen", sagt Grill.

Dass deutsch-türkische Plattformen auch Menschen in der Türkei erreichen, hält er für realistisch. "Man muss sich anschauen, wer das hier macht. Can Dündar und Hayko Bağdat gehören zu den prominentesten türkischen Journalisten und haben in den sozialen Netzwerken eine riesige Anhängerschaft. Diese Leute stehen sowohl in der Türkei als auch in Deutschland für Glaubwürdigkeit und unabhängigen Journalismus."

Zwar helfen Projekte wie "Özgürüz" einigen türkischen Journalisten, ihre berufliche Existenz zu sichern, aber das sei nicht ausschlaggebend. Rund 2000 Journalisten hätten in der Türkei seit Ausrufung des Ausnahmezustands ihre Arbeit verloren, in Deutschland würde gerade einmal rund ein Dutzend weiter beschäftigt. "Zu sagen, die paar Projekte, die türkischen Journalisten in Deutschland helfen, würden die Situation verbessern, wäre maßlos", betont Grill.

"Wir sind uns bewusst, dass es zu einer Sperrung kommen kann"

Ähnlich sieht es Fatma Aydemir. "In der Türkei werden kritische Medien in die Enge getrieben, indem sie keine Anzeigen mehr bekommen oder nicht mehr an den Kiosken ausgelegt werden. Deshalb arbeiten inzwischen viele Journalisten dort ehrenamtlich. Einige unserer Autoren waren überrascht, dass wir ihnen überhaupt ein Honorar zahlen." 

Karikatur von Serkan Altunigne (taz.gazete/Serkan Altunigne)

Bei taz.gazete werden neben Texten auf Deutsch und Türkisch auch Karikaturen veröffentlicht

Aydemir leitet das Online-Projekt "taz.gazete". Gazete ist das türkische Wort für Zeitung. Auf der Plattform erscheinen hauptsächlich Texte von Journalisten in der Türkei, die auch ins Deutsche übersetzt werden. Es gehe darum, "alternative Stimmen zu stärken, die innerhalb der türkischen Medienlandschaft nicht mehr zu Wort kommen", sagt Aydemir. Das sei nicht einfach. Zwar habe es bereits viele positive Reaktionen aus der Türkei gegeben, aber "wir sind uns durchaus bewusst, dass es auch zu einer Sperrung kommen kann."

Auch "taz.gazete" will die türkische Community in Deutschland erreichen, selbst wenn - oder gerade weil - viele Türken in Deutschland Anhänger der türkischen Regierungspartei AKP sind. "Es gibt genug Leute, die eine alternative Berichterstattung wollen", sagt Aydemir: "Außerdem gibt es eine Grauzone, in der sich Menschen befinden, die zwar Erdogan gewählt haben, die es aber unterstützen, dass sie in Deutschland Nachrichten auf Türkisch lesen können."

Schweigen ist gefährlicher als berichten

Für Helga Schmidt ist die Tatsache, dass es in Deutschland viele AKP-Sympathisanten gibt, nur ein weiterer Grund zu handeln. Schmidt ist stellvertretende Chefredakteurin Radio des WDR, der vor kurzem das Portal "Türkei unzensiert" ins Leben gerufen hat. Auf der Plattform werden Berichte von türkischen Journalisten, Intellektuellen und Wissenschaftlern veröffentlicht, die schon in anderen Medien erschienen sind.

Außerdem schreiben fünf renommierte türkische Journalisten für das Portal über die Entwicklungen in ihrem Heimatland. "Unsere Autoren berichten darüber, was es bedeutet, wenn Polizeibeamte plötzlich ihren Job verlieren, wenn Schulen nicht mehr von Lehrern, sondern von Religionsfunktionären geführt und Freunde plötzlich als Gülen-Anhänger stigmatisiert werden. Und was es bedeutet, wenn es keine Pressefreiheit gibt, sondern die Deutungshoheit nur noch bei den Erdogan-nahen Medien liegt," sagt Schmidt.

Helga Schmidt stellv. Chefredakteurin des WDR (WDR/Michaela Patschurkowski)

Helga Schmidt ist überzeugt, dass Portale wie "Özgürüz" und "Türkei unzensiert" in Zukunft noch wichtiger werden

Die Journalisten für das Projekt zu gewinnen, sei nicht schwierig gewesen - für sie sei Schweigen gefährlicher als berichten. Alle fünf seien mit der türkischen Regierung schon in Konflikt gekommen. "Hatice Kamer ist bei einer Recherchereise inhaftiert worden. Nach ihrer Freilassung hat sie berichtet, wie wichtig es für sie war, dass internationale Medien den Fall öffentlich gemacht haben. Öffentlichkeit ist für diese Journalisten die einzige Chance," berichtet Schmidt.

Wie lange die Projekte weiterlaufen können, ist zumindest im Fall "Özgürüz" unklar. Nach einer ersten Anschub-Finanzierung ist das Portal auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. "Es ist noch keinesfalls gesichert, dass das Projekt überlebt", sagt Markus Grill.

Die stellvertretende WDR-Chefredakteurin ist überzeugt, dass die Portale in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. "Durch die geplante Verfassungsreform werden Grundpfeiler des Rechtsstaates praktisch ausgehebelt. In dieser Situation ist es wichtig, wenigstens außerhalb der Türkei für Pressefreiheit und Meinungsvielfalt zu sorgen," betont Helga Schmidt.

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