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Reise

Der weite Weg zum Welterbe

38 UNESCO-Welterbestätten gibt es in Deutschland. Viele Orte unternehmen große Anstrengungen, um die Nummer 39 zu werden. Das ist ein bürokratischer Kraftakt. Warum ist der Titel so begehrt?

Kein anderer Ort in Deutschland hat so gute Chancen die 39. Welterbestätte zu werden wie das ehemalige Kloster Corvey. Die imposante Abtei an der Weser zieht schon jetzt um die 100.000 Besucher pro Jahr an. "Wir erhoffen uns noch mehr Besucher für unser Museum, die natürlich auch wichtig wären für die ganze Region, nicht nur für Höxter, sondern für das ganze Weserbergland und für ganz Westfalen", sagt Claudia Konrad. Die Museumsleiterin von Corvey ist überzeugt vom Nutzen des Welterbetitels.

Der deutsche Kandidat 2014

Das Hauptargument für den Titel ragt hinter Konrad in den Himmel: Das karolingische Westwerk aus dem 9. Jahrhundert. Das hoch aufragende Backsteingebäude mit seinen beiden Türmen hat eine beeindruckende Ausstrahlung. Ein Westwerk ist ein einer Kirche vorgelagerter - nach Westen ausgerichteter - Bau. Viele Reichsklöster hatten eines. Als im Mittelalter die Kaiser und Könige ihr Reich reisend beherrschten, diente es ihnen als Residenz.

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Höxter - das Westwerk von Schloss Corvey

Steht man heute in dem fast vollständig erhaltenen Corveyer Westwerk, kann man sich vorstellen, wie sie hier ihre Reichstage abhielten, sich mit ihren Fürsten trafen oder an Gottesdiensten teilnahmen. 981-mal hat die UNESCO den Titel Welterbe vergeben. Alle ausgezeichneten Stätten haben das Komitee von ihrem außergewöhnlichen universellen Wert überzeugen können. Vom 15. bis zum 25. Juni 2014 hält das UNESCO-Komitee in Doha seine Jahresversammlung ab. 41 Welterbe-Anträge liegen vor. Corvey ist dieses Jahr der einzige deutsche Kandidat.

Erst die Bürokratie und dann…

Corveys Weg nach Doha war weit. In jahrzehntelanger Vorarbeit entstanden vier dicke Antragsbände mit mehr als 700 Seiten. Denkmalpfleger, Archäologen und Historiker sammelten eine ganze Reihe von Argumenten, die Corveys Einzigartigkeit und Bedeutung untermauern: "Einmal geht es um das Westwerk als Baudenkmal. Dann um das Bodendenkmal, die unterirdische Stadt Civitas, die es ja jetzt nicht mehr gibt, aber die nachweisbar ist. Und es geht um die missionarische Bedeutung, um die Ausstrahlung und den Einfluss Corveys auf das übrige Europa", fasst Claudia Konrad die wichtigsten Punkte zusammen.

Schon seit 1999 steht das ehemalige Benediktiner-Kloster auf der nationalen Vorschlagsliste Deutschlands. Es ist der wichtigste Schritt des Bewerbungsmarathons. Geführt wird diese Liste von den Kultusministern der deutschen Bundesländer. Jeder Ort, der seit einem Jahr auf der Liste steht, bekommt das Recht zur Antragstellung bei der UNESCO. Dreizehn Jahre lang feilten die Corveyer an ihrem Antrag: 2012 war es dann so weit: Deutschland meldete "Das Karolingische Westwerk und die Civitas Corvey" offiziell beim Welterbe-Komitee an. Daraufhin schickte die UNESCO einen Gutachter der ICOMOS, des internationalen Rats für Denkmalpflege, nach Höxter. Jetzt ist die UNESCO dran. Ihr liegen Gutachten und Antrag vor. Und in Doha fällt das Gremium eine Entscheidung: Welterbe oder nicht Welterbe.

Heidelberg Palace

Rückzieher: Das Heidelberger Schloss verzichtete auf seine Kandidatur

Hoffnung auf Ruhm und Fördermittel

Nicht jedem Antrag stimmt die UNESCO zu. 2008 scheiterte der Versuch, das Heidelberger Schloss zum Welterbe zu machen. Das UNESCO-Komitee verlangte Änderungen, die das Engagement der Antragsteller so lähmten, dass sie auf eine erneute Bewerbung verzichteten.

Dieter Offenhäußer von der Deutschen UNESCO-Kommision ist optimistisch: "Der Antrag aus Corvey ist sehr gründlich, die haben ihre Hausaufgaben gemacht!" Die Kommison unterstützt alle deutschen Kandidaten auf ihrem Weg. Ein Welterbetitel verschaffe, neben weltweiter Bekanntheit, vor allem auch den Zugriff auf regionale und nationale Fördermittel, beschreibt Offenhäuser die Vorteile. In einem gerade auslaufenden fünfjährigen Investitionsprogramm stellte das Verkehrsministerium 220 Millionen Euro für den Erhalt der deutschen Welterbestätten zur Verfügung.

Hamburg Wasserschlösschen in der Speicherstadt

Hoffnungsträger 2015: Die Hamburger Speicherstadt bewirbt sich um den Welterbetitel

Weil Deutschland nach Italien und Spanien die meisten Welterbestätten hat, übt es sich in diesem Jahr in Zurückhaltung: Nur Corvey ist nominiert. Nächstes Jahr sollen die Hamburger Speicherstadt und der Naumburger Dom folgen.

Vergangenes Jahr ist Kassel mit seinem Bergpark Wilhelmshöhe die 38. Deutsche Welterbestätte geworden. Highlight des Parks sind die Wasserspiele, die heute noch genauso funktionieren wie vor fast 300 Jahren, als sie erbaut wurden. Das Prädikat Welterbe hat dazu geführt, dass sich die Zahl der Besucher, die sich dieses etwa einstündige Spektakel regelmäßig ansehen, verdreifacht hat. Ein Ansturm, der die Erwartungen der Antragssteller bei weitem übertrifft und ihr Verkehrskonzept regelmäßig zum Scheitern bringt. "Beim Verkehr müssen wir nachbessern. Aber die Freude über die verdiente Anerkennung für den einzigartigen Park überwiegt den Verdruss über die Probleme mit den Parkplätzen“, freut sich Maren Brechmacher-Ihnen. Die Gartenarchitektin engagierte sich viele Jahre lang im Verein "Bürger für das Welterbe Bergpark Wilhelmshöhe".

Kasseler Wasserspiele

Bergpark Wilhelmshöhe: Der Welterbetitel bringt mehr Besucher

Eine Stadt, ein Schloss und der Traum vom Welterbe

In ganz Deutschland befinden sich rund 50 Stätten auf dem weiten Weg zum Welterbe. Gerade haben die Kultusminister der Länder beschlossen, den Nachdrängenden eine Chance zu geben und die nationale Vorschlagsliste erweitert.

Schwerin im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist eine jener Städte, die diese Hürde überwunden hat. Blickt man durch eine der Sichtachsen im Schlossgarten auf das Schweriner Schloss, versteht man sofort, dass Schwerin es zum Welterbe machen will. Seit 2000 engagiert sich der Verein "Pro Schwerin" dafür. Was einfach begann, wurde schnell kompliziert: Das Schloss allein genügte nicht. Weitere Argumente wurden gesammelt, um sich Chancen auf den Titel zu sichern. Die Fürsten bauten um das Schloss herum Regierungsgebäude, aber auch ein Theater zu ihrer Unterhaltung und ein Museum für ihre Kunstsammlungen. Das "Residenzensemble Schwerin" sei in seinem Erhaltungszustand und seiner Geschlossenheit einzigartig, argumentieren Stadt und Land, die den Welterbe-Antrag zu ihrer Sache gemacht haben. Heute hat der Landtag seinen Sitz im Schloss. So dokumentiere der Ort eindrucksvoll die Entwicklung vom historischen Fürstenstaat zur modernen Demokratie.

Bildergalerie Deutschland Architektur

Traumhaft schön: Das Schweriner Schloss will es wissen

Kleine Stadt, große Anstrengung

Steffi Rogin, Leiterin der Schweriner Denkmalschutzbehörde freut sich, dass ihre Stadt jetzt auf der nationalen Vorschlagsliste steht. Aber sie sieht noch viel Arbeit vor sich: Flächenmanagement, Gebäudesicherung, Besucherführung - für all das müssen Pläne erstellt werden, um die UNESCO zu überzeugen. Auf 500.000 € vornehmlich für Gutachten schätzt Rogin die Kosten. Geld, das manch Schweriner gerne für andere Projekte ausgeben würde.

Kritiker in der Stadt befürchten überdies, dass ein Welterbetitel zu strengen Auflagen und Einschränkungen führen könnte, etwa bei der Nutzung des Alten Gartens für die jährlichen Schlossfestspiele. Einschränkungen einer temporären Nutzung befürchtet Steffi Rogin hingegen nicht. Sie ist sich sicher: "Schwerin würde profitieren! Nicht nur finanziell durch mehr Tourismus, sondern auch emotional." Ein neues Wir-Gefühl und eine stärkere Identifizierung der Schweriner mit ihrer Stadt verspricht sie sich vom Welterbetitel.

Schwerin kann es wohl nicht vor 2020 auf die Welterbeliste schaffen. Claudia Konrad und ihre Mitarbeiter in Höxter werden das Wochenende vom 21. und 22. Juni im Büro verbringen. Laut Tagesordnung des UNESCO-Komitees fällt dann die Entscheidung in Doha und sie wollen keine Zeit verlieren, falls sie per Pressemitteilung verkünden können: Corvey ist Welterbe!

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