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Asien

Der westliche Zug ist abgefahren

Dass in China die beiden größten Zughersteller des Landes fusionieren, wird es der Konkurrenz aus Europa noch schwerer machen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

In diesem Sommer hatte Siemens-Chef Joe Kaeser eine gute Idee und schrieb einen Brief an die Chefetage des französischen Alstom Konzerns. Statt sich von General Electric schlucken zu lassen, sollten die Franzosen lieber eine Kooperation mit Siemens eingehen. Kaeser bot den Franzosen den deutschen ICE an, der künftig in Frankreich gemeinsam mit dem TGV hätte gebaut werden können. Im Gegenzug hätte Alstom seine Energiesparte an die Deutschen abgegeben. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Die Franzosen entschieden sich am Ende für die Amerikaner - und sowohl für den ICE als auch für den TGV dürfte sich das nun rächen.

Denn was die Europäer nicht hingekriegt haben, nämlich einen globalen Champion für Schnellzüge zu schaffen, haben ihnen die Chinesen jetzt abgenommen. Die beiden chinesischen Eisenbahnhersteller CNR und CSR - schon jetzt der größte und zweitgrößte Zugbauer der Welt - stehen kurz vor einer Fusion, ließen beide Unternehmen vergangene Woche verlauten. Details zu dem Deal sollen zwar erst noch bekannt gegeben werden. Doch schon anhand der ersten Schätzungen zu den künftigen Geschäftsdaten lässt sich ein deutliches Bild zeichnen: Durch die Fusion der Chinesen soll ihr Profit um weitere 14 Prozent steigen, allein durch geringere Forschungs- und Entwicklungskosten und geringeren Preiskampf im Inland.

Wettkampf um ausländische Aufträge

Als die Regierung die beiden Staatsbetriebe im Jahr 2000 quasi aufeinander losließ, hoffte sie, dass die zwei Konzerne sich gegenseitig anspornen würden. Im Zuge der Modernisierung Chinas und des Dranges, weite Teile des Landes miteinander zu verbinden, hat der verstärkte Wettbewerb untereinander auch den erhofften Erfolg gebracht. Mittlerweile suchen CNR und CNS beide auch nach Aufträgen im Ausland, und der ehemals belebende Wettkampf behindert das Geschäft. Nun will Peking, dass man sich nicht wie bisher mit Preiskämpfen gegenseitig das Leben schwer macht. Denn so ist schon 2011 ein Auftrag aus der Türkei an eine südkoreanische Firma verloren gegangen und zwei Jahre später ein Auftrag aus Argentinien in einem ähnlichen Fall.

Frank Sieren, Kolumnist Handelsblatt (Foto: Frank Sieren)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Zu viele Köche verderben nun einmal den Brei. Und deswegen will die chinesische Regierung, dass man im Ausland gemeinsam um milliardenschwere Aufträge für den Bau von Zügen kämpft - zum Beispiel in Kalifornien. Dort haben beide Konzerne bereits getrennt voneinander Interesse an einem 68 Milliarden Dollar schweren Projekt bekundet. Gemeinsam steigen vielleicht ihre Chancen auf das Ja für die Zuglieferungen für das Hochgeschwindigkeitsnetzwerk.

Schon jetzt international schlagkräftig

Die beiden Konzerne sind natürlich auch schon jetzt international äußerst schlagkräftig. Wann immer Chinas Premier Li Keqiang in den vergangenen Monaten auf Reisen ging - sei es nach Südamerika, nach Afrika oder Russland - konnte er auch immer neue Hochgeschwindigkeitszüge von CNR und CSR an den Mann bringen. Auch mit Großbritannien und Thailand hat Peking in diesem Jahr Absichtserklärung unterzeichnet. So wie ebenfalls erst kürzlich für eine 800 Kilometer lange Strecke von Moskau ins ostrussische Kasan. Ein Auftrag, den Siemens und Alstom gerne gehabt hätten. Diesmal scheiterte das Geschäft allerdings an den EU-Sanktionen gegen Russland.

Und nun konnte sich Peking auch über einen Zuschlag aus Zentralamerika freuen. Mexikos Regierung gab bekannt, eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke vom Mexico City in die rund 200 Kilometer nördlich gelegenen Industriestadt Queretaro von den Chinesen bauen lassen zu wollen. 3,75 Milliarden Dollar wollen sich die Mexikaner das kosten lassen. Ein Hauptargument, Peking den Zuschlag zu geben, war, dass China sich nicht nur bereit erklärt hat, die neue Strecke zu bauen, sondern sie auch gleich zu 85 Prozent über die Import-Export-Bank des Landes zu finanzieren.

All-inclusive-Paket für Schwellenländer

Besonders in Schwellenländern kommt es eben gut an, dass Peking beim Verkauf der Züge zusätzlich gleich das passende Kreditpaket für die Finanzierung schnürt. Einst dominierende Bahnbauer wie Alstom, die kanadische Bombardier und Siemens können bei diesem All-inclusive-Paket oft nicht mithalten. Und mit der Fusion von CNR und CSR wird sich das Kräfteverhältnis weiter zugunsten Pekings verschieben.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.