Deutsch-israelische Begegnung am Filmset | Kultur | DW | 18.05.2013
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Kultur

Deutsch-israelische Begegnung am Filmset

Es ist eine der bisher größten Co-Produktionen der beiden Länder: Ein deutscher Sender und eine israelische Produktionsfirma arbeiten gemeinsam an einem TV-Thriller - und räumen dabei mit so manchem Klischee auf.

Einige Mönche rauchen, trinken ein Bier, andere haben es sich auf den Plastikstühlen so gut es geht gemütlich gemacht und dösen. Jaron zupft an seinem Kreuz, das an der langen Kette baumelt: "Ja, Warten ist das Los der Komparsen." Erst um 4 Uhr morgens, schätzt der 30-jährige Israeli, werden sie für die Dreharbeiten gebraucht. In anderen Fällen könnten die Stunden bis dahin zur Tortur werden, ist seine Erfahrung. Aber auf diesem Filmset nicht. "Wir haben Essen, Trinken, sogar eine funktionierende Toilette - alles gut organisiert. Typisch Deutsch eben", lobt er.

Nicht nur Jaron hat seine Bilder im Kopf. Bei den Dreharbeiten in Israel zu dem Thriller "Jerusalem-Syndrom" für das deutsche Fernsehen treffen sich Vertreter zweier Nationen, deren Beziehung vielschichtig und widersprüchlich ist. So sehen laut Umfragen Israelis das Verhältnis zu den Deutschen überwiegend positiv und entspannt. Umgekehrt beurteilt mehr als die Hälfte der Deutschen Israel als "aggressiv".

Bild 49.31: Eine Szene wird gedreht. Hinter der Kamera verfolgen Line-Producer Chris Evert (ganz links) , SWR-Redakteur Manfred Hattendorf 9Mitte) und Producer Oliver Berben (schwarze Jacke) die Arbeiten. Foto: Ulrike Schleicher, 9.Mai 2013, Israel, Bet Gemal fuer DW

Dreharbeiten in Jerusalem

Wie funktioniert das Leben in Israel?

Christ Evert, verantwortlich für den Produktionsablauf, hatte ebenfalls Vorbehalte. "Ich hatte vor meiner Abreise aus Deutschland einige Bedenken", erzählt der 53-Jährige. "Gleichzeitig war ich aber auch sehr gespannt auf Israel und wie das Leben hier unter den besonderen Umständen funktioniert." Zunächst, weil er einfach dachte, er reise nun in ein gefährliches Krisengebiet: "Man hört und sieht ja so viel." Zum anderen vor politischen Diskussionen, etwa über den stockenden Friedensprozess mit den Palästinensern. "Ich habe mich gefragt, wie die Mentalität der Menschen ist."

Nun ist er seit sechs Wochen hier und hat mit seinem israelischen Kollegen Gadi Levi von der Zvi Shpilman-Produktion die Dreharbeiten auf die Beine gestellt. Sie haben gemeinsam Drehorte begutachtet, abgewogen und dann entschieden. Sie haben die Marschroute für die 25 Drehtage festgelegt und immer wieder nachgerechnet, ob das Budget von rund zwei Millionen Euro reichen wird. "Wir haben eine gemeinsame Aufgabe und lösen sie gemeinsam", sagt Gadi dazu. Die Deutschen seien sehr präzise, das sei hilfreich. Evert hat inzwischen gelernt, dass die Israelis ungeduldig sind, aber auch spontaner und flexibler als die Deutschen. "Und dass der Schauspielberuf hier nicht unbedingt zum Leben reicht, weil das Land so klein ist."

Bild Szene film: In Jerusalem und Tel Aviv haben die Dreharbeiten zu dem aufwändigen Thriller Das Jerusalem-Syndrom (AT) begonnen. Hier sit eine Szene mit den Schauspielern Yotam Ishai als Daniel, Jördis Triebel als Ruth und Benjamin Sadler als Uri Peled (von links) © SWR/Vered Adir, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter SWR-Sendung und bei Nennung Bild: SWR/Vered Adir (S2). SWR-Pressestelle/Fotoredaktion, Baden-Baden, Tel: 07221/929-23852, Fax: -929-22059, foto@swr.de

Schauspieler Yotam Ishai (l.), Jördis Triebel (Mitte) und Benjamin Sadler

Israel jenseits von Holocaust und Nahost-Konflikt

Auch für Manfred Hattendorf, Redakteur beim deutschen Südwest-Rundfunk (SWR), der den Film produziert, ist die deutsch-israelische Zusammenarbeit eine besondere Erfahrung und nicht zuletzt die Verwirklichung seiner Idee. Denn er hat zusammen mit einem Kollegen bereits vor fünf Jahren über einen Film nachgedacht, "der dem deutschen Zuschauer ein anderes Bild von Israel vermittelt". Eines ohne den Nahost-Konflikt und eines ohne den Holocaust. Schließlich stand fest, dass es ein Thriller wird um eine junge, schwangere Frau, die am Jerusalem-Syndrom erkrankt ist, sich für Maria hält und in die Fänge einer fundamentalistischen, christlichen Sekte gerät.

Produzent mit viel Israel-Erfahrung

Probleme mit der Finanzierung habe es seitens des SWR nicht gegeben. "Das Budget liegt wegen der Dreharbeiten in Israel etwas über dem normalen Rahmen für einen Fernsehfilm, aber wir sind absolut von dem Vorhaben überzeugt." Für das ehrgeizige Projekt haben er und sein Kollege Michael Schmidl von Anfang an Oliver Berben als Produzent mit ins Boot geholt. Denn der 41-jährige Sohn der Schauspielerin Iris Berben hat nicht nur einen israelischen Vater und schon in seiner Kindheit viel Zeit in diesem Land verbracht, er hat auch Dokumentationen darüber gedreht. "Oliver hatte auch die Idee für die Story um das Jerusalem-Syndrom, die Don Bohlinger und Martin Rauhaus im Drehbuch umgesetzt haben", sagt Hattendorf. Für Berben also ist der Dreh ein halbes Heimspiel. "Ich kenne viele Leute hier", sagt er.

Trilinguale Zusammenarbeit

Es ist dunkel. Das Salesianer-Kloster Bet Gemal in der Nähe von Jerusalem ist nur noch in Umrissen zu sehen. Der Vorplatz hingegen ist grell ausgeleuchtet - Szenendreh: "Silence", "Ruhe", "Scheket", heißt es in drei Sprachen. Der in Deutschland arbeitende israel-stämmige Regisseur Dror Zahavi ruft "Action" und dann sieht man, wie Schauspielerin Leonie Benesch alias Maria, die in den Wehen liegt, von ihrer Schwester Ruth (Joerdis Triebel) und dem Psychiater Uri Peled (Benjamin Sadler) eiligst zu einem Auto getragen wird. "Cut" - kurze Zeit später ist die Szene im Kasten.

Noch bis Ende Mai dauern die Dreharbeiten in Israel an. Chris Evert bleibt bis zum Ende und will in dieser Zeit noch so viel wie möglich davon sehen. "Meine Vorbehalte haben sich komplett aufgelöst und ich sehe jetzt Vieles mit anderen Augen", sagt er. Zu den israelischen Kollegen habe er ein vertrauensvolles Verhältnis gewonnen und finde es spannend, mit ihnen zu reden. Selbst über Politik. "Es ist ja für alle nicht leicht hier", sagt er nachdenklich.

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