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Kultur

Der Weltretter aus Berlin

Welcher Sänger kann schon von sich behaupten, gleich mit der ersten Single eine neue Redewendung erfunden zu haben? Tim Bendzkos Refrain "Nur noch kurz die Welt retten“ ist längst zum geflügelten Wort geworden.

"Soviel Aufmerksamkeit zu bekommen - das ist ein Gefühl jenseits menschlicher Erfahrung", sagt der Sänger. "Wenn man bei einem Konzert vor 8.000 Leuten steht, ist das schon abgefahren." Tim Bendzko wundert sich zwar noch manchmal, aber er genießt den Erfolg sichtlich. Seit über zehn Jahren macht er Musik, doch das hat lange Zeit niemanden besonders interessiert. Dann kam im Sommer 2011 der Song mit der Zeile "nur noch kurz die Welt retten", und Bendzko war in aller Munde.

Das Lied mit den 148 Mails, die noch zu checken sind, bevor man endlich zum Wesentlichen kommt, wurde zum Sommerhit und Bendzko ein Star. Langer Atem zahlt sich eben aus. Letztes Jahr trat Bendzko noch im Vorprogramm von Joe Cocker auf, dieses Jahr wurde er bei seinen Konzerten selbst von Tausenden von Fans umschwärmt, die begeistert jede Zeile mitsangen.

Schlicht und einfach Songs

"Ich mag im Allgemeinen nichts, was mit Getue zu tun hat. Ich möchte die Dinge auch in der Musik nicht durch viele elektronische Hilfsmittel kaschieren", so Bendzko. Stattdessen ist in seiner Band das gute alte musikalische Handwerk hörbar. Eine groovende Rhythmusgruppe, ein Piano, satte Orgeltöne und hier und da ein gezielt eingesetztes Gitarrensolo plus Cello und Akkordeon sorgen für klangfarbliche Tupfer. Alles ist handgemacht, ursprünglich und geradeaus.

Ein Song, sagt Tim Bendzko, sollte auch funktionieren, wenn man ihn nur mit Gitarre spielt. "Wenn er dann nicht funktioniert, braucht man ihn gar nicht erst aufnehmen. Im Idealfall muss ein Lied auch ohne Instrumente tragen." Ganz ohne Instrumente tritt Bendzko dann doch nicht auf, aber er verzichtet bei seinen Konzerten auf musikalischen Schnickschnack. Stattdessen lässt er lieber das Publikum singen.

Kreischende Teenies beim Konzert (Photo: Ralph Orlowski/Getty Images)

Weibliche Teenies lieben Tim

Sänger aus Berufung

Eigentlich, erzählt Tim Bendzko, wollte er immer nur Musik machen. Alles, was er noch getan hat, zum Beispiel Gebrauchtwagen verkaufen oder Theologie studieren, war nur Mittel zum Zweck. Das Ziel stand immer fest, aber er hat sich Zeit gelassen. Als Jugendlicher spielte er eher Fußball, und Musikinstrumente lagen beim kleinen Tim auch nicht unter dem Weihnachtsbaum. Mit 16 lernte er dann Gitarre, um die Songs, die er im Kopf hatte, endlich auch spielen zu können.

Mit 17 gründete er seine erste Band, mit der er teilweise heute noch spielt. Jahrelang trat er in kleinen Clubs an, bis er 2009 einen Talentwettbewerb gewann und als Vorgruppe vor 20.000 Zuschauern in Berlin auftreten durfte. Dass er das sehr entspannt absolvierte, muss wohl jemanden von einer großen Plattenfirma beeindruckt haben, denn prompt bekam er ein Angebot.

Der lange Weg zum Ruhm wird auf seinem ersten Album mit dem Titel "Wenn Worte meine Sprache wären" eindrücklich dokumentiert. Die Platte bezeichnet er schmunzelnd als "Best of". Immerhin sind einige Songs darauf schon zwischen sieben und zehn Jahre alt und haben sich seit dem ersten Auftritt im Live-Repertoire gehalten.

Bescheidenheit als Botschaft

Die Botschaft seiner Songs will Bendzko im Augenblick eher klein halten. "Ich bin jetzt 27 Jahre alt und muss nicht mit dem Zeigefinger durch die Welt laufen und den Leuten die Welt erklären, wenn ich selber meine Meinung alle drei Wochen ändern kann", sagt er.

Es sind denn auch eher persönliche Gefühle, die Bendzkos Songs bestimmen: Beziehungen, Selbstfindung und ein wenig Kritik an oberflächlichem Leben. "Mir geht es im Allgemeinen ums Hinterfragen", betont er. "Ich bin froh, wenn Menschen es schaffen, nicht die erste Annahme als die richtige zu werten und dem Ganzen eine zweite Chance geben."

Teddybär mit Schleife (Photo: Christopher Furlong/Getty Images)

So mancher geliebte Teddybär landet als Gabe für Tim auf der Bühne

Das Liederschreiben selbst ist für Bendzko ein eher schwieriger Prozess, Handwerk und harte Arbeit. Von der ersten Notiz im Smartphone können da über mehrfaches Verwerfen von Worten, Zeilen und Melodie schon einmal mehrere Wochen vergehen.

Immerhin: Mit diesen Ergebnissen harter Arbeit hat Tim Bendzko inzwischen so ziemlich alle deutschen Preise gewonnen, vom Bambi über den Echo bis zur 1live-Krone. Beim MTV Music Award war er bester deutscher Künstler. Er hat schon mit der WDR Big Band gesungen und absolviert derzeit Gastauftritte bei Peter Maffays Tabaluga-Abschiedstournee. Das zweite Album soll im Frühjahr fertig sein. Man darf gespannt sein, ob wieder eine neue deutsche Redewendung von der Qualität des "nur noch kurz die Welt retten" dabei abfällt.

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