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Bildung

Deutsch an 1000 Schulen: Indische Schüler in Berlin

Rund 60.000 indische Schüler lernen Deutsch als erste Fremdsprache. Die besten von ihnen hat das Goethe-Institut für eine Woche nach Berlin eingeladen. Auch ein Tag an einer Waldorfschule stand auf dem Programm.

Abhinar ist irritiert. Der 13-Jährige sitzt im Musikunterricht der Klasse 9bc der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg. Die Stunde hat begonnen. Jörg-Martin Wagner, der Musiklehrer, sitzt am Flügel und spielt eine Melodie an, die Schüler sollen einstimmen. Die Mädchen allerdings, die Abhinar gegenüber im Stuhlkreis sitzen, kichern und tuscheln. Sie bräuchten noch ein bisschen, rufen sie ihrem Lehrer zu. Und der - lässt sie daraufhin weitertuscheln! "Sowas ist in unserer Schule vollkommen unvorstellbar", sagt Abhinar. "Wenn bei uns Unterricht ist, dann ist es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören kann."

Einen Tag lang Waldorfschüler

Abhinar kommt aus Uttar Pradesh, einem Bundesstaat im Norden Indiens. Er geht in die 9. Klasse einer Schule der renommierten, staatlichen Kendriya-Vidyalaya-Schulkette. Die Kette unterhält Schulen in ganz Indien, vor allem für Kinder von Beamten und Regierungsangestellten. Insgesamt gibt es rund 1000 dieser Schulen, etwa 440 von ihnen bieten Deutsch als erste Fremdsprache an. Vor drei Jahren haben das Goethe-Institut und das Auswärtige Amt das Projekt "

Deutsch an 1000 Schulen

" ins Leben gerufen. Ziel ist, dass bis 2017 an allen 1000 Schulen der staatlichen Kendriya-Vidyalaya-Kette Deutsch als erste Fremdsprache eingeführt werden soll.

Die besten Deutschschüler Indiens sind an einer Berliner Waldorfschule zu Gast (Foto: DW/Lydia Heller)

Eurythmie statt Bihu-Tanz: Die besten Deutschschüler Indiens sind an einer Berliner Waldorfschule zu Gast

Abhinar hat vor drei Jahren angefangen

Deutsch zu lernen

, inzwischen gehört er zu den 26 besten Deutsch-Schülern der Kette. Zusammen mit ihnen ist er jetzt eine Woche lang in Berlin, mit einem Stipendium des Goethe-Instituts. Reichstag und Holocaust-Mahnmal haben die indischen Schüler bereits besucht, Museen und die Reste der Berliner Mauer angeschaut. Heute sind sie einen Tag lang Waldorfschüler.

Ähnlich wie die Schulen der Kendriya-Vidyalaya-Kette in Indien sind auch Waldorfschulen in Deutschland nicht repräsentativ für das allgemeine Schulsystem. Nur etwa 200 dieser Einrichtungen gibt es deutschlandweit, es sind Freie Schulen, in denen nach den speziellen Methoden der Waldorfpädagogik unterrichtet wird. Jeder Schüler soll seinen individuellen Fähigkeiten entsprechend lernen dürfen. Auf kreative Entfaltung, auf Kunst und Handwerk und auf ein soziales Miteinander wird großer Wert gelegt. Typisch für Waldorfschulen ist das Fach

Eurythmie

- es steht als nächstes auf dem Stundenplan.

Eurythmie erinnert an indischen Bihu-Tanz

Ishika (links) und Johanna im Eurythmie-Raum der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg (Foto: DW/Lydia Heller)

Ishika (links) und Johanna im Eurythmie-Raum der Schule: Auf der Tafel ist die Tanzchoreographie aufgemalt

Eurythmie, dahinter verbirgt sich eine tänzerische Ausdrucksform. "Das ist das älteste Klischee über Waldorfschüler", erklärt Erik und lacht, "dass wir unsere Namen tanzen müssen." Wenig später stehen alle zusammen in einem lichtdurchfluteten Raum im Kreis, in den Händen einen fingerdicken, armlangen Stab. Zu Klaviermusik beschreiben sie Halbkreise, drehen und dehnen sich und üben am Ende eine kurze Abfolge von Tanzschritten ein. Abhinar überlegt, ob er sich gerade in einer Sport- oder in einer Tanzstunde befindet, und Ishika und Neha erinnern die Bewegungen an den traditionellen Bihu-Tanz aus Assam.

In der Pause nach der Eurythmie-Stunde ist das Eis gebrochen: Die Jungs lachen über deutsche Wörter wie "Eichhörnchen" und "Streichholzschachtel" und wie sie klingen, wenn Abhinar sie ausspricht. Ishika und Neha spielen den Waldorf-Mädchen ihre Lieblings-Bollywood-Musik auf dem Smartphone vor, alle machen sich Komplimente zu ihren Outfits und fotografieren sich gegenseitig in Hip-Hop-Posen. "Zuhause tragen wir ja immer eine Schuluniform", erzählt Ruja, "graue Hose, lange karierte Bluse, graue Weste. Und für die Mädchen sind zwei Zöpfe Pflicht."

Deutschlands Fachkräfte von morgen

Deutsche und indische Schülerinnen auf dem Schulhof der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg (Foto: DW/Lydia Heller)

In der Pause tauschen die Mädchen Handynummern aus

Amal freut sich als nächstes auf den Mathematikunterricht: "In Indien sind Mathe und Naturwissenschaften meine Lieblingsfächer." Außerdem fragt er sich ohnehin schon eine Weile, wann denn endlich "der richtige Unterricht" losgehe. Er will Arzt werden und kann sich durchaus vorstellen, in Deutschland zu studieren. Anjali und Manvi nicken zustimmend, die Mädchen interessieren sich allerdings eher für Informatik und Ingenieurswissenschaften. "Für Maschinenbau ist Deutschland ja berühmt", sagt Anjali.

Nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes studieren derzeit rund 7500 junge Frauen und Männer aus Indien in Deutschland. Die Tendenz ist steigend, dennoch zieht es indische Studenten und Fachkräfte nach wie vor eher in englischsprachige Länder wie die USA, Großbritannien und Kanada - nicht zuletzt wegen der Sprache. Unter anderem deshalb haben das Goethe-Institut und das Auswärtige Amt das Projekt "Deutsch an 1000 Schulen" gestartet. "Langfristig wird dadurch ein

Studium in Deutschland für immer mehr indische Schulabsolventen eine Option

werden", hofft Alicia Padros vom Goethe-Institut Neu Delhi. "Auch wenn deutsche Universitäten indische Schulabschlüsse derzeit gar nicht als Studienberechtigung anerkennen."

Lehrer als Freunde? Lieber nicht ...

Indische Schüler im Unterricht an der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg (Foto: DW/Lydia Heller)

Abhinar (rechts) und seine Mitschüler benutzen Deutsch in der Schule als Geheimsprache

Abhinar lernt trotzdem begeistert Deutsch, erzählt er, einfach weil es Spaß mache. "Wir benutzen Deutsch in der Schule auch als Geheimsprache, denn außer unserer Deutschlehrerin versteht es ja niemand." Von der Mathestunde an der Waldorfschule allerdings ist er, genau wie Anjali, Manvi und Ishika, enttäuscht. Die Schüler sollten Brüche erweitern und kürzen. Aber: "Das war viel zu leicht", sagt Abhinar. "Das kannten wir schon." Ob die vier dabei gar nicht bemerkt hätten, wie aufmerksam die Lehrer auf jeden einzelnen Schüler eingegangen sind, fragt Amal? Was überhaupt für ein freundlicher Umgangston herrsche? Und ob das nicht ziemlich super sei? "Nein", antwortet Ishika sofort. "Die Schüler hier benehmen sich den Lehrern gegenüber, als ob sie Freunde wären. Ich finde das irgendwie respektlos."

Um kurz vor zwölf lernen die Gäste aus Indien dann ein ganz neues deutsches Wort: Hitzefrei. "Die Schule schließt?", wundert sich Neha. "Wegen 35 Grad?" Aber da strömen links und rechts von ihr bereits Schüler aller Klassen Richtung Ausgang. Die Mädchen umarmen sich, tauschen Handynummern, schießen Abschiedsfotos. "Meraa naam Johanna hee" - "Ich heiße Johanna", sagt Johanna auf Hindi, wie sie es in der Pause gelernt hat. "Wir treffen uns auf Facebook", sagt Ishika.

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