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Politik

Destination Kabul

Sarkastische Soldaten, ein gut gelaunter General und ein kaltes Kabul - das sind die erste Eindrücke von Sandra Petersmann auf ihrem Weg in die afghanische Hauptstadt.

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Abflug

23. November, Militärflughafen Köln-Wahn

Ich warte darauf, für den Airbus zum Luftwaffenstützpunkt Termes in Usbekistan einzuchecken. Von dort aus wird es dann mit dem Transportflugzeug Transall weitergehen. Endstation Kabul. Für mich ist es in diesem Jahr schon die zweite Reise in die afghanische Hauptstadt, und ich fliege absolut freiwillig und auf eigenen Wunsch. Ich bin sehr gespannt darauf zu sehen, ob und wie sich Kabul verändert hat.

Weihnachten im Ex-Taliban-Land

Die rund 150 deutschen Soldaten, die mit mir gemeinsam einchecken, sind weniger euphorisch. Fast alle hatten gerade zehn Tage Heimaturlaub - zum ersten Mal nach fast dreieinhalb Monaten Dienst bei der Internationalen Schutztruppe ISAF. Jetzt müssen sie zurück. Keiner von ihnen wird über Weihnachten oder Neujahr bei seiner Familie sein. Die sarkastischen Kommentare spiegeln die Gemütslage wider: "Los Jungs, noch ein letzter Blick auf den grünen Kölner Boden, jetzt geht es zurück in den Staub der Berge." - "Wir hätten doch noch zur Tankstelle fahren sollen, um uns ein paar Dosen Bier zu holen. Dann wär's nur noch halb so schlimm." "Ach was, auf das ganze Familiengetue hätte ich sowieso keinen Bock gehabt." "Meine Schwiegermutter hat mir zehn Tafeln Weihnachtsschokolade mitgegeben, damit ich was zu futtern hab."

First Class für Generäle

Wenig später im Wartezelt vor dem Airbus der Bundesluftwaffe. Ein paar Soldaten nehmen plötzlich Haltung an. Der Kommandeur des deutschen ISAF-Kontingents, Brigadegeneral Manfred Schlenker, schlendert in die Halle und mischt sich unter seine Soldaten. Keine Haltung, er sucht das Gespräch mit der Truppe. Und weil ich dieses Mal als Frau allein auf weiter Flur bin, kommt Manfred Schlenker auch zu mir herübergeschlendert. "Na, sind Sie denn heute schon so richtig begrüßt worden?" Der General lacht und erzählt, dass er zu Hause bei seiner Familie war, weil seine Tochter Geburtstag hatte. Es war auch sein erster Heimaturlaub, seit er Mitte Juni das Kommando übernommen hat. Aber jetzt muss er schnell zurück in sein Stabsbüro nach Kabul, weil ja schon am Dienstag der Außenminister und auch Vertreter des Außen- und des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestags zu Besuch kommen werden. Die Mandatsverlängerung für den wohl gefährlichsten deutschen Auslandseinsatz steht unmittelbar bevor. Dann werden wir abrupt unterbrochen, und der General darf zuerst ins Flugzeug einsteigen.

Sandra Petersmann und Hauptgefreiter Daniel Koopmann

Sandra Petersmann im April 2002

Die meisten seiner Soldaten wissen übrigens noch gar nicht, dass Joschka Fischer am Dienstag wirklich in ihr "Feldlager Camp Warehouse" kommt. Es ist ruhig geworden in der Abflughalle, und die Scherze über sentimentale Weihnachtsfeste bei den Lieben zu Hause haben aufgehört.

Kalt und dunkel

Zwölf Stunden später: Die Transall setzt mit einem butterweichen Rumms auf dem Kabul International Airport auf. Als die Ladeklappe aufgeht, entfährt es dem jungen Hauptgefreiten, der neben mir sitzt: "Au Mann, das sieht ja genauso aus wie beim letzten Mal. Und auch die Berge sind noch da." Stimmt. Und auch die Sonne ist noch da wie beim letzten Mal, als ich da war. Das war gegen Ende April, und es war über 25 Grad warm. Aber jetzt wärmt sie längst nicht mehr so wie noch vor ein paar Monaten. Schon gegen 17 Uhr Ortszeit versinkt sie hinter dem Hindukusch, und es ist pechschwarz in Kabul. Nur die wenigsten Viertel der 1,5 Millionen Einwohner Stadt haben Strom. Die klirrende Kälte kommt genauso schnell, wie der feuerrote Sonnenball verschwunden ist. Es wird eine Nacht unter dem Gefrierpunkt.