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Asien

Deutsch-chinesische Fettnäpfchen

Warum gibt es in Deutschland die Zahl "vier" auf Nummernschildern? Wieso sprechen Deutsche so offen über die Schulden ihrer Städte? Luo Lingyuan erzählt in ihren Büchern, was die Chinesen an den Deutschen irritiert.

lachende Chinesen(Foto:AP)

Chinesen schmunzeln über "Langnasen" - Luo Lingyuan schreibt darüber

Eine chinesische Reisegruppe tourt durch die deutsche Hauptstadt. Die Gäste besichtigen das Brandenburger Tor, fotografieren die Reste der Berliner Mauer und schütteln den Kopf: über den deutschen Stadtführer, der so freimütig über die prekäre finanzielle Situation seiner Stadt spricht. Oder über den deutschen Architekten, der China als fernes Land am "Ende der Welt" bezeichnet - obwohl doch China in der Perspektive der chinesischen Gäste seit eh und je das "Reich der Mitte" ist. Den chinesischen Delegationsleiter beunruhigt außerdem noch die Tatsache, dass im Nummernschild des deutschen Reisebusses gleich zweimal die Zahl "vier" auftaucht. Ein unbegreiflicher Fauxpas, weiß doch in China jedes Kind, dass "vier" so ähnlich klingt wie "Tod" und daher als Autokennzeichen unbedingt zu vermeiden ist!

Chinesische Touristen vor dem Brandenburger Tor(Foto: Dagmar-Yu)

Deutsche wundern sich über chinesische "Foto-Rituale", Chinesen staunen über viele Eigenheiten der Langnasen...

Welten prallen aufeinander

So reiht sich im Roman "Die chinesische Delegation" von Luo Lingyuan ein kulturelles Missverständnis an das andere. Und Reiseleiterin Sanya, die selbst in Deutschland lebt, hat es wahrlich nicht leicht, hier zu vermitteln. Zumal sich der chinesische Delegationsleiter als befehlsgewohnter Funktionär alten Schlages entpuppt, während die anderen Reisenden jeweils ihre eigenen wirtschaftlichen und privaten Interessen verfolgen.

Fettnäpfchen aus der realen Welt

Ob Chinesen oder Deutsche: Die Romanfiguren der Luo Lingyuan sind zwar frei erfunden, doch keineswegs unrealistisch gezeichnet. Die Autorin kennt die Fallstricke deutsch-chinesischer Kommunikation aus eigener Erfahrung. Denn Luo Lingyuan hat selbst schon als Reiseleiterin und Übersetzerin gearbeitet. Ebenfalls aus eigener Erfahrung vertraut ist ihr das "Leben zwischen den Kulturen". 1963 in der südchinesischen Provinz Jiangxi geboren, studierte Luo Lingyuan zunächst Computerwissenschaften und Journalismus in Shanghai, bevor sie mit ihrem deutschen Ehemann nach Deutschland übersiedelte. Seit 1990 lebt sie in Berlin.

Warum schreibt keiner Geschichten über "die Menschen"?

Autorin Luo Lingyuan (Foto: dtv, Michael Leh)

Luo Lingyuan schreibt chinesisch-deutsche Geschichten - auf deutsch

Was hat sie zum Schreiben veranlasst? Als sie schon eine Weile in Deutschland lebte, erzählt Luo Lingyan, habe sie all das gelesen, was in Medien und Sachbüchern über China berichtet wurde. Vermisst habe sie in diesen Berichten die Schilderung "konkreter Menschen". Und so beschloss Luo Lingyuan, einem deutschen Publikum das Fühlen und Denken ihrer chinesischen Protagonisten erzählend zu vermitteln. Im Mittelpunkt ihrer Erzählungen stehen meist Frauenfiguren, Chinesinnen einer jüngeren Generation. Viele von ihnen leben in Deutschland. Es sind Geschäftsfrauen, Studentinnen oder Ehefrauen, die sich mit ihren Wünschen und Erwartungen in der fremden Umgebung zu behaupten suchen. Konflikte in deutsch-chinesischen Partnerschaften, berufliche Selbstfindung oder die Schwierigkeit, sich auf eine völlig andere Mentalität einzulassen - all dies schildert Luo Lingyuan in ihren Erzählbänden "Nachtschwimmen in Rhein" (2008) und "Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!" (2005) in häufig tragikomischer Weise. Das hat ihr den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreise eingebracht - und ein deutsches Publikum.

Schreiben zwischen den Sprachen

(Foto: DTV)

Lingyuan schreibt aus Erfahrung: Sie war selbst schon Reiseleiterin

Ihre frühen Erzählungen hat Luo Lingyuan noch in chinesischer Sprache verfasst. Doch ihre Romane "Die chinesische Delegation" (2007) und "Die Sterne von Shenzhen" (2008) hat sie bereits auf Deutsch geschrieben. Denn schließlich, so erklärt Luo Lingyuan, lebe sie ja in Deutschland und schreibe für Deutsche. Und zwar mit augenzwinkerndem Humor, dem freilich immer ein wenig Skepsis beigemischt ist. Diese humorvolle Skepsis dominiert auch ihren neuen Roman, der zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse unter dem Titel "Wie eine Chinesin schwanger wird" erscheinen wird. Luo Lingyuan lässt darin ein deutsch-chinesisches Paar zur Familie der jungen Frau nach China reisen. Was natürlich zu deutsch-chinesischen Verwicklungen führt…

Autor: Dagmar Lorenz

Redaktion: Miriam Klaussner