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Europa

Der zweite Tod des Sewan

Der Sewan-See in Armenien ist der größte Hochgebirgssee der Welt. Seit den 1930er-Jahren wird ihm Wasser entnommen für Energie- und Landwirtschafts-Projekte – nun muss der See gerettet werden.

Im Hochwasser stehende Bäume im Südkaukasus (Foto: DW)

Folge der Verschmutzung am Sewan: Übersumpfung

Es bläst ein kalter Wind hier in den über 2000 Meter hohen Bergen des Südkaukasus. Unweit der aserbaidschanischen Grenze erstreckt sich auf 1800 Metern die glitzernde und gleißende Fläche des höchstgelegenen und größten Gebirgssees der Welt: 78 Kilometer lang und 56 Kilometer breit. Bei schlechter Witterung ist zeitweise das gegenüberliegende Ufer kaum zu sehen. Bei Sonne aber liefert das Sewan-Kloster Touristen eines der beliebtesten Fotomotive.

Der Himmel auf Erden

Einst befand sich das Kloster auf einer Insel. Doch durch exzessive Wasserentnahme für gigantische Energieprojekte wie die sogenannte Sewan-Kaskade und für die Landwirtschaft wurde dem See seit den 1930er-Jahren so viel Wasser entnommen, dass der Wasserspiegel um mehr als 22 Meter sank.

Deshalb steht das berühmte Kloster aus dem neunten Jahrhundert heute auf einer Halbinsel, erklärt Professor Dr. Rafael Howhannisyan. "Als Kind liebte ich die Farbe des Sees. Die Osmanen nannten ihn wegen dieser Farbe auch Gökcay, was himmelblaues Wasser heißt. Doch in den 1960er-Jahren begann der Sewan plötzlich seine Farbe zu ändern. Konnte man früher fast 20 Meter in die Tiefe sehen, sind es heute nur etwa fünf Meter. Und dabei hat sich die Situation schon gebessert, vor vier Jahren war es gerade einmal ein Meter."

Der Retter des Sewan

Eine Halde mit giftigen Schwermetallen in der Nähe des Sewan-Sees (Foto: DW)

Eine Halde mit giftigen Schwermetallen in der Nähe des Sewan-Sees

Der siebzigjährige Hydroökologe Howhannisyan gilt heute als weltweit bester Kenner und Seele des Sewan. Er war der erste, der bereits damals begann, Pläne zur Rettung des Sees zu schmieden. "Wir konnten damals durchsetzen, dass wenigstens einige der Wasserkraftwerke abgeschaltet wurden. Als nächstes überlegten wir, Wasser von einem höher gelegenen Fluss über einen 48 Kilometer langen Tunnel in den See zu führen. Damit wurde dann 1964 begonnen."

Bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits hunderte Fischarten ausgestorben. Und von den 167 Vogelarten, die einst in der Region brüteten, blieben gerade einmal 18 übrig. Jetzt, fast 45 Jahre nach Beginn der Rettungsmaßnahmen, beginnt Rafael Howhannisyan den Erfolg seiner Arbeit zu sehen: "Im Moment steigt der Wasserspiegel des Sees ständig, in den letzten Jahren bereits um fünf Meter." Pro Jahr sind das acht Zentimeter.

Minenbesitzer pfeifen auf den Umweltschutz

Doch kaum scheint der See gerettet, droht ihm nun eine neue Katastrophe. Sie ist sichtbar und hörbar: ein Zementwerk. Mitten im Nationalpark bläst es Staub über den See, kreischend und quietschend kriechen altersschwache Züge wie gefährliche Würmer am Ufer des Sees entlang. Ihr Inhalt ist im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Ginge es nach den Minenbesitzern der russischen "Geo-Promining Company", stünde schon langst eine Goldwäscherei in der kleinen Stadt Sotk in direkter Nähe des Seeufers. Nur Umweltschützern wie Inga Zarafian von der Organisation "Ecolur" ist es zu verdanken, dass sie ihre Pläne bis heute nicht umsetzen konnten.

Ein Goldzug am Sewan-See im Südkaukasus (Foto: DW)

Am Ufer des Sees fahren ständig "Gold"-Züge entlang

"Das größte Problem ist, dass die russischen Minenbesitzer einfach ganze Felsmassive sprengen, um an die Goldadern zu kommen. Abtransportiert wird nur das goldhaltige Gestein", so Zarafian. Gemeinsam mit anderen Umweltschutzorganisationen organisierte Inga Zarafian die bisher größten Proteste gegen die geplante Einrichtung der mit hochgiftigen Chemikalien arbeitenden Goldverarbeitungsfabrik. Die Proteste waren so stark, dass das sonst durch und durch korrupte Parlament die Errichtung der Fabrik stoppen musste. Doch die Gefahr war damit noch nicht gebannt. Sie lauert vor allem in den Geröllmassen, die nach den Sprengungen nicht abtransportiert werden. "In ihnen befinden sich Molybdän, Kupfer und andere giftige Schwermetalle, die seit Jahren durch Erosion und Regen ausgewaschen werden und über Bäche in den Sewan gelangen", erklärt Inga Zarafian.

Hochgradig giftig und gefährlich

Umweltschützerin Inga Zarafian (links) am Sewan-See (Foto: DW)

Umweltschützerin Inga Zarafian am Sewan-See

Doch bei den Ökologen klingen auch noch aus einem anderen Grund die Alarmglocken. Der Sewan reguliert zugleich den Grundwasserhaushalt in großen Teilen des Südkaukasus bis hinüber nach Aserbaidschan und in die Türkei. "Was, wenn die Gifte ins Grundwasser gelangen?", fragt Dr. Karine Danelian. Die Biologin und einstige Umweltministerin sieht noch weitere Gefahren. "Ich habe dem Parlament vorgeschlagen, der Bevölkerung zu gestatten, die Wälder in den Überflutungszonen abzuholzen, um Feuerholz für den Winter zu haben. Schließlich ist die soziale Lage vieler Menschen rund um den Sewan katastrophal. Aber dieser Vorschlag wurde abgelehnt. Deshalb versinken jetzt ganze Wälder im Wasser, ganze Uferzonen versumpfen."

Die bei einer Versumpfung entstehenden Gase, die Überflutung von alten Häusern, wilden Müllkippen und eingespülte Schwermetalle - all das zusammen ergibt einen Chemiecocktail, dessen Folgen für den See heute noch gar nicht abzuschätzen sind. Dass das zuständige Umweltschutzministerium hier nicht tätig wird, ist für Aktivistin Inga Zarafian ganz klar ein Fall von Korruption: "Normalerweise werden die Aufträge zur Beräumung der Uferzonen öffentlich ausgeschrieben. Merkwürdig ist, dass diese Ausschreibungen fast immer das gleiche Unternehmen gewinnt, und das erhält für die Beräumung der Uferzonen vom Umweltministerium sehr viel Geld. Doch wie man sieht, tut die Firma am See so gut wie nichts."

Autor: Mirko Schwanitz
Redaktion: Nicole Scherschun

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