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Der Weg ist das Ziel

Die Welt sehen, Klavier spielen können, zehn Kilo abnehmen: Wir setzen uns Ziele. Denn Ziele geben Orientierung und motivieren. Doch wer nicht über das Ziel hinausschießen will, der übe sich gelegentlich in Müßiggang.

Ein Fußweg zwischen Blumen und Bäumen im Blue Bells Forest, Großbritannien

Der Weg ist das Ziel

Wilhelm Tell steht der Schweiß auf der Stirn. Er atmet tief durch, legt seine Armbrust an und zielt. Er zielt auf den Apfel, der auf dem Kopf seines Sohnes Walther liegt. Der steht hundert Schritte weit von ihm entfernt. "Freut's Euch, den Pfeil zu führen und den Bogen, wohl, so will ich das Ziel Euch dazu geben“, hatte ihm der Tyrann Hermann Gessler gesagt und ihn vor eine grausame Wahl gestellt: Entweder gelingt der Apfelschuss, dann lässt er Vater und Sohn am Leben und schenkt ihnen die Freiheit. Oder das Ziel wird verfehlt, und beide müssen sterben.

Beschreibung Deutsch: Tell's Knabe' aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell, als Stahlstich gestochen von Carl Arnold Gonzenbach um 1859 nach einer Zeichnung von Arthur von Ramberg; das untertitelte Blatt hat die Maße circa 8 cm x 11,6 cm und auf der Rückseite keine weiteren Angaben. Es gehört zu einer Serie, möglicherweise als frühes Sammelbild, die als Schiller-Galerie von Friedrich Pecht und von Arthur von Ramberg bekannt geworden ist. English: Türkçe: Datum etwa 1859(1859) Quelle Scan vom Original: Bernd Schwabe in Hannover Urheber |Friedrich Pecht; Carl Arnold Gonzenbach [Bearbeiten] Lizenz

Gezielt, getroffen, gerettet!

Der Sohn ist ganz zuversichtlich, denn Vater Wilhelm ist ein zielsicherer Schütze. Doch dieser zweifelt an seiner Treffsicherheit. Die Hände zittern, das Ziel verschwimmt vor seinen Augen, und schließlich lässt er die Armbrust wieder sinken. Lieber will er sofort sterben, als vorher noch sein eigenes Kind zu töten. Aber der Tyrann bleibt hart und besteht auf dem Schuss. Also setzt Tell zum zweiten Mal an, fasst das Ziel ins Auge, spannt den Bogen – und schießt. Der Pfeil fliegt durch die Luft, bis er sein Zielendlich erreicht – Volltreffer! Vater und Sohn fallen sich glücklich in die Arme, und selbst der Tyrann kann seine Bewunderung für soviel Zielgenauigkeit nicht verstecken: "Bei Gott! Der Apfel mitten durchgeschossen! Das war ein Meisterschuss, ich muss ihn loben."

Der Ursprung des Ziels

Diese berühmte Szene aus Friedrich Schillers Drama "Wilhelm Tell" dreht sich um das Zielen in seinem ursprünglichen Sinn: eine Waffe wird auf ein Opfer, einen Gegner, ein Beutetier gerichtet – und in Ausnahmefällen eben auch auf Obst, das Familienangehörige gerade auf dem Kopf tragen. Aber es muss ja nicht immer gleich lebensgefährlich zugehen, wenn irgendwo gezielt wird.

In der Militärausbildung geraten wehrlose Pappkameraden, also Zielscheiben mit menschlichen Umrissen, ins Fadenkreuz der jungen Soldaten. Auf dem Schützenfest nimmt man einen hölzernen Adler aufs Korn, und beim Tontaubenschießen eine Art fliegende Untertasse aus Keramik. Auf der Kirmes sind Luftballons oder zerbeulte Blechdosen die Ziele. Im Büro kann einem ein gezielter Wurf den Gang zum Papierkorb ersparen.

Sportliche Ziele

Wenn Sportler herausfinden wollen, wer von ihnen der Schnellste ist, markiert das Ziel die Stelle, an der der Wettkampf entschieden wird. Nach der letzten Kurve in einer Stadionrunde biegen die Läufer in die Zielgerade ein. Natürlich möchte jeder von ihnen als erster über die Ziellinie gehen, oder in diesem Fall natürlich laufen.

Jamaica's Veronica Campbell-Brown, left, crosses the finish line to win ahead of USA's Carmelita Jeter, center, and USA's Allyson Felix, right, in the Women's 200m final at the World Athletics Championships in Daegu, South Korea, Friday, Sept. 2, 2011. (Foto:Martin Meissner/AP/dapd)

Bitte recht freundlich! Der Zieleinlauf ist auch das Hauptziel der Fotografen



Mit letzter Kraft muss ein Marathonläufer in diesem Moment auch noch das Zielband mit Bauch oder Brust zerreißen. Für den schnellsten Rennfahrer wird die schwarz-weiß karierte Zielflagge geschwenkt. Bei einem besonders knappen Zieleinlauf muss im Zweifelsfall auch schon mal das Zielfoto entscheiden, wer die Nase vorne hatte. Wer hingegen schon während des gesamten Rennens die Konkurrenten klar hinter sich gelassen hat, erringt einen souveränen Start-Ziel-Sieg.

Ich ziele, also bin ich

Seifenblase

Wie so vieles: Schön, aber flüchtig

Ziel und zielen spielen eine mindestens ebenso große Rolle im übertragenen, bildlichen Sinn. Fast alles von dem, was uns täglich umgibt und was unser Denken und Empfinden prägt, ist vergänglich. Es hat einen Anfang und ein Ende, ob es uns nun gefällt oder nicht: Das Bauchkribbeln bei einer neuen Liebe zum Beispiel oder ein spannender Kinofilm, ein langer Arbeitstag, eine Erkältung oder der Geschmack eines Kaugummis.

Und weil uns der Gedanke nicht gefällt, dass etwas bis zu seinem Ende einfach nur so existiert, ohne Ziel, ziellos, neigen wir dazu, den Dingen eine Absicht, einen Zweck oder sogar einen Sinn zuzuschreiben.

Ziele in Wort und Bild

So beschränkt sich eine gezielte Strahlentherapie zum Beispiel nur auf die erkrankte Stelle des Körpers und erspart dem Patienten damit unerwünschte Nebenwirkungen. Bei einer gezielten Provokation geht es dagegen mehr darum, jemanden mit Absicht aus seiner Reserve zu locken, indem zum Beispiel ein bestimmtes Reizthema angesprochen wird. Eine gezielte Partnervermittlung berücksichtigt wiederum viele persönliche Eigenschaften von Singles, die einen Partner suchen. Statt wahllos Menschen zusammenzubringen, werden vielversprechende Gemeinsamkeiten überprüft, um die passenden Partner zu finden.

Ein Wirtschaftsunternehmen ist stets bestrebt, möglichst hohe Umsätze und Gewinne zu erzielen. Deshalb möchte es in der nächsten Jahresbilanz die ehrgeizigen Zielvorgaben, die es seinen Aktionären angekündigt hat, nicht nur erreichen, sondern sogar übertreffen. Dabei helfen zielführende Konzepte und Strategien, die optimal auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmt sind. Es gilt, das Ziel nie aus den Augen zu verlieren: die Rendite zu steigern und die Aktionäre zufriedenzustellen. Aber Vorsicht! Wer sein Ziel mit übertriebenem Eifer verfolgt, der wird am Ende womöglich über das Ziel hinausschießen. Durch unausgereifte Produkte oder zu viel Werbung könnten die Kunden abspringen.

Eine Frau präsentiert Säulendiagramme

Höhere Rendite - das erklärte Ziel des Unternehmens



Unterwegs zum Ziel

Auf eins sollte deshalb bei aller Zielstrebigkeit geachtet werden: nicht aus den Augen zu verlieren, was rechts und links des Weges so passiert. Ein Abendessen im Kreise guter Freunde soll ja nicht nur satt machen. Nach einer Bergbesteigung wird man durch eine überwältigende Aussicht belohnt – obwohl man auch die Seilbahn hätte nehmen können. Und ein abendlicher Spaziergang muss dem Zielorientierten geradezu sinnlos erscheinen; kommt man doch am Ende wieder genau da an, wo man losgegangen ist! Manchmal – und das erkannte schon der chinesische Philosoph Konfuzius vor zweieinhalbtausend Jahren – ist eben der Weg das Ziel.

Das Ziel der Ziele

Zwei Frauen lassen sich im hellblauen Wasser treiben.

Ziele einfach mal Ziele sein lassen

So sind es gerade diese vermeintlich sinnlosen, zweckfreien Aktivitäten, die es uns erlauben, für einige Zeit aus dem Hamsterrad der Zielstrebigkeit auszusteigen. In vielen Formen fernöstlicher Meditation geht es genau darum: einmal nicht nach dem zu streben, was in der Zukunft liegt, sondern in der Gegenwart, im Hier und Jetzt zu leben. Und das ist natürlich selbst wieder ein Ziel. So stehen die Meditierenden vor einer in sich widersprüchlichen Herausforderung: Sie suchen die zielgerichtete Ziellosigkeit.

Fragen zum Text

Wer – wie Wilhelm Tell – gut trifft, hat sprichwörtlich … getrunken.
1. Baldriantee
2. Zielwasser
3. Jägermeister

Man kann eine Waffe auf etwas richten, aber man kann nicht …
1. über einen Angeklagten richten.
2. mit dem Schlimmsten richten.
3. eine vom Wind zerzauste Frisur richten.

Kein Gegensatz in sich wie zielgerichtete Ziellosigkeit ist …
1. zielführende Ziellosigkeit.
2. ziellose Zielgerade.
3. gezielte Zielführung.


Arbeitsauftrag
In welchen anderen Bereichen des Lebens haben wir es mit Zielen zu tun – im ursprünglichen oder im bildlichen Sinn? Sammle mindestens drei Themengebiete und finde zu jedem dieser Gebiete jeweils drei Begriffe oder Redewendungen.

Autor: Till Schumacher
Redaktion: Beatrice Warken

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