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Kultur

Deutsch für Gehörlose in Washington

Die weltweit führende Gallaudet-Universität in Washington D.C. für Gehörlose bietet auch Deutschseminare an. Für die Studenten ist das eine Herausforderung. Sie lernen die geschriebene Sprache und die Zeichensprache.

Schuld Gallaudet Universität (Foto: Katharina Lohmeyer)

Jeder der sechs Studenten im Deutsch-Seminar an der Gallaudet Universität in Washington ist gehörlos oder schwerhörig. Trotzdem: Es ist mitnichten still in dem Seminarraum im zweiten Stock des Hall Memorial Buildings auf dem Campus der Uni. Mit Fingern, Händen und Armen diskutieren die Studenten, wie sie das deutsche Wort "Wohnung" übersetzen können. Einige von ihnen sind in der Lage, Worte zu formen. Manchmal entsteht dabei ein Wort, manche sprechen fast genauso deutlich wie Hörende.

Michelle Morris (Foto: Katharina Lohmeyer)

Michelle Morris will später bei den Vereinten Nationen arbeiten

Eine der Deutsch-Studentinnen ist die 19-jährige Michelle Morris aus Florida. Der schwerhörigen jungen Frau mit den geflochtenen Zöpfen fällt die deutsche Sprache leicht. Michelle möchte nach ihrem Studium am liebsten bei den Vereinten Nationen arbeiten. Deshalb belegt sie an der Gallaudet Universität das Fach "Internationale Studien". "Ich musste mir eine Fremdsprache aussuchen", sagt Michelle mit Hilfe ihrer Hände. Wegen der UNO habe sie sich dann für Deutsch entschieden. "Deutschland hat dort so eine starke Basis, dass ich das Gefühl hatte, diese Sprache könnte für mich sehr hilfreich sein – für die europäischen Länder aber auch für die afrikanischen", sagt die 19-Jährige. Ohne die Ausbildung an der Gallaudet Universität wäre es für sie nahezu unmöglich, dieses Ziel zu erreichen.

Eine einzigartige Ausbildung für Gehörlose

Martin Dayan (Foto: Katharina Lohmeyer)

Student Martin Dayan ist seit seiner Geburt gehörlos

Michelles gehörloser Kommilitone Martin Dayan ist allein wegen des Studiums nach Washington gezogen. "Die Gallaudet Universität ist die einzige, die Geisteswissenschaften für Gehörlose anbietet", sagt der gebürtige Franzose. Durch die amerikanische Zeichensprache sind alle Seminare für Gehörlose zugänglich. Alle Technologien sind für visuell lernende Menschen entwickelt. "Es gibt weltweit keinen vergleichbaren Ort. Frankreich dagegen liegt in diesem Bereich weit zurück", meint der dunkelhaarige Student.

Die Gallaudet Universität wurde 1857 gegründet, damals als das "Columbia Institut für den Unterricht von Gehörlosen, Stummen und Blinden". Durch eine Gesetzesänderung machte Präsident Lincoln sieben Jahre später die Umbenennung zum College möglich. 1986 folgte dann die Ernennung zur Universität.

Alle Seminarangebote in Zeichensprache

Die 1800 Studenten können aus mehr als vierzig Fächern wählen. Sie alle werden auch in der Amerikanischen Zeichensprache ASL unterrichtet, die in den USA als eigenständige Sprache anerkannt ist. Sie hat eine eigene Wort- und Satzbildung, die Zeichen haben eine eigene Bedeutung.

Im Gegensatz zur Deutschen Gebärdensprache leistet die amerikanische Zeichensprache mehr als nur die reine Übersetzung des gesprochenen Wortes, sagt die Deutsch-Dozentin Dr. Margaret Mullens: "Die deutsche Gebärdensprache bezieht sich mehr auf das Lippenlesen, weil viele Zeichen dieselben sind." Zum Beispiel haben die Worte "Bruder" und "Schwester" das gleiche Zeichen. "Man ist also auf das Lippenlesen angewiesen, um den Unterschied zwischen den beiden Wörtern zu erkennen", erklärt die Sprachwissenschaftlerin.

Gehörlose kritisieren Situation in Deutschland

Seminarraum (Foto: Katharina Lohmeyer)

Lebhafte Atmosphäre im Seminarraum

Die Abhängigkeit vom Lippenlesen bereitet vielen Gehörlosen in Deutschland große Probleme. Die 24-jährige Carrie St. Cyr aus Louisiana hat zum Beispiel ein Jahr lang in München eine Schule für Gehörlose besucht. "Nach einem Jahr dort konnte ich nichts mehr lernen, weil die Lehrer keine Zeichen benutzen", sagt Carrie. Keiner der Schüler habe den Unterricht ernst genommen. Und das sei einer der Gründe, warum die deutschen gehörlosen Schüler nicht gut seien. "Sie beenden meist nur die zehnte Klasse", sagt die selbstbewusste 24-Jährige.

Margaret Mullens lehrt im Deutsch-Seminar in erster Linie die geschriebene Sprache und die deutsche Kultur. Carrie St. Cyr übernimmt dann den Unterricht der Deutschen Gebärdensprache, die sie täglich benutzt . Sie ist mit einem gehörlosen Deutschen verheiratet. Seit Carries Aufenthalt in Deutschland hat sich dort einiges geändert: Schüler mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen sollen gemeinsam mit anderen Kindern unterrichtet werden, an einer Regelschule, damit sie von Anfang an Teil der Gesellschaft sind. Die Gallaudet Universität vertritt ein anderes Konzept: Das Studium ist komplett auf die gehörlosen und schwerhörigen Studierenden zugeschnitten. Sie sollen die bestmögliche Ausbildung erhalten, damit sie anschließend in allen Bereichen des öffentlichen Lebens Karriere machen können, sagt Sprecherin Mercy Coogan: "Wir verstehen uns als Sprungbrett für unsere Studenten. Sie können hier alles tun, was andere Studenten auch tun, und sie sind mitten in Washington DC. So absolvieren einige unserer Studenten ein Praktikum im Kongress oder im Weißen Haus". Von einem Leben abseits der Gesellschaft kann hier also keine Rede sein.

Elektronisches Wörterbuch sorgt für Fortschritt

Dr. Margaret Mullens (Foto: Katharina Lohmeyer)

Dr. Margaret Mullens unterrichtet seit 1986 Deutsch

Dozentin Margaret Mullens hat in den vergangenen Jahren mit ihren Studenten mehrere Exkursionen nach Hamburg unternommen. Sie kennt die Situation der Gehörlosen in Deutschland, und kann die Kritik nachvollziehen. Sie sieht aber auch Fortschritte: "Das Institut für Deutsche Gebärdensprache entwickelt jetzt ein elektronisches Wörterbuch für Deutsche Gebärdensprache", so Mullens. Das helfe, die Deutsche Gebärdensprache zu dokumentieren und Menschen auf der ganzen Welt Zugang zu den Zeichen zu verschaffen. "Es gibt also echte Entwicklungen in der Deutschen Gebärdensprache und im Bereich der Rechte von Gehörlosen in Deutschland. Und ich hoffe, davon in Zukunft noch viel mehr davon zu sehen", sagt die engagierte Dozentin.

Ungewisse Zukunft

Margaret Mullens geht Ende des Semesters in den Ruhestand. Sie verlässt die Gallaudet Universität mit einem lachenden und einem weinenden Auge – denn die Zukunft des Faches Deutsch an der Universität ist aus finanziellen Gründen ungewiss, sagt Sprecherin Mercy Coogan: "Die Universität muss sich entscheiden, welche Programme sie behalten will und welche nicht." Viele Menschen würden jedoch hoffen, dass es mit dem Deutschen Programm weitergeht.

Autorin: Katharina Lohmeyer

Redaktion: Sabine Oelze

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