Desmond Tutu - Der Quälgeist der Gerechtigkeit | Welt | DW | 21.05.2013
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Welt

Desmond Tutu - Der Quälgeist der Gerechtigkeit

Desmond Tutu ist am Dienstag in London mit dem renommierten Templeton-Preis geehrt worden. Der 81-jährige Südafrikaner erhält den Preis für seine "lebenslange Arbeit für Liebe und Vergebung".

Erzbischof Desmond Tutu spricht mit umgehängtem Schal des Evangelischen Kirchentags in Köln (08.06.2007). (Foto: dpa)

Erzbischof Desmond Tutu

Mit seinem Einsatz habe Tutu den Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt geholfen, so die Begründung der Stifter. Desmond Tutu zeigte sich überwältigt und kommentierte die Entscheidung des Komitees bei der Bekanntgabe Anfang April so: "Wenn du in einer Menschenmenge bist und aus ihr herausragst, ist das normalerweise deshalb, weil du von anderen auf den Schultern getragen wirst."

Bewaffnete Polizei überwacht den Demonstrationszug in Soweto, wo Bewohner am 24.3.1990 gegen den Rat der Stadt demonstrieren. (Foto: dpa)

Demonstration in Soweto gegen die Apartheid im Jahr 1990

Erzbischof, Versöhner und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit - Desmond Tutu hat in seinem Leben schon viele Rollen ausgefüllt. Weltbekannt wurde er Anfang der achtziger Jahre durch sein glühendes Engagement gegen das Apartheids-Regime in Südafrika. Tutu sprach das Unrecht offen an, ohne Hass zu schüren. Wie im Februar 1990. Das Land ist in dieser Zeit ein Pulverfass. Nach jahrzehntelanger Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung lässt Präsident de Klerk etliche politische Gefangene wie Nelson Mandela frei und erlaubt ihre Parteien und Organisationen.

Doch die Verhandlungen über demokratische Reformen stocken. Als der Politiker und Freiheitskämpfer Chris Hani von einem Rechtsradikalen ermordet wird, steht das Land vor einem Bürgerkrieg. "Wir werden frei sein! Wir alle - schwarz und weiß zusammen!", ruft Tutu auf der Beerdigung Hanis vor mehr als 100.000 Menschen. Die Menge wiederholt lautstark seine Worte. Es waren schwierige Momente wie dieser, in denen Desmond Tutu seine Stärke zeigt und seinen Idealen folgt: für eine Regenbogennation, für Frieden und Versöhnung - gegen Gewalt. Ziele, für die er sein ganzes Leben kämpft.

Vom Lehrer zum ersten schwarzen Erzbischof Südafrikas

Ein ausschließlich für Weiße reservierter Strand in Kapstadt, aufgenommen am 19. August 1989. (Foto: dpa)

"Baden nur für Weiße" - Apartheid 1989 in Südafrika

1931 kommt Desmond Tutu in der Bergbaustadt Klerksdorp zur Welt und wird später Lehrer. Als die Regierung beschließt, schwarze Schüler schlechter auszubilden als weiße, kündigt er. Tutu schlägt eine theologische Laufbahn ein, wird der erste schwarze anglikanische Bischof von Johannesburg und später Erzbischof von Kapstadt. Politisch kämpft er dabei stets für die Aufhebung der Rassentrennung, sympathisiert offen mit den Zielen von Nelson Mandelas Partei, dem Afrikanischen Nationalkongress ANC, ein nichtrassistisches, demokratisches Südafrika aufzubauen.

Ein Meilenstein im Kampf gegen das Regime ist der April 1994, als Tutu bei den ersten freien und demokratischen Wahlen Südafrikas seine Stimme abgibt. "Das ist ein unglaublicher Tag für alle Menschen hier", ruft er vor dem Wahllokal Pressevertretern und seinen Landsleuten zu. "Und ich meine für alle - schwarz und weiß. Ab sofort brauchen wir nicht mehr von einem illegalen Regime sprechen. Es wird unsere, von uns gewählte Regierung sein."

Versöhnung statt Rache

Tutu überreicht Mandela den Bericht der Wahrheitskommission. (Foto: dpa)

Tutu überreicht Mandela 1998 den Bericht der Wahrheitskommission

Auch nach dem Sieg über die Apartheid zieht sich Tutu nicht ins Privatleben zurück. Präsident Nelson Mandela bittet ihn, die Wahrheits- und Versöhnungskommission zu leiten, die die Aufgabe hat, die Verbrechen der Apartheidszeit aufzuarbeiten. Tutu und die Kommission wollen einen Mittelweg zwischen Siegerjustiz und Amnestie finden und plädieren für Versöhnung und Vergebung. In den darauf folgenden drei Jahren schildern Tausende Opfer ihr Leid, Täter bitten um Vergebung. "Wunden öffnen und sie reinigen, damit sie nicht eitern", so nennt es der Erzbischof.

Auch danach äußert sich Tutu weiter lautstark gegen Ungerechtigkeit in der Welt - ohne Rücksicht auf die Machthaber. Tony Blair und George W. Bush wirft er vor, den Krieg mit einer Lüge begründet zu haben und will sie vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag sehen. Immer wieder weist Tutu auf die Parallelen zwischen der Apartheid in Südafrika und der Diskriminierung der Palästinensern durch die Israelis hin und verurteilt die Besatzung: "Israel kann niemals Frieden und Sicherheit erreichen, indem es ein anderes Volk unterdrückt. Wirklicher Frieden kann nur auf Gerechtigkeit aufgebaut werden."

Laute Stimme gegen Ungerechtigkeit

Tutu ist noch immer ein kritischer Beobachter der Regierungspartei Südafrikas, wettert gegen die Kontakte zum autoritären Regime in Simbabwe, die zögerliche AIDS-Bekämpfung und die überbezahlten politischen Eliten. Es sei keine Selbstverständlichkeit mehr, ANC zu wählen. "Die Leute stellen Fragen und das ist gut so. Genau darum geht es ja in einer Demokratie", so Tutu, der sich selbst als Quälgeist der Gerechtigkeit bezeichnet.

Desmond Tutu tanzt mit Sängern und Musikern in der St. George Cathedral in Kapstadt (Foto: Templeton-Stiftung/Ilan Godfrey)

Nachdem Desmond Tutu Anfang April erfahren hat, dass er den Templeton-Preis erhalten wird, zeigte er seine Freude bei einer offiziellen Feier in Kapstadt

Für seinen gewaltlosen Kampf gegen die Apartheid erhält Tutu 1984 den Friedensnobelpreis. Zu seinen zahllosen Auszeichnungen zählen unter anderem der Martin-Luther-King-Preis, der Gandhi-Friedenspreis, sowie mehrere Dutzend Ehrendoktorwürden auf der ganzen Welt. Der nun verliehene Templeton-Preis wurde 1972 von John Templeton gestiftet, der als Erfinder des Investmentfonds zum Milliardär geworden war. Der Preis wird einmal im Jahr an eine Persönlichkeit verliehen, die in besonderer Weise "den Stellenwert der Spiritualität im Leben gestärkt hat". Die Templeton-Stiftung versteht sich als überkonfessionell. Unter den bisherigen Preisträgern waren der Dalai Lama, Mutter Theresa und Frère Roger. Mit 1,3 Millionen Euro ist der Preis einer der höchstdotierten, den eine Einzelperson bekommen kann.

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