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Nahost

Deutsch ohne deutschen Pass: Schicksal einer Deutsch-Irakerin

Im Irak tobt ein Krieg aller gegen alle. Iraker mit ausländischen Wurzeln haben das Land deshalb nach Möglichkeit verlassen - so wie Jasmine, die mit ihrem Mann und zwei Kindern vor einem Jahr nach Syrien floh.

Die Familie von Jasmine Abdul Kader, Quelle: Kristin Helberg

Zwischen zwei Welten - die Familie von Jasmine Abdul Kader

Jasmine hat eine deutsche Mutter und einen irakischen Vater, sie gilt deshalb vielen Radikalen als "Tochter einer Ungläubigen". Doch ausgerechnet in der Bundesrepublik findet die 40-Jährige keine Zuflucht, denn zum Deutschsein fehlt Jasmine das entscheidende Dokument: ein deutscher Pass. In Syrien ist Jasmine eine von fast zwei Millionen irakischen Flüchtlingen.

Erinnerungen an ein Paradies

Die Familie beim Mensch-ärgerr-dich-nicht-Spielen, Quelle: Kristin Helberg

Spielen geht nur in den eigenen vier Wänden

Ein Vorort von Damaskus. Ein kleines Durchgangszimmer, zwei Sofas und ein Fernseher auf der einen, ein weißer Tisch mit vier Plastikstühlen auf der anderen Seite. Ali und Tabarek sitzen auf dem Sofa, schauen sich Fotos vom letzten Sommer an und schwärmen von Deutschland. Die schönen Straßen, die vielen Bäume und der tolle Spielplatz hinter dem Haus wecken bei dem zehnjährigen Ali Erinnerungen.

Drei Monate verbrachten die Kinder mit ihrer Mutter Jasmine in Kiel, eingeladen von Jasmines Tante. Am Ende konnten Ali und seine siebenjährige Schwester auch ein bisschen Deutsch: "Wie heißt du? Ali. Danke, bitte. Ich heiße Tabarek." Weit weg von den Bomben im Irak und dem Flüchtlingselend in Syrien sei ihnen Deutschland wie das Paradies vorgekommen, meint Jasmine. Ihr Sohn habe sich in Kiel wohler gefühlt als in Damaskus. "Er hat gesagt: hier sind Araber und ich verstehe die Sprache, aber ich fühle mich wie ein Fremder. Dort habe ich mich nicht fremd gefühlt, obwohl ich kein Deutsch konnte und keinen kannte, alle anders aussahen und das ganze Leben anders war."

Unter Saddam Hussein war nur der irakische Pass erlaubt

Auch für Jasmine war es eine gute Zeit in Deutschland. Die 40-Jährige ist die Tochter einer Deutschen und eines Irakers. Äußerlich ähnelt sie mit ihren braunen Haaren und dunklen Augen eher dem Vater, aber ihren Charakter hat sie von der Hamburger Mutter: direkt, ehrlich und kein Wort zu viel. "Die Leute sagen mir immer, dass ich mich eher als Deutsche benehme. Ich fühle mich in Deutschland viel besser als im Irak oder in irgendeinem arabischen Land."

1967 wurde Jasmine in Bagdad geboren. Damals galt nur als deutsch, wer einen deutschen Vater hatte, deswegen war Jasmine von Anfang an Irakerin. Später änderte die Bundesrepublik dieses Gesetz: Seit 1975 vererben auch deutsche Mütter ihre Nationalität an ihre Kinder. Wer vor dem Stichtag geboren wurde, hatte drei Jahre Zeit, die deutsche Staatsbürgerschaft nachträglich zu beantragen.

Doch unter Saddam Hussein war es verboten, neben dem irakischen einen zweiten Pass zu führen, erklärt Jasmine. "Hätte mein Vater für mich unterschrieben, dass er nichts dagegen hätte, hätte er dafür umgebracht werden können. Manche Leute haben das heimlich gemacht. Mein Vater hatte Angst davor. Eigentlich mussten alle zur Baathpartei gehören - und das tat er nicht, außerdem hatte er eine ausländische Frau.“

Ostereier und Tannenbäume im Irak

"Still halten, bloß keine Aufmerksamkeit erregen" lautete die Überlebensstrategie in Jasmines Elternhaus. So blieb sie formal Irakerin, obwohl ihr Alltag von deutschen Traditionen geprägt war. "Wir haben immer Weihnachten und Silvester gefeiert - mit Weihnachtsbaum und Geschenken. Meine Tante hat mir immer Adventskalender geschickt mit Schokolade drin. Auch Ostern haben wir gefeiert - das war was Schönes, wenn ich im Haus rumgewandert bin und Eier gesucht habe."

Von Ostereiern und Weihnachtsgeschenken abgesehen hat Jasmine unter ihrer deutschen Herkunft eher gelitten. Freundinnen beneideten sie um ihre Kleidung aus Deutschland, als Telekommunikationstechnikerin blieben ihr viele Türen verschlossen, da sie als Kind einer Ausländerin unter dem Verdacht der Spionage stand.

Nach dem Sturz des Saddam-Regimes 2003 wurde es noch schlimmer, sagt Jasmine, denn nun wuchs der religiöse Fanatismus. Aus der Tochter einer Deutschen wurde die Tochter einer Ungläubigen - und damit ein potentielles Entführungsopfer. "Aus Spaß hat mir mal die Frau von einem Freund gesagt: weißt du, wie viel Geld wir bekommen könnten, wenn wir den Kaida-Leuten sagen würden, dass hier eine ist, die eine deutsche Mutter hat? Aber das war kein Spaß, denn ihre Brüder hatten mit El-Kaida-Leuten zu tun."

Von Deutschland abgelehnt, auch in Syrien nicht willkommen

Jasmine und ihre beiden Kinder vor einem Fotoalbum, Quelle: Kristin Helberg

Erinnerungen an Deutschland, festgehalten im Fotoalbum

Mehrfach hat sich Jasmine erkundigt, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft nachträglich erwerben kann. Immer hieß es: "Zu spät". Zuletzt beantragte sie von Bagdad aus eine Einbürgerung, doch diese wurde vom Bundesverwaltungsamt in Köln abgelehnt. Begründung: Es bestünden keine ausreichenden Bindungen an Deutschland und der Unterhalt der Familie wäre nicht gesichert. Am Ende blieb nur die Flucht nach Syrien, wo inzwischen fast zwei Millionen Iraker Unterschlupf gefunden haben, aber nicht arbeiten dürfen.

Am Stadtrand von Damaskus fühlt sich Jasmines Mann Mohammed, ein Ingenieur, nicht besonders willkommen. "Manchmal rufen mir Kinder auf der Straße hinterher: 'Hey Iraker, warum haust du nicht ab!' Hier zu leben, ist für mich unmöglich. Wir leben von unseren Ersparnissen, aber ich kann nicht fünf Jahre finanzieren bis es im Irak besser wird. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll."

Statt mit dem gesparten Geld eine neue Existenz in Deutschland aufzubauen, verbraucht die Familie es nun für ihr tägliches Überleben in Syrien. Wenn der Frust mal wieder zu groß wird, spielen Jasmine, Mohammed und ihre beiden Kinder eine Runde Mensch-ärgere-dich-nicht. Zumindest Ali und Tabarek vergessen dabei für einen Moment, dass die syrischen Nachbarkinder sie nicht vor dem Haus spielen lassen. Jasmines Ärger jedoch bleibt. Sie fühlt sich von der Bundesrepublik im Stich gelassen, vor allem wenn sie an die vielen Ausländer in Deutschland denkt, die im Gegensatz zu ihr die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen können.

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