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Kultur

Deutsch-arabischer Mediendialog

"Medien und gesellschaftlicher Wandel" - darüber sprachen Journalisten bei einer Konferenz in Kairo. Rainer Sollich, Leiter der Arabischen Redaktion von DW-RADIO, schildert seine Eindrücke.

Teilnehmer der Konferenz (Foto: Rainer Sollich)

Offenheit hinter verschlossenen Türen

Die arabischen und deutschen Journalisten, die im Salon eines Nobelhotels miteinander am Konferenztisch sitzen, haben sich erfreulich viel zu sagen. Das deutsche Auswärtige Amt und das Institut für Auslandsbeziehungen haben nach Kairo geladen. Neben Ägyptern, Libanesen und Palästinensern sind auch Kollegen aus Katar und Saudi-Arabien angereist - ähnlich wie die deutschen Teilnehmer überwiegend erfahrene Journalisten und Experten, die einen kritischen Blick auf die Verhältnisse im eigenen Land wagen.

Ungeschminkte Tatsachen

Vielleicht liegt es auch an der internen Abmachung, keine namentlich identifizierbaren Zitate aus dem Konferenzraum nach draußen dringen zu lassen, dass der Dialog zwischen den Medienvertretern von Anfang an erfreulich offen verläuft und viele Tatsachen ungeschminkt auf den Tisch kommen. Die Mehrzahl der Journalisten ist sich einig, dass totalitäre und korrupte Regierungen in vielen arabischen Ländern ein großes Entwicklungshemmnis für unabhängigen Journalismus sind, dass mangelnde Mitspracherechte soziale Unzufriedenheit produzieren und damit auch politischen und religiösen Radikalismus beförderen. Und dass Journalismus im Kontext von Zivilgesellschaft gefördert werden muss - und nicht zu einem Überbringer von Verlautbarungen bestimmter Interessengruppen degradiert werden darf.

Ebenso herrscht breiter Konsens, dass sich viele arabische Kollegen trotz Revolutionierung der Medienlandschaft durch pan-arabische Satellitensender und mutige Internet-Journalisten immer noch allenfalls vorsichtig an gewisse Tabus heranzutasten wagen, und das mit gutem Grund: Staatliche und wirtschaftliche Eliten sowie ihre Verbündeten in großen Medienhäusern geben zumindest implizit oft vor, wie soziale Phänomene zu beschreiben und zu deuten sind. Uneinigkeit herrscht aber zum Teil darüber, ob und in welchem Maße das totalitäre Klima in vielen arabischen Ländern durch den amerikanischen Einfluss in der Region oder durch Israels Besatzungspolitik in den Palästinensergebieten mitbestimmt wird.

Mangelnde Pressefreiheit

Reporter ohne Grenzen Logo (Foto: ROG)

Arabische Journalisten haben es jedenfalls ungleich schwerer als ihre deutschen Kollegen. "Reporter ohne Grenzen" (ROG) veröffentlicht jedes Jahr eine weltweite Rangliste der Pressefreiheit - derzeit befinden sich unter den 30 am schlechtesten platzierten Ländern allein 10 Länder aus der arabischen Welt. Auch Ägypten gehört dazu, vor allem wegen Repressalien gegen Journalisten, die kritisch über Polizeiübergriffe, Folter und fehlende Unabhängigkeit der Justiz berichten. Kritik an Präsident Hosni Mubarak und seiner Familie ist mittlerweile zwar möglich. Dazu gehört jedoch immer noch deutlich mehr Mut, als der deutschen Kanzlerin von einem Berliner Korrespondentenbüro aus mangelhafte Amtsführung vorzuwerfen.

Zensur und Selbstzensur

Zensur und Selbstzensur sind weit verbreitet, wenn es um religiöse Fragen oder traditionelle Moralvorstellungen geht. Auch deshalb, weil jede Verletzung dieser Gefühle für Unruhe sorgen und damit die oppositionellen Muslimbrüder stärken könnte. Diese haben vor allem in den armen und konservativen Schichten eine starke Machtbasis. Und Armut ist weit verbreitet: Laut Statistiken lebt jeder fünfte Ägypter unterhalb der Armutsgrenze und rund 40 Prozent der Bevölkerung können nicht richtig lesen und schreiben.

Die herrschende Elite hält die Muslimbrüder bislang mit einer Mischung aus Repressionen und begrenzter Duldung in Schach. Dies berge ein ständiges latentes Konfliktpotential und zwänge den Medien direkt oder indirekt Tabus bei der Berichterstattung auf, meint ein ägyptischer Journalist am Rande der Veranstaltung. Und fügt hinzu: Wenn die Journalisten in Ägypten wirklich tabufrei über alle sozialen und politischen Herausforderungen berichten dürften, hätten sie zwar vielleicht die Chance, Brücken innerhalb der Gesellschaft zu bauen und einen konstruktiven Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel zu leisten. Sie könnten aber auch an ihrer Verantwortung scheitern und gesellschaftliche Konflikte damit gewollt oder ungewollt verschärfen.