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Kultur

Der Zauber der Straßenkunst

Puppenspieler, Tänzer, Graffiti-Sprayer und Akrobaten: Auf dem internationalen Straßenkünstler-Festival Stamp in Hamburg traf sich alles, was auf der Straße auftritt.

Das italienische Miniauto ist der Circumloqui auf dem Stamp-Festival 2011 in Hamburg (Foto: DW)

Circumloqui auf Tour

Es knattert, stinkt ein bisschen und tuckert durch die Zuschauermenge hindurch: ein kleines dreirädriges Miniauto. Aus einem Lautsprecher scheppert Zirkusmusik, dann ertönt die Stimme eines Mannes: "Circumloqui kommt an!" Auf dem Dach des italienischen Piaggio-Apecar ist eine ganze Zirkusband untergebracht: ein Keyboard, eine Gitarre und ein Schlagzeug. Ein Mann hat dort oben Platz. Davor ist eine Manege gebaut. Der Zirkusdirektor ist eine Handpuppe, die der Fahrer des Wagens spielt. Circumloqui ist in diesem Jahr zum ersten Mal auf Europa-Tour, wie Miquel, der Musiker des Zirkus-Duos erzählt. Das lebt von der Straßenkunst. "Wenn wir das hier nicht machen, haben wir eben Urlaub", sagt Miquel. Er lacht dabei und meint dann, dass es ein harter Beruf sei. "Aber es ist cool."

Studentenband spielt sich Sprit zusammen

Die deutsche Band Franz Bieberkopf auf dem Stamp-Festival in Hamburg (Foto: DW)

Die Band "Franz Bieberkopf"

Keine hundert Meter entfernt spielt gerade die deutsche Band "Franz Bieberkopf". Das sind neun Studenten, deren gemeinsames Hobby die Musik ist. Der harte Kern der Truppe kennt sich bereits seit der Schulzeit. "Man kann einfach losfahren und Mucke machen", schwärmt Christoph. Da sie in unterschiedlichen Städten studieren, sind die Straßenkonzerte auch gleichzeitig ihre Proben. Das eingespielte Geld brauchen sie für das Benzin. "Wir übernachten meist bei Freunden, manchmal muss man auch im Auto schlafen oder wir stellen ein Schild in den Koffer, dass wir noch Schlafplätze suchen", sagt Dominik. Meistens bekämen sie auf ihre Musik gute Resonanz. In einer Seitenstraße neben der Hauptmeile des Hamburger Stamp-Festivals sitzen etwa 20 Leute auf vier Bierbänken und wippen im Takt der Musik mit den Füßen. Immer mehr Leute kommen, viele bleiben stehen und hören zu. "Wir haben hier gerade unsere Räder abgeschlossen und sind gleich hängengeblieben", sagt ein Familienvater. "Die sind wirklich gut, schöne Stimmung", pflichtet seine Frau ihm bei. Manche gehen weiter, um sich andere Straßenkünstler anzusehen.

Über 2000 Straßenkünstler aus 14 Nationen

Der argentinische Clown und Jongleuer Maurangas mit Zuschauern (Foto: DW)

Artist Maurangas in Aktion

Mehr als 2000 Künstler aus14 Nationen zeigen hier ihr Können: vom Musiker, über Schauspieler und Artisten bis hin zu Graffiti-Sprayern, Paradegruppen und Tänzern. "Ich glaube, dass so viele unterschiedliche Straßenkünstler hier zusammenkommen, ist in Europa relativ einmalig", sagt Dieter Meine. Er ist Geschäftsführer der altonale GmbH, die das Festival veranstaltet.

Für den Argentinier Mauro Wolynski ist die Straßenkunst kein Hobby, sondern ein wichtiges finanzielles Standbein. Mit seiner Clown- und Jongliershow bringt er das Publikum in der Rolle des Kapitäns Maurangas immer wieder zum Lachen. Und er belässt es nicht nur dabei, dass alle mitklatschen. Immer wieder rennt er in die Menge, umarmt wildfremde Menschen, schnappt sich meist verlegen dreinblickende Zuschauer und nimmt sie mit auf seine geteerte Bühne. "Hier haben sie die Möglichkeit, an der Show teilzunehmen. Ich denke, dass ist das Geheimnis des Straßentheaters", sagt Wolynski.

Doch das scheint nicht bei jeder Nationalität gut anzukommen: "Manche sind schüchterner als andere", sagt ein kanadischer Artist. Die Deutschen etwa seien nicht schüchtern und ließen sich leicht zum Mitmachen animieren. Ganz anders sei das in Osteuropa. "In Mazedonien zum Beispiel schauen zwar immer sehr viele Leute zu, aber wenn du versuchst, sie zu packen, laufen sie weg. Sie schauen nicht nur weg, sie laufen richtig weg", sagt der Kanadier.

Viele Festivals zahlen Gagen

Zum Straßenkünster-Festival Stamp 2011 in Hamburg kamen mehr als 2.000 Künstler aus aller Welt (Foto: DW)

Auf Straßentournee in Hamburg

In Hamburg läuft niemand weg, auch nicht, als der Artist Maurangas seinen Hut herausholt. Für ihn sind die Einnahmen auf der Straße mehr als nur ein Zubrot. Auch wenn er, wie viele seiner Kollegen, noch andere Engagements hat. Beim Stamp-Festival ist das "Hut-Geld" der Zuschauer seine Gage. "Das hat nichts mit Bettlerei oder Almosen zu tun", betont Marc André Klotz, von Buskers Hamburg e. V.. Er hat die Schauspieler für das Festival mit ausgesucht. Es gibt auch Straßenkünstler-Festivals, auf denen richtige Gagen gezahlt werden. "Die Leute machen das hier professionell, sie machen das einfach sehr gut und arbeiten extrem hart dafür." Daher würden auch die Hamburger Veranstalter den Künstlern gerne irgendwann Gagen zahlen. Doch momentan geht das finanziell noch nicht. Das Festival wird in diesem Jahr erst zum zweiten Mal veranstaltet.

Straßenkünstler sind Überzeugungstäter

Die australische Sängerin Hannah Pearl auf dem Stamp-Festival (Foto: DW)

"Überzeugungstäterin": die Sängerin Hannah Pearl

Die meisten Straßenkünstler seien "Überzeugungstäter", weiß Klotz. Wie auch die australische Sängerin Hannah Pearl: Sie steht mit ihrer Gitarre am Rande einer kleinen Grünfläche, neben ihr sitzt Marco Belloni am Schlagzeug und begleitet sie. Hannah spielt am liebsten auf der Straße. "Weil man es hier mit unterschiedlichen Leuten zu tun hat. In einer Bar hast du nur eine Altersgruppe von Leuten." Hier könnten alle ihre Musik hören, unabhängig von einem Besuch in einer Bar oder dem Internet. Hannah genießt diese besondere Atmosphäre auf der Straße. Das Spontane, die Freiheit. Doch auch hier gibt es bestimmte Regeln, die von Land zu Land, oft sogar von Stadt zu Stadt, sehr unterschiedlich sind. Grundsätzlich braucht jeder eine offizielle Genehmigung. Klotz hat selbst schon als Straßenkünstler gearbeitet und kennt ihren Alltag.

Straßenkünstler spielen längst nicht nur in Fußgängerzonen. Wer gut genug ist, wird zu Festivals eingeladen. Mittlerweile hat sich hier eine besondere Straßenkünstler-Szene entwickelt. Viele planen ihr Jahr wie eine kleine Tournee. "Dann schaut man, ob man noch auf dem Weg das ein oder andere Festival mitnehmen kann, wo man vielleicht dann auch keine Gage kriegt." Doch für die besondere Atmosphäre auf der Straße nehmen die Künstler die Regeln, das Reisen und die unsichere Bezahlung gerne in Kauf. Und wer es wie das Artisten-Duo "Lol Brothers" aus Montreal versteht, aus seinem Auftritt eine grandiose Party zu machen, dem ist zumindest ein tosender Applaus sicher.

Autorin: Janine Albrecht

Redaktion: Klaus Gehrke

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