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Filme

Der Widerstand der Skater in der DDR

In der DDR war fast alles anders als in Kalifornien. Doch Skateboards gab es hier auch. Sie wurden aber Rollbretter genannt und waren nicht gern gesehen. Ein Dokumentarfilm lässt die Szene der DDR-Skater wieder aufleben.

Zugegeben, ein klassischer Dokumentarfilm ist "This ain't California" wirklich nicht. Vielmehr handelt es sich um die Erinnerungen einiger Protagonisten, die vor rund 30 Jahren die Skater-Szene in der DDR ins Leben riefen und maßgeblich prägten. Wer glaubt, dass Skaten und DDR nicht zusammen passen, liegt falsch. Denn wie Skater Dirk gleich zu Anfang des Films lapidar feststellt: "Auf so was wie Skaten kommen Kinder ganz alleine. Genug Beton gab es ja bei uns. Und wenn du einem Kind irgendwas gibst, was rollt, und du schubst es in so eine Betonwelt, dann wird es genau auf die gleiche Idee kommen. Mit Amerika hat das nichts zu tun."

Die alten Weggefährten kommen nach Jahren wieder zusammen

Protagonisten aus dem Film This ain't California, Start am 16.08.2012 (Foto: Marko Mielke)

Die Jungs und ihre Bretter

Ausgangspunkt für den Film ist ein Plattenbauviertel im Magdeburger Stadtteil Olvenstedt. Dort treffen sich Mitte der 1980er Jahre jeden Tag drei Jungs in einem betonierten Hof und vertreiben sich die Zeit auf selbstgebauten Rollbrettern. Der Film handelt von ihrer Freundschaft und davon, wie sie sich ihre eigene kleine Welt auf Rädern aufbauen. Er erzählt, wie sie später nach (Ost-) Berlin kommen, Teil der dortigen Skater-Szene werden und sich kurz nach dem Mauerfall aus den Augen verlieren.

Das Ganze wird aus heutiger Perspektive geschildert. Denn Dennis Paracek, einer der Protagonisten, der später zur Bundeswehr geht, wird 2011 in Afghanistan erschossen. Seine Beisetzung führt die alten Weggefährten wieder zusammen. Am Lagerfeuer versammelt erinnern sie sich an Dennis und das Skaten in der DDR.

Akrobatik auf dem Skateboard - Skater in der DDR - zum Start von This ain't California am 16.08.2012 (Foto: Patrick Steffen)

Akrobatik auf dem Board

Regisseur Marten Persiel (38), der seit seinem achten Lebensjahr selbst Skateboard fährt, montiert ihre Erinnerungen zur Geschichte einer Subkultur, die man in der DDR nicht erwartet hätte. Wobei er sich entschloss, das Ganze in Form eines "poetischen Dokumentarfilms" zu machen: "Beim Film ist es wie bei der Musik: Ohne Poesie kommst du da nicht weit. Denn sonst wird alles schnell sehr technisch." Er habe versucht einen Film zu machen, der sowohl dokumentarisch als auch poetisch sei, eine "dokumentarische Erzählung" mit einer "poetischen Unterströmung".

In Berlin wird der Spaß zum Politikum

Poetisch heißt in diesem konkreten Fall aber auch, dass die Biografien nicht so existieren, wie sie dargestellt werden. Nach Auskunft der Bundeswehr gab es nämlich keinen Dennis Paracek, der in Afghanistan gefallen ist. Zudem wurde viel Super 8-Filmmaterial nachgedreht, auf alt getrimmt und in Videoclipästhetik montiert. Und wahrscheinlich sind auch die Gespräche der alten Freunde inszeniert.

Dennis Pancek, einer der Protagonisten im Film This ain't California, startet am 16.08.2012 (Foto: Wildfremd Productions Berlin)

Protagonist Dennis: skaten und protestieren

Dennoch wehrt sich Produzent Ronald Vietz dagegen, von fiktiven Biografien zu sprechen: "Fiktion hieße ja, wir hätten alles erfunden. Aber wir haben keine Geschichten erfunden. Vielmehr haben wir unsere Recherchen genutzt, um diesen Film zusammenzustellen. Wie wir das gemacht haben, ist letztendlich etwas Neues und eine ganz erzählerische Form. Also die Biografien, die man sieht, die gibt es. Es gibt sie allerdings ein bisschen anders aufgestellt."

Puristen lehnen eine solche Herangehensweise für Dokumentarfilme ab. Und kein Zweifel: "This ain't California" ist ein gewagtes Experiment. Es ist aber trotz - oder vielleicht gerade wegen seiner Machart - sehr gelungen. Auch in der Malerei sind es ja oft die abstrakten Werke, die eine tiefere Wahrheit vermitteln, die uns berühren und anziehen. So haben die Filmemacher aus dem Material ihrer dreijährigen Recherche die Protagonisten geformt, die Mitte der 1980er Jahre nach Berlin kommen und am Alexanderplatz auf ihre Skatboards springen.

Erste Sprungübungen unter dem Fernsehturm - Skater in der DDR - zum Start von This ain't California am 16.08.2012 (Foto: Patrick Steffen)

Rollbrett-Action unterm Berliner Fernsehturm

Was in einem Hinterhof von Magdeburg eher ein Spiel war, bekommt im Zentrum von Berlin eine andere Bedeutung. Am Fuße des Fernsehturms werden die Skater von vielen Leuten beobachtet, sie mutieren zu einer Art Attraktion, machen mit ihren Skateboards wilde Sprünge oder fahren per Handstand auf ihnen 30 Meter über den Platz. Die Zuschauer sind begeistert und zugleich irritiert: Wofür soll das gut sein? Wem nützt das? Wer in der DDR kein Ziel verfolgte, war irgendwie suspekt. Einfach nur so auf einem Brett herumfahren aus Spaß. So etwas gab es eigentlich nicht.

"So hat noch keiner über die DDR erzählt"

Titus Dittmann mit ehemaligen Skatern aus der DDR - zum Start von This ain't California am 16.08.2012 (Foto: Wildfremd Productions Berlin)

Erwachsen geworden: Titus und die Ost-Skater

"This ain't California" hält die Stimmung einer faszinierenden Jugendbewegung und ihren subversiven Widerstand fest sowie die zum Teil kläglichen staatlichen Bemühungen, die rund 200 Rollbrettfahrer der DDR in die offiziellen Bahnen zu führen. Doch die Skater frönen Individualismus und Partys, nicht Kollektivismus und Disziplin. Bei der "Euroskate" 1988 in Prag kommt es dann zu einer Vereinigung der besten Skater aller Länder - trotz staatlicher Intervention. Fortan unterstützt unter anderen der Münsteraner Skater-Unternehmer Titus Dittmann die ostdeutschen Skater. Reifen und Boards werden über die Grenze geschmuggelt.

Zwar ist der Film nicht frei von Nostalgie, aber vor allem geht es um junge Leute, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen bzw. aufs Rollbrett stellen. Und Jens Riewa, ehemaliger Ost-Skater und heute Sprecher der deutschen Nachrichtensendung "Die Tagesschau", dankte Ronald Vietz persönlich für den Film: "Jens Riewa kam aus einer Vorführung raus und sagte: 'Ich will jetzt jemanden in den Arm nehmen, der den Film mitgemacht hat!' Und da ich in diesem Moment da war, nahm er mich in den Arm, hatte Tränen in den Augen und sagte: 'So hat noch keiner über die DDR erzählt. Endlich haben wir eine andere Stimme, und die ist so wahr'".

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