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Europa

Deutsch-griechischer Zank - Ein Fall für die Paartherapie

Der Unterhaltungswert ist groß, der politische Schaden auch. Deutsche und Griechen fallen seit Monaten verbal übereinander her. Der Streit hat verschiedene Facetten, erinnert aber auch an einen Generationenkonflikt.

In Brüssel sind sie "nur noch genervt", berichtet ein EU-Kenner. Das griechische Finanzmanagement sei unseriös, handwerklich voller Fehler und die Kommunikation eine einzige Katastrophe. Was am Verhandlungstisch zugesichert werde, sei schon beim ersten öffentlichen Interview wieder vom Tisch, kritisiert die große EU-Familie. Umgekehrt fühlt sich das kollektive Griechenland von Europa gegängelt und insbesondere von Deutschland erniedrigt. Vor allem Finanzminister Yanis Varoufakis sorgt mit seinen vollmundigen Kritiken am Entschuldungskonzept der EU für Griechenland regelmäßig für Schlagzeilen. "Fiskalisches Waterboarding" sei das und mitnichten ein Rettungsplan für Griechenland, heißt es aus Athen.

Krieg der Wort und Symbole

Das Verhältnis zwischen Berlin und Athen ist auf einem Tiefpunkt. "To Vima", die traditionsreiche Athener Sonntagszeitung, spricht schon von der "Schlacht um Berlin". Und Panos Kammenos, Griechenlands Verteidigungsminister und Vertreter der rechtspopulistischen Regierungspartei Anel,

wirft Finanzminister Wolfgang Schäuble vor

, er betreibe psychologische Kriegsführung, um die Beziehungen beider Länder zu vergiften.

SPD-Chef und Vize-Kanzler Sigmar Gabriel, auch keiner, der immer jedes Wort auf die Goldwaage legt, springt jetzt seinem Kabinettskollegen Schäuble (CDU) zur Seite. Ihm reiche es jetzt, sagte er der "Bild"-Zeitung. Er habe überhaupt kein Verständnis für "die permanenten Angriffe gegen den deutschen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble durch griechische Regierungsvertreter."

Und jetzt soll auch noch der böse Mittelfinger im Spiel sein.

Screenshot Varoufakis Stinkefinger YouTube

Fälschung oder echt? Varoufakis bei einer Rede 2013

Der beschäftigt seit Sonntagabend die deutsche TV-Gemeinde. Zu sehen ist Yanis Varoufakis während einer Rede in Zagreb 2013. Damals als Wirtschaftsprofessor eingeladen, referierte er über die Eurokrise und empfahl seinem Land, sich die Zahlungsunfähigkeit attestieren zu lassen, gleichzeitig aber in der Eurozone zu bleiben. "(…) Damit Deutschland den Finger zeigen und sagen: Ihr könnt das Problem jetzt selbst lösen." In dem Clip ist an dieser Stelle der verwerfliche Mittelfinger zu sehen, was Varoufakis für eine Fälschung hält. Ob echt oder gefälscht, auch das treibt das deutsch-griechische Verhältnis weiter in die Zerrüttung.

Rocker Varoufakis versus Staatsdiener Schäuble

Hauptkontrahenten in der Kakofonie sind die Finanzchefs beider Länder. Ihre öffentlichen Konfrontationen haben viel von einem Vater-Sohn-Konflikt. Auf der einen Seite der jugendliche und durchtrainierte Grieche mit marxistischem Politikverständnis und Lifestyle-Attitüde. Ein Mann der akademischen Welt und der Theorie. Sein Haupt-Gegenspieler auf EU-Parkett ist in nahezu jeder Hinsicht sein Gegenteil.

Wolfgang Schäuble ist im fünften Jahrzehnt im Deutschen Bundestag und ein Mann der politischen Praxis mit Kompromiss-Erfahrung. Sparen ist für den Konservativen Staatsräson, finanzielle Wohltaten ankündigen ist ihm fremd. Während Griechenland vor der Zahlungsunfähigkeit steht, hat er für Deutschland erstmals nach Jahrzehnten 2014 einen ausgeglichenen Haushalt präsentiert. Varoufakis wirkt mit stets offenem Hemd und seinem Motorrad vor dem Ministerium wie ein ehemaliges Boygroup-Mitglied. Schäuble ist der klassische Staatsdiener mit protestantischem Pflichtethos. In der Sache kommt hinzu, dass dem Deutschen der Euro und seine Stabilität geradezu heilig sind. Denn die Währung der Europäer ist gerade aus Berliner Perspektive betrachtet auch eine politische.

Schuld und Schulden - Aufrechnen von Geschichte und Gegenwart

Symbolbild Griechenland Deutschland Panos Kammenos Foto: (Photo credit should read SAKIS MITROLIDIS/AFP/Getty Images)

Schwere Vorwürfe an Schäuble: Verteidigungsminister Panos Kammenos

Politisch brisant ist auch der erneut aufgeflammte Streit über die Zulässigkeit von griechischen Reparationsforderungen. Die Akten mit der Signatur R 27320 - "Wirtschaftsverwaltung in Griechenland unter deutscher Besatzung" - sorgen neben dem juristischen Streit auch psychologisch für böses Blut. Die Schlussstrich-Debatte halten nicht nur viele Griechen für beschämend, auch deutsche Historiker zeigen Verständnis für die Reparationsforderung 70 Jahre nach dem Krieg. Der deutsche Vorwurf, Athen bringe das Thema erst jetzt mitten im Kampf um die Zahlungsfähigkeit des Landes auf die Tagesordnung, sei falsch. Schon 1995 wurde dem Auswärtigen Amt mitgeteilt, dass Griechenland nicht auf Ansprüche auf Entschädigungen und Reparationen verzichtet.

Wie sehr die Verbal-Scharmützel zwischen Athen und Berlin mittlerweile auch die EU als Ganzes beschädigen, ist den Äußerungen des amtierenden EU-Ratspräsidenten Donald Tusk zu entnehmen. Der Pole hatte in der "Süddeutschen Zeitung" von einem

"idiotischen Szenario"

gesprochen. Er warnte die EU-Staaten davor, das überschuldete Griechenland versehentlich aus der Eurozone zu werfen. Es habe in der europäischen Geschichte schon zu viele Missverständnisse, Unfälle und dumme Telefonate gegeben.