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Politik & Gesellschaft

Der Weg nach oben wird steiniger

Wer nach 1980 geboren wurde, dem gelingt der Aufstieg im Vergleich zu seinen Eltern weitaus seltener: Deutschlands soziale Mobilität hat abgenommen und ist im internationalen Vergleich sogar richtig schlecht geworden.

Publikum (Foto: Vodafone- Stiftung)

Die Plätze in der ersten Reihe sind hart umkämpft

Tragen die deutschen 68er und ihre anti-autoritären Erziehungs- und Bildungsmaximen eine Mitschuld daran, dass die sozialen Aufstiegschancen in Deutschland im Vergleich unter den westlichen Industrienationen so schlecht geworden sind? Auf diese Frage aus dem Publikum antwortete der neue FDP-Generalsekretär Patrick Döring mit einem klaren "Ja". Deutschland tue sich schwer mit der Anerkennung und Förderung von Leistung, so Döring. Das sei eine schleichende Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Warum zum Beispiel werde in Deutschland nicht der beste Abiturient eines Landkreises öffentlich ausgezeichnet? In den USA würde dafür gesorgt, dass fast jeder einmal für eine besondere Leistung ausgezeichnet wird, selbst fürs beste Schachspielen. Denn es sei wichtig, öffentliche Anerkennung für gute Leistung zu erfahren, weil das einen selber und die anderen motiviere.

FDP-Generalsekretär Patrick Döring (Foto: Vodafone-Stiftung)

FDP-Generalsekretär Patrick Döring

Vielleicht seien die Deutschen auch einfach viel zufrieden mit dem Ist-Zustand und deshalb nicht mehr so aufstiegsorientiert wie noch in den 1960er-Jahren, sagte Döring - weniger in Richtung Publikum als viel mehr zu den anderen Teilnehmern der Podiumsdiskussion: den Grünen-Parteivorsitzenden Cem Özdemir, CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe, den Linken-Politiker Jürgen Bartsch und der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Dagmar Ziegler.

Eine in Österreich geborene Volkswirtin aus dem Publikum meinte dazu, es mangele Deutschland an einer transparenten und fairen Leistungskultur. FDP-Generalsekretär Döring sieht dies ähnlich und fügte hinzu: "Man muss sich die in Deutschland so angesagte postmaterielle Saturiertheit auch leisten können."

Infografik Sozialer Aufstieg im Vergleich der Jahrzehnte

Viele Hürden für den sozialen Aufstieg

Studienleiter Reinhard Pollak (Foto: Vodafone-Stiftung)

Studienleiter Reinhard Pollak

Anlass für die Diskussion am Dienstagabend (24.01.2012) in Berlin war die Veröffentlichung einer Studie der Vodafone-Stiftung zusammen mit der Stiftung Neue Verantwortung zur Entwicklung sozialer Mobilität in den letzten Jahrzehnten. Deutschland sei heute anders als in den Jahren der Wirtschaftswunderzeit in den 50er-, 60er- und teils 70er-Jahren ein Land mit geringer sozialer Durchlässigkeit zwischen "oben" und "unten". Und zwar auch im Vergleich mit den europäischen Nachbarn und Nordamerika, erklärte Studienleiter Reinhard Pollak den rund hundert Anwesenden im Humboldt-Carré, einem alten preußischen Regierungsgebäude zwischen der Straße "Unter den Linden" und dem Berliner Gendarmenmarkt. "Wer in eine bestimmte soziale Klasse hineingeboren wird, der hat kaum Chancen, im weiteren Lebensverlauf in die nächst höhere Klasse aufzusteigen." Selbst in der traditionellen Klassengesellschaft Großbritanniens seien die Mobilitätswerte besser.

Infografik Soziale Aufstiegschancen im Vergleich

Die Hürden für einen sozialen Aufstieg sind, so ein Ergebnis der Studie, über verschiedene Lebensabschnitte verteilt: Defizite im Elternhaus blockieren die Entwicklung im Kleinkindalter. In der Schulzeit werden Schulwechsel schwierig. Für Jugendliche gibt es Hürden bei der Berufswahl. Im Erwachsenenalter können formale Kriterien wie bestimmte Abschlüsse eine an Leistung orientierte Karriere behindern. Die Vodafone-Stiftung als gesellschaftspolitischer Thinktank sieht die Politik deshalb in der Pflicht gegenzusteuern, heißt es in der Auswertung der Studie.

Helfen Geld- und Strukturdiskussionen?

Politische Handlungsfelder könnten beispielsweise eine bessere frühkindliche Förderung und eine höhere Flexibilität des Bildungssystems sein. Welche konkreten Maßnahmen dazu geeignet wären, darüber gab es unterschiedliche Vorstellungen unter den Vertretern der Parteien. "Wir müssen Armut bekämpfen", sagte Jürgen Bartsch von der Linkspartei. Sein Grünen-Kollege Özdemir wünscht sich Ganztagsschulen, in die Schüler gerne gehen und gutes Bio-Essen bekommen.

SPD-Politikerin Dagmar Ziegler (Foto: Vodafone-Stiftung)

SPD-Politikerin Dagmar Ziegler

SPD-Politikerin Ziegler mahnte an, dass es in Deutschland endlich eine vernünftige Lehrerausbildung geben müsse, die sich intensiv pädagogischen Fragen widmet. Hermann Gröhe von der CDU betonte, dass die Bildungsausgaben unter der jetzigen Regierungskoalition mit der FDP schon um 27 Prozent gestiegen sind.

Das Thema Bildung wird in Deutschland quer durch alle politischen Parteien seit dem schlechten Abschneiden in der internationalen Pisa-Studie intensiv diskutiert. Allerdings ist Bildung in Deutschland Sache der einzelnen Bundesländer. Deshalb kann das Ergebnis der politischen Diskussion von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich aussehen. FDP-Politiker Döring merkte dazu an, dass Deutschland vielleicht weniger über Strukturen, sondern mehr über Bildungsinhalte diskutieren sollte. "Was muss ein 18-Jähriger heute eigentlich können und wissen?", fragte Döring.

Wie viel Staat soll sein?

Die neue Vodafone-Studie will eine breite Diskussion über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands unterstützen, die seit geraumer Zeit an verschiedenen Stellen geführt wird. Vor kurzem hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel den Startschuss für eine Diskussion über die Folgen der demografischen Entwicklung in Deutschland gegeben. In den nächsten Jahrzehnten werden immer mehr ältere Bürger immer weniger Bürgern im Erwerbsalter gegenüber stehen.

Schon aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es deshalb notwendig, Bildung und lebenslanges Lernen zu fördern. Es müsse aber noch festgelegt werden, welche Rolle der Staat dabei spielen sollte, sagte Herman Gröhe von der CDU. Von "Jeder ist sich seines eigenen Glückes Schmied" bis zu "Der Staat muss alles regeln" reiche die Spanne politischer Überzeugungen.

Autor: Kay-Alexander Scholz
Redaktion: Arne Lichtenberg

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