1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Der Zivildienst stirbt

Wenn die Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt wird, dann stirbt auch der Zivildienst. Die Auswirkungen sind strittig: Drohen fatale Folgen für Sozialverbände oder überwiegt der volkswirtschaftliche Nutzen?

Ein Zivildienstleistender füttert eine pflegebeduerftige Patientin (Foto: AP Photo/Uwe Lein)

Ein Zivildienstleistender füttert eine pflegebedürftige Patientin

Zehn Uhr an einem trüben Donnerstagmorgen: Gerald Wolking lenkt den Einsatzwagen des Deutschen Roten Kreuzes in Bonn geschickt durch die enge Hofausfahrt, setzt den Blinker und biegt rechts ab. "Wir holen jetzt den Herrn Eichholz ab. Er sitzt im Rollstuhl und ich fahre ihn mit dem Transporter zur Arbeit." Der 20-Jährige ist einer der 90.000 Zivildienstleistenden (abgekürzt "Zivis") in Deutschland. Der Dienst für den Menschen hat Tradition. Er wurde Anfang der 1960-er Jahre für Wehrpflichtige eingeführt, die aus Gewissensgründen keinen Dienst an der Waffe leisten wollten.

Das DRK bietet einen Behindertenfahrdienst an (Foto: Anja Schaub)

Das DRK bietet einen Behindertenfahrdienst an

Protest der Sozialverbände

Da der Zivildienst ein Ersatz für den Wehrdienst ist, fällt er den Reformplänen von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zum Opfer. Die Sozialverbände protestieren: "Die Zivis fehlen uns natürlich, vor allem bei Aufgaben, wie Einkaufen, Spazieren gehen und einfache Pflege", erklärt Schwester Barbara, stellvertretende Leiterin in der ambulanten Pflege beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Bonn. Wenn es keine Zivis mehr gebe, würden solche Dienste wegfallen oder durch teure Fachkräfte übernommen.

Herr Eichholz, den Gerald Wolking am Donnerstagmorgen zur Arbeit fährt, hat das schon zu spüren bekommen: "Früher hatte ich auch in der ambulanten Pflege einen Zivi. Durch die Verkürzung des Dienstes auf sechs Monate lohnt sich das nun nicht mehr und eine ausgebildete Pflegerin hilft mir."

Und dadurch kommen sehr hohe Kosten auf die Sozialverbände zu, wie Professor Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, erläutert: "Die sozialen Dienste, die die Sozialverbände leisten, werden dadurch teurer. Diejenigen, die diese Dienste in Anspruch nehmen, müssen mehr dafür bezahlen." Ein Beispiel belegt das: Der Paritätische Verein zahlt den Zivildienstleistenden einen Stundenlohn zwischen 15 und 18 Euro. Wenn Schwester Barbara die Aufgaben des Zivis übernimmt, wären 35 Euro fällig. Ihre Befürchtung: "Wer bezahlt schon für Haus- und Gartenarbeit einen so hohen Stundenlohn".

Arbeitsplätze werden frei

Dennoch betont Volkswirtschaftler Zimmermann den Nutzen, den der Wegfall des Zivildienstes mit sich bringt. "Jahrelang wurden der Volkswirtschaft Arbeitskräfte entzogen, die zur Zeit dringend gebraucht werden." Außerdem konkurrierten die Zivis in den letzten Jahren immer mehr mit regulären Hilfskräften. Das würde sich nach der Reform ändern, wenn die Sozialverbände anstelle der Zivildienstleistenden examinierte Hilfskräfte einstellen. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat aber ganz andere Pläne: Sie setzt sich für einen freiwilligen Zivildienst ein, den Männer und Frauen leisten sollten.

Der neue Zivildienst

Zivi Gerald Wolking betreut einen Fahrgast (Foto: Anja Schaub)

Gerald Wolking, Zivi beim Deutschen Roten Kreuz in Bonn

Als Maßnahme des Bundes könnte der neue Dienst das Freiwillige Soziale und das Ökologische Jahr ergänzen. Diese Angebote werden von den Ländern gefördert. Für den neuen Zivildienst sind mindestens sechs Monate und höchstens zwei Jahre vorgesehen. Der Regelfall soll ein Jahr sein. Etwa 500 Euro könnte ein Zivi im Monat damit verdienen. Die Familienministerin rechnet mit 35.000 Freiwilligen. Viele Sozialverbände kritisieren aber auch diese Reformpläne. Es würden unnötige Parallelstrukturen zu den beiden bestehenden Jugendfreiwilligendiensten geschaffen.

Eher sei daher ein Ausbau dieser Dienste zu befürworten. Denn Caritas, Diakonie, DRK und Co. haben schon nach der Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate verstärkt auf Freiwillige zurückgegriffen, die für ein Jahr in den Einrichtungen mithelfen.

Herr Eichholz findet das eine gute Idee. Er fährt schon seit über sieben Jahren mit dem Behindertenfahrdienst des DRK zur Arbeit. "Ich war immer zufrieden. Die Zivis sind meistens sehr angenehm, da kann man auf dem Weg zur Arbeit auch immer ein wenig plaudern."

Autorin: Anja Schaub

Redaktion: Hartmut Lüning