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Deutschland

Designer-Outlet spaltet Duisburg

Parallel zur Bundestagswahl stimmen die Duisburger an diesem Sonntag über den Bau eines Designer-Outlet-Centers ab. Die Positionen liegen weit auseinander. Jan D. Walter hat beide Seiten gehört.

Sie sieht aus wie ein Stück Prärie, mitten im Ruhrgebiet: die "Duisburger Freiheit". Die Brache eines ehemaligen Güterbahnhofs erlangte tragische Berühmtheit als Schauplatz der Loveparade 2010, auf der bei einer Massenpanik 21 Menschen starben, 541 weitere schwer verletzt und viele traumatisiert wurden.

Inzwischen geht es hier aber um eine ganz andere Frage: Was soll geschehen mit dem 30 Hektar großen Areal in unmittelbarer Innenstadtnähe? Die Pflanzen in der Ruine des Bahnhofsgebäudes lassen erahnen, wie lange hier nichts mehr geschehen ist: Mehr als 20 Jahre sind es. Nun endlich will der Eigentümer, der Berliner Investor Kurt Krieger, ein Designer-Outlet-Center (DOC) darauf setzen.

Doch die Stadt ist gespalten ob des Großprojekts. Anfang des Jahres hat der Rat der Stadt einen Grundsatzbeschluss zur Realisierung des DOC verabschiedet. Doch eine Bürgerinitiative stellt sich dagegen. An diesem 24. September, parallel zur Bundestagswahl, sollen die Duisburger abstimmen, ob der Beschluss Bestand haben oder aufgehoben werden soll. Am Vortag haben beide Lager in der Fußgängerzone für ihre Sache geworben.

Hauptsache kein Stillstand mehr

"Ja, ich bin dafür", sagt ein Passant am Stand des Investors und steckt sich hektisch einen Flyer ein, bevor er im Weitergehen noch ruft: "Da muss ja endlich mal was passieren! Besser ein Outlet als nichts."

Deutschland Duisburg Reportage Designer Outlet Center Duisburg (DW/J.D. Walter)

Meterhohe Bäume in der Bahnhofsruine lassen erahnen, seit wann das Areal ungenutzt ist

Edda Metz hört das gern. Sie ist Geschäftsführerin der Krieger Grundstück GmbH und steht an diesem Tag in der Duisburger Fußgängerzone, um für das Projekt zu werben: "Mit dem DOC holen wir Kaufkraft nach Duisburg, die sonst überhaupt nicht hier herkommen würde", sagt sie. Damit will sie der Befürchtung entgegen wirken, das DOC könnte Kunden aus der Innenstadt abziehen und dem dortigen Einzelhandel den Todesstoß versetzen. Schon jetzt kämpfen die dort ansässigen Geschäfte mit sinkenden Umsätzen - wegen der Konkurrenz aus dem Internet und wegen der hohen Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet.

Die Konkurrenz und das Geschäft

Einer dieser Einzelhändler ist Dirk Uhlig. Gemeinsam mit anderen Unternehmern und dem Duisburger Stadtratsmitglied Gerhard Schwemm von den Grünen hat der Augenoptiker das Bürgerbegehren gegen das DOC eingereicht. Uhlig und seine Mitstreiter fürchten massive Umsatzeinbußen in der Duisburger Innenstadt. Das "Centro" im benachbarten Oberhausen gilt ihnen als mahnendes Beispiel. Der Bau des riesigen Einkaufszentrums auf einer Industriebrache vor gut 20 Jahren gilt als Grund dafür, dass seither zahlreiche Geschäfte in der Oberhausener Innenstadt schließen mussten.

Für die Befürworter des DOC ist dies ein schlechter Vergleich: "In einem Einkaufszentrum mieten sich dieselben Einzelhändler ein wie in einer Innenstadt", erklärt Krieger-Geschäftsführerin Metz. "Das ist natürlich eine Konkurrenz." Anders verhalte es sich dagegen mit einem DOC, wo Luxus-Marken angeboten würden, die es in der Duisburger Innenstadt gar nicht zu kaufen gebe. "Bisher fahren die Duisburger für solche Artikel nach Düsseldorf oder Roermond."

Deutschland Duisburg Reportage Designer Outlet Center Duisburg | Einkaufszentrum Forum Duisburg (DW/J.D. Walter)

Die Duisburger Innenstadt: Würde ein Outlet-Center in der Nähe Kunden abziehen - oder bringen?

Duisburg grenzt im Süden an die mondäne Landeshauptstadt Düsseldorf, und das DOC Center in der niederländischen Grenzstadt Roermond liegt kaum eine Autostunde entfernt. Genau dort, so Metz, zeige sich, dass viele Besucher nach dem Shopping im DOC noch Geld in der Innenstadt ließen: "Und die ist weiter entfernt als das hier in Duisburg der Fall wäre."

Alledem wollen die Vertreter der Bürgerinitiative keinen rechten Glauben schenken. Und damit sind sie nicht allein. Vor allem ältere Duisburger stehen dem DOC skeptisch gegenüber. Aber auch Experten sehen das Vorhaben kritisch: Gerrit Heinemann, BWL-Professor mit Schwerpunkt Handel, erklärt in der Tageszeitung "Rheinische Post" mit Blick auf Roermond und andere Outlet-Center in der Nähe, dass Nordrhein-Westfalen kein weiteres DOC vertrage. Und der Sozialgeograph Heinrich Blotevogel hält "ein monofunktionales Projekt wie das DOC" schlicht für "Stadtplanung von vorgestern".

Zweifel am demokratischen Prozess

Statt eines DOCs würde sich Uhlig eine multifunktionale Bebauung wünschen. Als Vorbild nennt er die "Grüne Mitte" im nahe gelegenen Essen. Die ehemalige Industriebrache zählt heute zu den beliebtesten Lagen der Stadt. 2010 wurde dort, wo der Uni-Campus an die Innenstadt grenzt, ein Mix aus Wohn- und Geschäftsgebäuden inklusive Grün- und Wasserflächen eingeweiht.

Deutschland Dirk Uhlig in Duisburg (DW/J. D. Walter)

Drei Aktenordner voll Korrespondenz und Bürokratie hat DOC-Gegner Uhlig gesammelt

Uhlig betont, dass es auch ihm nicht um „Stillstand" gehe. Es gebe eben einfach bessere Vorschläge. Dazu gehöre auch der Masterplan, den das Büro des britischen Star-Architekten Sir Norman Foster für Duisburg erstellt hat.

In der Stadtverwaltung indes heißt es, mit dem Ratsbeschluss sei noch gar nichts entschieden. Die DOC-Pläne seien eher als Vorschlag zu verstehen, sagt Stadtentwicklungsdezernent Carsten Tum. So gebe es auch noch zwei vorgeschriebene Bürgerbeteiligungen. Die DOC-Gegner hingegen werfen der Stadt Intransparenz vor.

Ja oder Nein - wofür?

Uhligs erster Antrag auf einen Bürgerentscheid war daran gescheitert, dass die Frage, die man den Bürgern zur Abstimmung geben wollte, nicht korrekt formuliert war. Eine Woche später reichte er einen juristisch geprüften Antrag ein. Das Ergebnis: Die Frage ist nun so formuliert, dass mit Ja stimmen muss, wer gegen das DOC ist, und mit Nein, wer dafür ist.

Deutschland Duisburg Reportage Designer Outlet Center Duisburg | Stimmzettel des Duisburger Volksentscheid (DW/J.D. Walter)

Verwirrende Frage: Wer gegen das DOC ist, muss Ja ankreuzen, wer dafür ist, Nein

Zwei aufgeregte junge Männer treten an den Stand der Projektentwickler: "Hey, ich will das Outlet. Was muss ich jetzt ankreuzen - Ja oder Nein?" Ein paar Meter weiter im Einkaufszentrum habe man ihnen gesagt, sie müssten Ja ankreuzen.

Die beiden haben es noch rechtzeitig bemerkt. Aber wie viele Duisburger machen am Sonntag wohl das Kreuz an der - für sie selbst - falschen Stelle? Möglicherweise gleicht es sich aus. Aber wie zufrieden kann man mit einer Abstimmung sein, bei der man nicht weiß, was die Wähler eigentlich wollten?

 

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