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Hintergrund

Deutsch lernen mitten in Sibirien

Russland gilt als das Land mit den meisten Deutschlernern. Damit das auch so bleibt, fördert das Goethe-Institut den Deutschunterricht an russischen Schulen, zum Beispiel indem es sich Partnerschulen sucht.

Deutschunterricht in Akademgorodok (Foto: DW)

Nachhilfe im Gymnasium Nr. 3

Lange war sie ein Mythos: die Stadt "Akademgorodok". Hier - mitten in der sibirischen Taiga - forschte die sowjetische Elite, Westler hatten keinen Zutritt. Heute gibt es einen regen Austausch mit Instituten in aller Welt, und auch die Schulen vor Ort pflegen den Kontakt ins Ausland. Unter ihnen das Gymnasium Nr. 3., das seit einem dreiviertel Jahr Partnerschule des Goethe-Instituts ist. Neben Englisch wird hier eifrig Deutsch gelernt.

Kluge Köpfe sind gefragt

Deutschklasse im Gymnasium Nr. 3 (Foto: DW)

Im Deutschraum hängen Fotos von den Partnerschulen

Rund 800 Schüler kommen täglich hierher, von der ersten bis zur elften Klasse. Deutsch gibt es erst ab der Fünf, umso erstaunlicher ist es, wie gut sich viele der Schüler in der fremden Sprache verständigen können. Der gute und engagierte Unterricht war eines der Kriterien für die Auswahl der Schule, sagt Catharina Clemens vom Goethe-Institut in Moskau, die Projektreferentin des Partnerschulprogramms in Russland. Hinzu komme der hervorragende Ruf der Schule sowie der Standort: Akademgorodok besteht heute noch zum größten Teil aus Akademikern, so gut wie alle Schüler besuchen nach dem Schulabschluss die Universität.

Interessant seien dabei vor allem die Schüler, so Catharina Clemens, deren Hauptaugenmerk gerade nicht auf dem Sprachenlernen liege, sondern die sich eher für Naturwissenschaften, Informatik oder Wirtschaft interessierten. Gerade sie wolle man an die deutsche Sprache heranführen und "damit natürlich letztlich auch ein Interesse wecken für ein mögliches Studium in Deutschland."

Das Gymnasium Nr. 3 in Akademgorodok (Foto: DW)

Schon im Oktober liegt Schnee auf dem Schulhof in Akademgorodok

Wo liegt noch mal Sibirien?

Ein Stipendium für einen Sprachkurs in Deutschland – das ist für die Schüler, neben zahlreichen Wettbewerben und zusätzlichen Unterrichtsmaterialien, sicherlich einer der interessantesten Aspekte des Partnerschulprogramms. Xenia beispielsweise hat im vergangenen Sommer zusammen mit 80 anderen "Partnerschülern" aus aller Welt an einem Jugendsprachkurs in Heidelberg teilgenommen. Seitdem ist sie Feuer und Flamme. Xenia ist siebzehn, geht in die elfte Klasse und lernt 14 Stunden pro Woche Deutsch, zwei regulär in der Schule, die übrigen zwölf außerhalb und freiwillig.

Eine Schülerin präsentiert ihre Fotos aus Deutschland (Foto: DW)

Stolz zeigt Xenia ihre Fotos aus Heidelberg

Der fünfzehnjährige Maxim war im vergangenen Sommer ebenfalls in Deutschland, allerdings nicht zum Sprachkurs, sondern im Rahmen eines Schüleraustausches. Seit einigen Jahren schon pflegt das Gymnasium Nr. 3 Kontakt zu einer Schule in Bayern und seit Anfang dieses Jahres zu einer weiteren in der Nähe von Berlin. Auch Maxim hat es in Deutschland gefallen, allerdings hat er sich darüber gewundert, welche sonderbaren Vorstellungen die deutschen Schüler von Sibirien haben. "Sie haben solche lustigen Fragen gefragt, zum Beispiel ob man hier Bären auf der Straße trifft", erzählt er lachend.

Früher Kontakt zur Universität

Maxim und sein zwei Jahre älterer Bruder Anton sind in Akademgorodok geboren. Bereits ihre Großväter haben hier gearbeitet: Der eine war Physiker an der Uni, der andere Computeringenieur am Rechenzentrum. Der Kontakt zur Universität und zur Wissenschaft ist für die Schüler in Akademgorodok nichts Besonderes. Die Forschungsinstitute liegen gleich um die Ecke, und einige der Dozenten dort unterrichten auch in den Schulen. Die Mathematikerin Natalia Sosedkina beispielweise gibt am Gymnasium Nr. 3 Informatikunterricht. Der Unterricht mit den Kindern sei schwieriger, sagt sie, da sie viel emotionaler seien als die Studenten, aber es mache auch mehr Spaß.

Briefe aus der DDR

Die Direktorin Tatjana Alexejewa (Foto: DW)

Direktorin Tatjana Alexejewa in ihrem Büro

Wenn man sich am Gymnasium Nr. 3 umschaut, fällt einem schnell auf, dass hier fast nur Frauen arbeiten. Grund ist die schlechte Bezahlung der Lehrtätigkeit. Nach dem Ende der Sowjetunion gab es kein Geld mehr für die Wissenschaft in Akademgorodok, viele Forscher wanderten in den Westen ab. Auch die Schule bekam die Krise zu spüren, erzählt die Direktorin Tatjana Alexejewa. Es habe sogar Zeiten gegeben, in denen sie kein Geld für Kreide gehabt, geschweige denn die Lehrer hätten bezahlen können. Heute hat sich die Lage stabilisiert, die Lehrer bekommen Gehalt, aber eben nur ein geringes.

Elena Jakovenko im Unterricht (Foto: DW)

Elena Jakovenka beim Deutschunterricht

Elena Jakovena, eine der drei Deutschlehrerinnen, gibt daher neben der Schule noch Abendkurse für Erwachsene. Die Tage sind bisweilen lang, aber es macht ihr Freude, sagt sie. Sie ist Mitte Vierzig und arbeitet seit zehn Jahren im Gymnasium Nr. 3. Dass ihre Schüler regelmäßig Kontakt zu deutschen Kindern haben, findet sie prima und zugleich nicht selbstverständlich. Sie erinnert sich noch gut an ihre eigene Schulzeit: Damals war es bereits eine Sensation, als ihre Deutschlehrerin einmal Briefe aus der DDR mitbrachte. Einen Brief aus dem Ausland zu bekommen "war ein Erlebnis", erzählt sie. "Damals hatten wir den Eisernen Vorhang, niemand konnte ausreisen. Und besonderes hier in Sibirien: wir haben nie einen richtigen Muttersprachler gesehen. Und plötzlich waren da diese Briefe."

Diese Erfahrung können die Schüler heute vielleicht nicht mehr nachvollziehen. Sie chatten, mailen und telefonieren mit ihren deutschen Freunden, wann immer sie wollen. Isoliert ist man in dem "Akademikerstädtchen" sicherlich nicht mehr. Und im Unterschied zu den Anfangsjahren - die Stadt wurde Ende der 1950er Jahre gebaut - findet man den Ort heute auch auf der Landkarte.

Autorin: Petra Lambeck

Redaktion: Aya Bach

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