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Deutschland evangelisch-katholisch

Der zerbrochene Mond und die Vision der Nonne. Fronleichnam und seine Geschichte

Die Visionen der Juliana von Lüttich gelten als Ursprung von Fronleichnam. Christian Feldmann berichtet in einem Beitrag der katholischen Kirche über den Wandel dieses oft missverstandenen Festes.

„Prophetin des Fronleichnamsfestes" hat man sie genannt, die Nonne Juliana von Lüttich, deren visionärer Kraft die Weltkirche dieses Fest mit dem demonstrativen, öffentlichen Charakter maßgeblich verdankt. „Erfunden“ hat sie das Fronleichnamsfest sicher nicht, dessen Botschaft und theologischer Gehalt damals sozusagen in der Luft lagen. Aber wie das in der Menschheitsgeschichte immer wieder so geht: Es muss erst irgendjemand kommen, der das, was allen längst bewusst und wichtig ist, in ein überzeugendes Bild fasst und für eine in vielen Herzen lebendige Idee das erlösende, zündende Wort findet.

Um 1192/93 bei Lüttich geboren, wurde Juliana dort im Kloster Mont-Cornillon (Kornelienberg) der Augustiner-Chorfrauen erzogen. 1222 wählte man sie zur Priorin. Weil sie aber so streng an der Regel festhielt und bei der Wahrung der Disziplin offenbar hart durchgriff, vertrieben sie ihre Mitschwestern zweimal aus dem Kloster. Juliana starb in der Verbannung, in Fosses bei Namur, am 5. April 1258.
Über diese dürren Lebensdaten hinaus weiß man nichts von Juliana, nur das:

Schon als junges Mädchen hatte sie die Vision von einem wunderbar strahlenden Mond, dessen Scheibe von einer breiten, finsteren Linie durchschnitten war. Erst nach 20 Jahren vertraute sie diese Geschichte ihrer Freundin, der frommen Klausnerin Eva, an – samt der Deutung, die ihr damals vom Himmel zuteil geworden sei: Der scheinbar zerbrochene schöne Mond symbolisiere das Kirchenjahr, dem zum vollen Glanz noch ein Fest zu Ehren der heiligen Eucharistie fehle.

20 Jahre Schweigen über eine Botschaft, die Juliana als eine persönliche Sache zwischen sich und Gott betrachtete – und doch auch wieder als Mission, als Lebensaufgabe. Denn nach ihrer Freundin Eva erfuhren bald auch etliche rührige Seelsorger von den seltsamen Gesichten. Ihren theologisch gut abgesicherten Argumenten gelang es offensichtlich, den zunächst abwehrenden Lütticher Bischof zu überzeugen. 1246 ordnete er für seine Diözese ein alljährlich zu begehendes Fest zu Ehren der Eucharistie an. Zwei Jahrzehnte später machte Papst Urban IV. den Feiertag für die ganze Kirche verpflichtend. Er war der erste, der den Begriff festum sacratissimi corporis Domini nostri Jesu Christi verwendete, woraus im Deutschen Fronleichnam, Leib des Herrn, wurde.

Fronleichnam 2003

Julianas Vision und damit das Fronleichnamsfest lagen im „Trend“ der zeitgenössischen Theologie und Frömmigkeit: Man wollte das in Christi Leib verwandelte Brot sehen. Im Gottesdienst wurde die Erhebung der Hostie während der Wandlung eingeführt. Erst später kam die Prozession mit dem Allerheiligsten dazu, die es heute noch vielerorts gibt, im festlich geschmückten Kirchenraum oder durch die Städte und durch die freie Natur. Die Hostie wird dabei in einem kostbaren, vergoldeten Gefäß mitgetragen, das man Monstranz nennt: von monstrare, „zeigen“.

Aus Spanien brachten die Jesuiten die Prozession nach Deutschland. Was anfangs ein eher schlichtes Herumtragen der Hostie zur Feier ihrer Verwandlung in den Leib Christi war, wurde nun bald zur machtvollen, mitunter auch aggressiven Demonstration römischen Glaubens gegen die Lutheraner. Bei diesen theatralisch aufgemachten Prozessionen zogen buntgeschmückte Pferdegespanne Festwagen, auf denen die Zünfte biblische Szenen in lebenden Bildern darstellten. In der Zeit des Nationalsozialismus freilich gewann die Prozession eine ganz neue Bedeutung als Demonstration von Glaubens- und Gedankenfreiheit gegen die Diktatur.

Heute mag manche traditionsreiche Prozession zur bloßen Touristenattraktion verkommen zu sein. Andererseits findet der althergebrachte Umgang mit dem eucharistischen Brot neue Formen und Inhalte. Dieser Wandel entspricht einer Zeit, die das gemeinsame Glaubenszeugnis aller Christen betont und das werbende Bekenntnis nicht mit einem verletzenden Affront gegen Andersgläubige verwechselt.

Deutschland Christian Feldmann

Christian Feldmann

Zum Autor: Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent, u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasst er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er bisher 51 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

Redaktionelle Verantwortung: Alfred Herrmann, Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkarbeit