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Kultur

Der Wenige-Worte-Mann

Florian Meimberg schreibt ganz kurze Geschichten. Maximal 140 Zeichen. Er twittert nämlich seine winzigen Erzählungen, die "Tiny Tales". Dafür wurde er am 30. Juni mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Florian Meimberg (Fto: Meimberg)

Fassen Sie sich kurz! Florian Meimberg kann das bestens. Der 35 Jahre alte Werbefachmann aus Düsseldorf verbreitet seit zehn Monaten regelmäßig winzige Geschichten über den Microblog-Dienst Twitter und erreicht damit über 8000 regelmäßige Leser - sogenannte Follower.

Er sah Kevin-Prince Boateng fest in die Augen. "OK, abgemacht. Aber nur den Knöchel!" Ballack seufzte. Verdammte Flugangst ...(20. Mai 2010)

Florian Meimberg ist 35 Jahre alt und sieht aus wie ein lieber Kerl, wie der nette Nachbar von Nebenan. Von sich selbst behauptet er allerdings, er sei gar nicht so lieb. Und in seinen "Tiny Tales" steckt auch durchaus eine großzügige Prise schwarzer Humor.

Grunzend fielen die Eber über den Futtertrog her. Landwirt Ulf strahlte. Endlich konnte er die Bewerbung schreiben. Für "Bauer sucht Frau". (15. Januar 2010)

Schon mehr als einmal hat der Kurzgeschichten-Twitterer die Welt zerstört, böse Aliens anrücken lassen oder die Bibel einfach umgeschrieben. Meimberg sagt: "Ich bin gerne böse", und scheut dabei weder vor derben Sarkasmus oder tiefer Ironie zurück. Denn er will unterhalten. Und manchmal muss dann eben sogar Gott daran glauben.

"War das wirklich ich", fragte Gott. Und der Kater hämmerte in seinem Kopf. "Allerdings!", grinste der Teufel, "Es dauerte sechs Tage." (11. Oktober 2009)

Einmal habe er den Bogen überspannt. Ein Einzelfall, wie er beteuert. Nachdem er eine "Tiny Tale" fertig gestellt hatte, erinnert sich Meimberg, sei er mit sehr viel negativem Feedback überschüttet worden. Nach dem Motto: "Das kannst Du nicht bringen, das ist zu hart, das ist zu krass." Um den Unmut seiner Follower noch größer werden zu lassen, hat er die umstrittene "Tiny Tale" wieder gelöscht.

Logo der Tiny Tales (Foto: Meimberg)

Meimberg gestaltet seine Geschichten subtil. Die "Tiny Tales" brauchen Zeit, um zu wirken und das ist so gewollt. Die Geschichten sind zwar in sich geschlossen, letztendlich nimmt jeder Leser sie aber anders wahr. Die Micro-Geschichten funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Jede ist wie eine Luke, die kurz auf geht. Der Leser steckt seinen Kopf durch die Luke und sieht eine riesige Geschichte. Dann geht die Luke wieder zu. "Der Leser hat sich gerade lange genug umgeguckt, um die Geschichte zu erfassen und dann nachwirken zu lassen, im Kopf für sich zu deuten oder weiter zu spinnen", beschreibt es Meimberg.

Er schwebte auf das Leuchten zu. Es stimmte: der Tunnel. Das helle Licht. Nun war es also vorbei. Eine Stimme ertönte. "Es ist ein Junge!" (27. Mai 2010)

Die Follower können die "Tiny Tales" auch mit gestalten, indem sie Stichwörter schicken, die Meimberg in seinen Erzählungen verwendet. Inhaltlich will er sich aber treu bleiben, obwohl ihm seine Follower immer wieder sagen, er solle mal was mit Happy End schreiben. "Klar, kann ich auch mal machen. Es macht aber nicht so viel Spaß", grinst er. "Tiny Tales" können bald auch diejenigen genießen, die kein Interesse an Twitter haben. Die winzigen Erzählungen sollen demnächst auf Papier erscheinen. Als kleines Büchlein. Schließlich sind es "Tiny Tales".

Autor: Chi Viet Giang/Marlis Schaum

Redaktion: Marlis Schaum

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