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Politik

Deutsch-griechischer Medien-Streit mit Göttinnen und viel Polemik

Die Liebesgöttin mit Stinkefinger, die Siegessäulen-Figur mit Hakenkreuz, ein offener Brief, Forderungen nach griechischen Inseln und deutschen Reparationen - schrille Töne überlagern Lösungsansätze für die Finanzkrise.

Brief der Boulevard-Zeitung BILD an den griechischen Ministerpräsidenten

"IHR GRIECHT NIX VON UNS!", so schreibt das deutsche Boulevardblatt "BILD" am Besuchstag von Ministerpräsident Giorgos Papandreou in Berlin und richtet einen polemischen Brief an den "Pleite-Premier", den Gast von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Darin geht es grob verallgemeinert um griechische Korruption und deutsche Leistungen. Eine Kostprobe: "Sie sind heute in dem Land, das mit seinen Zigtausend Touristen jede Menge Geld nach Griechenland trägt. Das Ihnen mit Otto Rehhagel sogar den Trainer Ihrer Fußball-Europameister geschickt hat. Wir wollen Freunde der Griechen sein." In einer Kolumne schräg darunter heißt es: "Ich frage mich, wie das einst klügste Volk der Erde so vor die Hunde gehen konnte ... Dieses Griechenland heute ist schrecklich."

Göttin Aphrodite mit Stinkefinger

Das Titelbild des Magazins Focus am 22. Februar 2010 zeigt neben der Überschrift Betrüger in der Euro-Familie eine Staue der Liebesgöttin Venus mit dem erhobenen Mittelfinger

Deutsche Provokation: 22.02.2010

Nach Freundschaftsbekundungen klingt dieser Boulevardbeitrag genau so wenig wie viele Medien-Ergüsse zum deutsch-griechischen Verhältnis rund um die griechische Finanzkrise. Erster Auslöser für den Zorn der Griechen war der Titel des Magazins "Focus" Ende Februar. Es zeigt die Statue der Aphrodite von Milos mit erhobenem Mittelfinger. Die Überschrift zum Titel-Beitrag lautet: "Betrüger in der Euro-Familie". Der griechische Parlamentspräsident bestellte den deutschen Botschafter ein. Die griechische Presse konterte am nächsten Tag mit einer Göttinnen-Montage mit nationalsozialistischem Motiv.

Viktoria mit Hakenkreuz

Diese Seite in einer griechischen Tageszeitung zeigt die goldene Statue der Göttin Viktoria von der Siegessäule mit einem Hakenkreuz in der Hand (Foto: dpa)

Griechische Reaktion: 23.02.2010

Die Zeitung "Eleftheros Typos" zeigte unter der Überschrift "Die Wirtschaftsbesatzung des 4. Reiches weitet sich aus" die Göttin Viktoria, die Figur auf der Berliner Siegessäule, mit einem Hakenkreuz in der Hand. Im Text war die Rede vom "Finanznazitum", das Europa bedrohe. Viele Zeitungen konterten auch die Korruptionsvorwürfe aus Deutschland mit Hinweisen auf korrupte Strukturen im deutschen Siemens-Konzern. Der griechische Verbraucherverband INKA rief sogar zum Boykott deutscher Waren auf. In Protest-Flugblättern hieß es: "Die Verfälschung einer Statue der griechischen Geschichte, Schönheit und Zivilisation, die aus einer Zeit kommt, wo sie [die Deutschen] Bananen auf Bäumen gegessen haben, ist unverzeihlich und nicht hinnehmbar."

Die einen fordern Reparationen, die anderen Inseln

Idyllische Insel im blauen Mittelmeer: Psira im Golf von Mirabello nördlich der Ostküste Kretas

Begehrt: griechische Inseln

Natürlich gab und gibt es in beiden Ländern auch viele gemäßigte Stimmen in den Medien und der Politik. Schlagzeilen aber machten die griechischen Forderungen nach deutschen Reparationen. Politiker und Medien verlangten Entschädigungszahlungen für die griechischen Opfer und Schäden während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

"Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen", unter dieser Überschrift forderte die "BILD"-Zeitung die Regierung in Athen auf, einige ihrer 3000 Ägäis-Insel anzubieten. Das Blatt zitierte einen FDP und einen CDU-Politiker aus der zweiten Reihe, die sich dafür aussprachen, dass Griechenland unbewohnte Inseln für die Schuldentilgung einsetzen solle.

Das ging auch vielen Deutschen zu weit. "Abenteuerlich und verletzend" nennt der deutsche FDP-Europaabgeordnete Jorge Chatzimarkakis den Insel-Vorstoß. Und die deutsche Zeitung "Neue Westfälische" konterte ironisch, dann könne ja auch Deutschland beispielsweise Bayern verkaufen. Bundeskanzlerin Merkel forderte, alles zu vermeiden, das "negative Emotionen" auslösen könnte.

Regierungschefs versuchen sich in Mäßigung

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der griechische Ministerpräsident Georgios Papandreou bei einem EU-Regierungschef-Treffen in Brüssel (EPA)

Europäische Familie: Merkel und Papandreou in Brüssel

Tatsächlich geben sich die deutsche Kanzlerin und der griechische Ministerpräsident große Mühe, die Provokationen auf beiden Seiten zu entschärfen. Merkel lobte am Freitag (05.03.2010) ausdrücklich die griechischen Bemühungen, die Krise zu überwinden. Papandreou sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Vorurteile seien fehl am Platz: "Weder haben die Griechen die Korruption in den Genen noch die Deutschen den Nationalsozialismus."

Autorin: Andrea Grunau

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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