1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Der will doch nur drohen!

Der natürliche Feind des Briefträgers ist der Hund. Angehende Postboten besuchen daher Seminare zum richtigen Umgang mit Vierbeinern. Doch nicht alle fühlen sich danach sicherer.

Ein Auszubildender der Post bringt die Post vorbei, die Empfängerin hat einen Hund, der bellt (Foto: Murat Koyuncu)

Wenn der Postmann klingelt, bellt oft der Hund

Ein Samstagvormittag in Kamen. Sechs angehende Postboten sitzen in ihrer blau-gelben Dienstkleidung im Clubraum des Heerener Schäferhund-Vereins. Die wenigsten von ihnen haben Erfahrung mit Hunden. Das soll sich heute ändern. Weil Briefträger immer wieder angegriffen werden, bereitet die Deutsche Post ihre Mitarbeiter mit Kursen wie diesem auf aggressive Hunde vor, die ihr Revier verteidigen wollen.

Eine Hundehalterin zeigt ihren Schäferhund den jungen Post-Azubis (Foto: Murat Koyuncu)

Auf Tuchfühlung mit dem Schäferhund

Durch das Seminar führt Rolf Stöwe, Vorsitzender des Hundevereins. Seit über 40 Jahren ist er Hundeliebhaber, entsprechend viel weiß er über ihr Verhalten. Gleich zu Beginn der Veranstaltung lässt der 65-Jährige den ersten Schäferhund an der Leine durch den Raum laufen. Die Teilnehmer wirken angespannt. "Der ist völlig harmlos!", versichert er und lässt den Hund von einigen Azubis streicheln. Es ist ein 14 Wochen alter Schäferhund, der noch sehr verspielt ist.

"Respekt vor dem Hund!"

Das könne in wenigen Jahren ganz anders aussehen, warnt der Hundeexperte und holt zum Vergleich einen ausgewachsenen, lebhaften Schäferhund. Die Azubis beobachten das Tier auf Schritt und Tritt. "Hunde haben eine unglaubliche Kraft", sagt Stöwe. "In jedem seiner 42 Zähne stecken 75 Kilo Kraft. Deshalb sollte man sie nicht provozieren, sonst hat man verloren!"

Nachdem das Eis gebrochen ist und die Azubis sich an die Hunde gewöhnt haben, geht es raus auf die Grünanlage des Vereins. Nun stehen einige praktische Aufgaben auf dem Plan, denn schließlich sollte der Umgang mit den Hunden möglichst authentisch geübt werden.

Ein Hund greift einen Auszubildenden der Post an und beißt in seinen Unterarmschutz (Foto: Murat Koyuncu)

Wie viel Kraft hat ein Hund?

Mahmut Turan ist der erste, der sich zur Verfügung stellt. Er bekommt einen bissfesten Unterarmschutz für seinen rechten Arm. Sinn der Übung ist es, zu erkennen, wie viel Kraft ein Hund haben kann. Und dann geht es auch schon los: Auf Kommando bellt der Schäferhund, was das Zeug hält und rennt auf den knallroten Unterarmschutz zu. Mit seinen starken Zähnen versucht er ihn wegzuzerren.

Mahmut steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Mit viel Mühe und Kraft versucht er, dagegenzuhalten. Doch am Ende hat der Hund den Unterarmschutz im Maul und läuft davon. "Respekt vor dem Hund! Das ist wirklich heftig. Dass er so eine Kraft hat, hätte ich nicht gedacht", sagt Mahmut erschöpft und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

"Einfach nur ruhig verhalten!"

In einer anderen Übung soll der Azubi Steffen Ziesmann mit einem Schiebewagen einem Empfänger die Post zustellen. Der wartet mit seinem laut bellenden Hund an der Seite. "Ziel dieser Übung ist, dass der Briefträger sich einfach nur ruhig verhalten und seiner Arbeit nachgehen soll", erklärt Hundepapa Rolf Stöwe, der das Tier zum Bellen animiert. Man dürfe sich bloß nicht ablenken lassen.

Das Zauberwort heiß Respekt

Das Fazit am Ende der Veranstaltung: Es gebe von Natur aus keine bösen Hunde. "Die Menschen machen sie zu aggressiven Tieren", sagt Rolf Stöwe. "Natürlich möchte der Hund sein Revier verteidigen, deshalb bellt er laut und springt umher. Das einzig Richtige, was man in diesem Moment, nicht nur als Postbote, machen sollte, ist, Respekt zu zeigen." Angst zu haben, sei völlig falsch, denn Angst rieche der Hund und das mache ihn aggressiver und mächtiger. Deshalb sei die Zauberformel: "Vorsicht und Respekt!"

Doch nicht jeder Teilnehmer ist nach dem Seminar von der Hundephobie befreit. Mahmut Turan will in Zukunft weiterhin, wenn er einen Hund sieht, die Straßenseite wechseln. Mit Respekt zeigen tut er sich schwer. Seine Angst besteht nach wie vor. Sein Kollege Steffen Ziesmann dagegen will den Tieren mehr Achtung entgegen bringen und immer ein Leckerchen in der Tasche haben. Vielleicht lässt sich der Hund ja dadurch ein wenig ablenken.

Autor: Murat Koyuncu
Redaktion: Dеnnis Stutе