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Kultur

Der Wert des Journalismus

Pressefreiheit in Deutschland? Klar, die gibt es - noch. Michael Konken, der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, erklärt, warum der Journalismus auch in Deutschland bedroht ist.

Der Deutsche Journalistenverband demonstriert gegen Vorratsdatenspeicherung (Foto: Becker & Bredel / dpa)

Deutsche Welle: Herr Konken, der Deutsche Journalistenverband macht derzeit mit einer Filmreihe auf die Bedrohung des Journalismus aufmerksam. Gab es hierfür einen konkreten Anlass?

Michael Konken: Die Filmreihe ist ein Bereich, mit dem wir auf die Situation des Journalismus aufmerksam machen wollen. Wir werden über das laufende Jahr hinweg mehrere Veranstaltungen durchführen, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass der Journalismus momentan unter starkem Druck steht. Wir brauchen den Journalismus für eine Demokratie, er muss Qualität liefern und eine besondere Wertigkeit haben. In den vergangenen Jahren haben wir gemerkt, dass diese Wertigkeit, gerade von Verlegern und vielleicht auch von der Öffentlichkeit, nicht mehr so richtig gesehen wird. Das ist in diesem Jahr unser Leitthema, und wir wollen in vielen Veranstaltungen auf den Wert und die Bedeutung des Journalismus aufmerksam machen.

Wenn man sich den ersten Film anschaut, den Sie schon veröffentlicht haben, dann zeigt er einen Journalisten, der einen Satz auf der Schreibmaschine schreibt. Er beginnt mit den Worten "The government", also "Die Regierung", und noch während der Arbeit wird er erschossen. Das ist ein sehr drastisches Video, das sicherlich weniger mit der Situation in Deutschland zu tun hat, sondern auf die Bedrohung von Journalisten im Ausland aufmerksam macht.

Michael Konken, Vorsitzender des Deutschen Journalisten- Verbandes (Foto: dpa)

Michael Konken

Das Video treibt das natürlich etwas auf die Spitze. Aber das Problem ist, dass viele Journalisten heute nicht mehr so kritisch arbeiten können, wie sie gerne möchten. Wir müssen da gar nicht weit schauen: In Ungarn beispielsweise gibt es jetzt ein Mediengesetz, das den freien Journalismus einschränkt. Aber auch in Italien, Frankreich oder Deutschland gibt es Probleme mit dem Journalismus. Insofern müssen wir gar nicht immer nur nach China oder Russland blicken, nicht immer mit dem Finger auf diese Länder zeigen, um zu sagen: "Dort gibt es keine Pressefreiheit". Diese Probleme gibt es auch hier.

Was macht Ihnen denn in Deutschland zurzeit die meisten Sorgen?

Am meisten Sorgen macht uns natürlich immer noch, dass wieder Daten gesichert werden sollen. Daten, mit denen man später erkennen kann, ob Informanten einen bestimmten Journalisten über Missstände informiert haben. Der Informantenschutz wird damit ausgehebelt. Sorgen machen uns außerdem Redaktionsdurchsuchungen, wie sie in der Vergangenheit vorgekommen sind, und auch der Umgang der Verleger mit den Redaktionen. Es kommt immer wieder vor, dass Verleger Druck ausüben, damit bestimmte Artikel nicht erscheinen, weil sonst eventuell Werbepartner verloren gehen könnten. Das sind die Hauptprobleme, die wir haben. Und insofern sieht man schon, dass Pressefreiheit auch in Deutschland laufend verteidigt werden muss, dass laufend darum gekämpft werden muss.

Sie sprechen von einer schleichenden Entwertung des Journalismus. Wie kommen sie zu dieser harschen Bewertung?

Wir haben in den vergangenen Jahren wiederholt festgestellt, dass in den Redaktionen immer mehr Stellen abgebaut werden. Bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung beispielsweise sollten vor etwas mehr als einem Jahr von achthundert Journalisten dreihundert entlassen werden. Wir merken, dass man Journalisten nicht mehr entsprechend honorieren will, dass Vergütungsregeln, die mit den Verlegern vereinbart wurden, nicht eingehalten werden, dass Journalisten mit Billigtarifen abgespeist werden. Und wir merken, dass man für Berufsanfänger immer weniger zahlt und dann natürlich auch keine gut ausgebildeten Journalisten in die Redaktionen bekommt. Und somit wird der Wert des Journalismus in den nächsten Jahren immer weiter abnehmen. Ich befürchte eigentlich das Schlimmste, dass Journalismus vielleicht irgendwann einmal nur noch eine Tätigkeit ist, die nebenbei von irgendwelchen Menschen ausgeführt wird. Und das kann nicht im Sinne der Pressefreiheit in Deutschland sein, nicht im Sinne einer qualitativen Berichterstattung und schon gar nicht im Sinne einer funktionierenden Demokratie.

Sehen Sie da in erster Linie die Medienunternehmer in der Verantwortung oder, wenn Sie sagen, es sei so wichtig für das Funktionieren einer Demokratie, auch die Politik?

Natürlich auch die Politik. Weil gerade die Politik, glaube ich, den Stellenwert des Journalismus noch nicht erkannt hat. Die Politik reagiert eher sauer, wenn kritisch über sie berichtet wird. Die Kritikfähigkeit ist in dem Bereich in den vergangenen Jahren eher verloren gegangen. Journalisten werden oft nur als die bösen Feinde gesehen und man ist froh, wenn man sie einvernehmen kann, dass sie positiv Bericht erstatten. Aber natürlich sind auch die Verleger, die in die innere Pressefreiheit, in die Redaktionsfreiheit eingreifen, um hier gewisse Vorgaben zu machen, in der Verantwortung. Da kommt vieles zusammen. Aber die Politik ist letztendlich gefordert, hier etwas zu tun, um die Pressefreiheit und die freie Berichterstattung zu sichern.

Das Interview führte Aya Bach

Redaktion: Petra Lambeck

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