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Kultur

Der Westen und der Islam - Dialog mit Grenzen

Der "Dialog mit dem Islam" hat Hochkonjunktur - ist jedoch von Enttäuschungen geprägt. Der ägyptische Islamwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid plädiert deshalb für einen "Dialog mit den Islamisten".

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Abu Zaid (links) zu Gast bei der Deutschen Welle

"Bei einem Dialog sollte es nicht unbedingt darum gehen, die Gegenseite von der eigenen Meinung zu überzeugen. Einer meiner Lebensträume ist, dass es mehr Freiräume für den Dialog gibt, mehr Freiräume für Meinungsaustausch - und nicht eine Meinung aufzwingen und die andere eliminieren. Wenn ich mich nur mit denjenigen unterhalte, die meine persöhnliche Meinung akzeptieren, dann führe ich keinen Dialog."

Nasr Hamid Abu Zaid ist ein Ketzer. Zumindest wurde der Islamwissenschaftler in seiner Heimat Ägypten als solcher gebrandmarkt - und nicht nur von orthodoxen
Religionsführern. Damals - Anfang der 1990er-Jahre - wehrte sich Abu Zaid gegen ein Verständnis des Islams, das immer monolithischer und rigider zu werden schien.

Er probierte neue Interpretationsansätze aus, die es ihm auch erlaubten, sich für eine Gleichstellung der Frau in islamischen Gesellschaften auszusprechen - wobei er nicht etwa gegen die islamische Sharia wetterte, sondern sie nach eigenem Selbstverständnis lediglich weiterdachte.

Das Ergebnis: Die Universität Kairo verweigerte ihm die Professur, von einem ägyptischen Gericht wurde er von seiner Ehefrau "zwangsgeschieden" - da nach traditionellen islamischen Vorschriften eine muslimische Frau nicht mit einem "Häretiker" - also Ketzer - verheiratet sein darf. Es war eine Zeit, in der sich viele in Ägypten Abu Zaid am besten mundtot wünschten, wenn nicht mehr, während er im Westen als großer Aufklärer gefeiert wurde.

Dialog - trotzdem

"Ich weiß, dass es möglich ist, dass wenn Islamisten in Ägypten an die Macht kommen, dass sie dann ein nicht-demokratisches System einrichten, und dass der erste, der dann zum Tode verurteilt wird, Nasr Hamid Abu Zaid sein wird."

Trotzdem ist Abu Zaid dafür, dass man sich gerade mit denjenigen unterhält, die ihn öffentlich verurteilen. Das sei keine Garantie für eine bessere Welt, sagt er. Es sei jedoch eine bei weiterem bessere Alternative als Gewalt. Denn Gewalt - so zeige es die Geschichte - erzeuge nur Gegengewalt. Er hingegen habe mit seinem "friedlichen" Ansatz auch in der arabischen Welt bereits Erfolge erzielt.

Abu Zaid erinnert sich an eine Fernseh-Diskussion mit einem seiner ärgsten Wiedersacher, dem islamistischen Intellektuellen Mohamed Emara: "Er war der Star der Sendung, nicht ich. Denn er weiss, wie man reden muss, er hat Charisma, ich nicht. Dennoch ist etwas Kurioses geschehen: Einige meiner Freunde haben mir erzählt, dass dieses Programm alle Menschen um 180 Grad gedreht hat."

Kommunikation als Denkweise

Abu Zaid glaubt an die Macht des Dialogs. Nicht zwangsweise als Kommunikationsform, bei der Lösungen entstehen oder die eine Seite einen Sieg über die andere erringt. Sondern als Denkweise, die, je öfter sie angewandt wird, sich in den Köpfen der Menschen festsetzt. Und sie davon abhält, Dogmatiker zu werden, die ihren Glauben mit Gewalt verteidigen.

Er glaubt aber auch an die Macht des Dialogs, unannehmbares als solches bloßzustellen. "Die Menschen haben diese Sendung geschaut, um sich diesen Ketzer, diesen Häretiker anzuschauen. Die Menschen haben eine bestimmte Vorstellung von Häretikern, dass sie laut brüllen zum Beispiel. Die Leute haben jedoch gemerkt, dass es Emara war, der gebrüllt hat. Ich hingegen war ganz ruhig, ich habe sogar gelächelt."

Es sei natürlich nicht auszuschließen, dass der offene Dialog mit radikalen Kräften deren Einfluss anfänglich noch verstärkt. Dass demokratische Errungenschaften beispielsweise in arabischen Gesellschaften zunichte gemacht werden, wenn Islamisten Regierungen stellen würden. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass diese Kräfte, einmal an der Macht, als konzeptlos bloß gestellt würden - und ihre Polemik von Sharia und Gottesstaat als bloße Propaganda.

Dem Terrorismus das Rückrat brechen

Auf keinen Fall dürfe der Islamismus jedoch, so meint Abu Zaid, mit Gewalt bekämpft werden - denn in gewaltvoller Unterdrückung lägen die eigentlichen Wurzeln von Terror und militantem Islamismus in der arabischen Welt: "Wenn man nicht dazu in der Lage ist, die Gesellschaft mit demokratischen Mitteln zu verändern, da diese nicht vorhanden sind, bleibt dir nichts anderes übrig, als deine Vorstellungen mit Gewalt der Gesellschaft aufzuzwingen."

Auf eine wichtige Unterscheidung besteht Abu Zaid jedoch. Dialog mit Islamisten ja, jedoch nicht mit jenen, die zu Gewalt aufrufen beziehungsweise Gewalt ausüben. Das seien Kriminelle und müssen auch als solche behandelt werden - also rechtlich belangt.

Viel wichtiger als eine juristische Verfolgung - nach
rechtsstaatlichen Prinzipien - sei jedoch ohnehin das Gespräch mit jenen, die den Terrorismus durch ihr Schweigen unterstützen. Oder aber ihm mit fundamentalistischem Gedankengut den idealen Nährboden liefern. Wenn man auch diesen Menschen und Intellektuellen die Möglichkeit geben würde, sich friedvoll zu artikulieren - dann sei im Prinzip dem Terrorismus das Rückgrat gebrochen.

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