1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Der westliche Blick auf die arabische Welt

Krieg und Terror oder verklärte Eindrücke aus 1001 Nacht - von diesen Bildern ist der Blick des Westens auf die arabische Welt geprägt. Der Literaturmarkt spielt dabei eine wichtige Rolle.

Sonnenuntergang über einer Moschee in Doha (Foto: AP)

Sicht auf arabische Länder: oft romantisch verklärt

"Ya Salam" heißt ein Roman der libanesischen Schriftstellerin Najwa Barakat, der von einer Durchschnittsfamilie aus der Beiruter Mittelschicht und von ihrem Alltag erzählt. Najwa Barakat ist nicht nur im arabisch-sprachigen Raum eine berühmte Autorin. Einige ihrer Bücher wurden bereits ins Französische übersetzt. Doch eine deutsche Übersetzung ihres Romans "Ya Salam" sollte es nicht geben. Für den Verleger war die Geschichte nicht orientalisch genug und zu wenig exotisch für den deutschen Markt. Denn exotisch müssen Bücher aus der arabischen Welt sein, damit sie übersetzt werden, sagt der Islamwissenschaftler Andreas Pflitsch von der Freien Universität Berlin, der sich mit der modernen arabischen Literatur beschäftigt.

"Normales" Leben nicht gefragt

Frauen mit Kopftuch (Foto: AP)

Frauen als beliebtes Thema in der arabische Literatur

"Sie sollen etwas Arabisches transportieren und damit auch den Bildern entsprechen, die man von der arabischen Welt erwartet", so Pflitsch. Arabische Traditionen müssten vorkommen. Sehr gut verkäuflich seien außerdem Themen über die Rolle der Frau in der arabischen Welt. "Aber eine 'normale' Geschichte eines zeitgenössischen, mittelständischen Lebens in einer Großstadt, das wäre dann eben zu wenig arabisch für den Markt. Da könnte man direkt deutsche oder französische Literatur lesen. Das ist die Argumentation der Buchverlage", stellt Andreas Pflitsch fest.

Ein Argument, das Romanen wie "Ya Salam" den Zugang zum deutschen oder gar den europäischen Markt verwehrt. Damit bleiben dann aber auch Vorurteile und Stereotypen bestehen. Ein sich selbst bestätigendes System, das dadurch entstehe, dass das Publikum bestimmte exotische Dinge von der arabischen Literatur erwarte, und deswegen die arabischen Werke, die das enthalten, auch übersetzt werden", sagt Pflitsch. "Man kommt aus diesem Teufelskreis so nicht heraus."

Teufelskreis aus Stereotypen

Doch woher kommen diese Stereotypen, die wenig mit der aktuellen Realität zu tun haben? Andreas Pflitsch vermutet, dass sie bereits mit den Schriften der ersten Orientalisten auftauchten und nach der Übersetzung von 1001 Nacht sowie zahlreichen Wüstenmärchen mit Dschinn, schönen Frauen und Kamelreitern entstanden sind. Doch dass heute in Kairo oder Tanger lediglich Touristen auf Kamelen reiten, interessiert nur die Wenigsten.

Beduine mit Kamelen (Foto: dpa)

Klischees über die arabische Welt

Verantwortlich für diese Bilder seien aber auch die Kolonialherren, meint der Dichter und Schriftsteller Malek Alloula, der in seinem Buch "le harem colonial" (Der Kolonialharem) Klischees und Vorurteile der Kolonialzeit untersucht hat. Der Algerier, der schon seit über vierzig Jahren in Frankreich lebt, stellt in dem Buch Postkarten vor, die französische Fotografen in Algerien zwischen 1900 und 1930 gefertigt haben. Darin sind algerische Frauen zu sehen, die intime Körperteile zeigen und in erotischen Posen in die Kamera schauen, ganz nach dem Klischee der schönen orientalischen Frauen in ihrer mysteriösen Umgebung. Sie sind vor fremden Blicken geschützt, reizen diese aber eben gerade dadurch reizen. Diese Bilder seien aber in keinem Fall authentisch, so Malek Alloula.

"Ich glaube, damit wollten die Kolonialherren vor allem zeigen, dass sie über die Algerier herrschen, aber auch über ihre Frauen. Das waren aber Leute, die keinerlei Zugang zur Welt der Frauen im Maghreb hatten", sagt Malek Alloula. Andererseits wolle man durch die Fotos das bestehende Bild vom Orient um jeden Preis bestätigen.

Populär mit Auszeichnungen

Doch dass gute, hochwertige Literatur auf dem westlichen Markt nicht ankomme, habe auch strukturelle Gründe, betont Pflitsch. "Man muss sagen, dass der arabische Markt nicht so straff organisiert ist, wie andere Buchmärkte, wenn es um Literaturpreise und Auszeichnungen geht." Denn Bücher werden durch Preise und Auszeichnungen berühmt. Sie erhöhen die Sichtbarkeit von literarischen Werken im Ausland. Das beste Beispiel dafür ist der Roman "Azazil" des Ägypters Youssef Ziedan, der nun auch ins Deutsche übersetzt wird, nachdem er 2009 den Arab Booker Price gewonnen hat. Auch internationale Literaturfestivals, die in den vergangenen Jahren einen einmaligen Boom erfahren, sind eine gute Gelegenheit, die moderne arabische Literatur zu lesen und junge Autoren kennen zu lernen.

Autor: Khalid El Kaoutit

Redaktion: Sarah Mersch

Die Redaktion empfiehlt