1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Ostmitteleuropa

Deutsch in Ungarns Kirche unerwünscht

– Ungarndeutscher über seine Erfahrungen mit katholischen Bischofsmessen

Budapest, Dezember 2001, SONNTAGSBLATT 2001/6, S. 21, deutsch, Richard Guth

"Unser heiligstes Erbe". Diesen Titel trägt das deutschsprachige katholische Gebet- und Gesangbuch der Werischwarer Schwaben (Werischwar liegt in Ungarn – MD). Zu diesem heiligen Erbe, zur Tradition gehört es wohl, sich dem Oberhirten treu ergeben zu zeigen.

An einem neblig-trüben Sonntag kurz vor der deutschen Sonntagsmesse (Hervorhebung des Autors - MD ) trat ich in die Sakristei hinein, um als eifriger Kirchgänger und guter deutschsprachiger Katholik meine Dienste der Gemeinde anzubieten. Sie bräuchten mich nicht, denn heute wird nicht auf deutsch vorgelesen, wurde mir mitgeteilt. "A Püspök atya jön! (Seine Eminenz Der Bischof kommt!"), hieß es enthusiastisch. Ich fragte, ob der "püspök atya" mal die Messe auf deutsch lesen könnte, worauf ich die genervte Antwort erhielt, nein, es gäbe sowieso genug deutsche Messen, so auch am nächsten Sonntag. Die Messe des Oberhirten der Diözese Weißenburg halte man grundsätzlich auf ungarisch. Aus Tradition. Punkt.

Mich würde es interessieren, was die "magyar testverek" (die madjarischen Brüder und Schwestern) in der Slowakei dazu sagen würden, wenn ihre Messe von einem hohen Würdenträger auf slowakisch gelesen werden sollte. Helle Empörung würde durch das Land ziehen, sogar die ungarische Regierung würde Stellung nehmen. Warum eigentlich nicht auf slowakisch? Die sind ja Slowaken madjarischer Abstammung. Wie wir Ungarn deutscher Abstammung.

Aber zurück zum Hochamt des "Püspök atya". "Püspök atya" hielt wenig verspätet Einzug in der Kirche. Die renovierte Orgel sollte eingeweiht werden. Die versteht ja nur ungarisch, mit Sicherheit ist es ja so. Die spielt zwar seit 1692 deutsche Kirchenlieder, aber ihr Herz schlägt mit Sicherheit madjarisch. Das Hochamt nahm seinen Anfang, mit ungarischer Liturgie, denn man sollte um Gottes Willen den "Püspök atya" mit einem deutschen Text nicht belasten. Auch wenn er angeblich deutsch spricht. Dies würde wohl gegen das ungeschriebene Gesetz verstoßen, dass der Bischof von Weißenburg die Heilige Messe nur auf ungarisch liest.

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass "Püspök atya" nach dem ersten deutschen Lied verwundert seinen Kopf schüttelte. Traditionsbruch. Immerhin ein deutsches Kirchenlied. Bravo! Die Messe ging zu Ende. Mit einem ungarischen Kirchenlied. Alle nahmen entzückt Abschied vom "Püspök atya". Bis zum nächsten Mal! Gefeiert wird es traditionell mit einer ungarischen Messe.

Warum "muss" es so sein?

An einem neblig-trüben Sonntag kurz nach der deutschen Sonntagsmesse (Hervorhebung des Autors – MD) trat ich in die Sakristei hinein, um als eifriger Kirchgänger und guter deutschsprachiger Katholik dem "Püspök atya" zu dem goldenen Jubiläum seiner Priesterweihe zu gratulieren. Enthusiastische Atmosphäre. Nur einer zeigt sich verlegen, nachdem ich die Frage nach der fehlenden deutschen Messe stelle: der Ortspfarrer, ein Madjare aus Siebenbürgen. "Testületi döntes volt." ("Dies war eine Entscheidung des Gemeinderates."), gesteht er leise.

Der Kirchenrat besteht aber aus guten Deutschen. Zumindest wenn es um Geld und Posten geht. Ist etwa der Pfarrer der gute Deutsche? Zumindest ein ehrlicher Mensch, gequält von Gewissensbissen. Eine verkehrte Welt. (me)

  • Datum 08.01.2002
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/1gP7
  • Datum 08.01.2002
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/1gP7