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Spurensuche

Der Weg der Entscheidung beginnt

Palmsonntag, der verschlungene Weg der Entscheidung beginnt: Pater Bernhard Kohl OP über den schmerzhaften Weg Jesu. Er stellt uns vor Entscheidungen, die kein „Jein“ mehr zulassen. Ein Beitrag der katholischen Kirche.

Spurensuche Lichterspuren Autobahn (stocksnap.io/L. Aldarwish)

Palmsonntag: der verschlungene Weg der Entscheidung beginnt. Foto: Lalesh Aldarwish/stocksnap.io [Creative Commons CC01.0]

An Palmsonntag feiern die christlichen Kirchen ein altes Fest, von dem bereits die Pilgerin Ätheria im fünften Jahrhundert in ihrem Reisebericht erzählt. Darin erfahren wir von einer Versammlung auf dem Ölberg in Jerusalem und dem anschließenden Einzug in die Stadt mit einer Palmprozession. Dieser Brauch ist bis in unsere Zeit überliefert.

Palmsonntag bedeutet, dass der verschlungene Weg der Entscheidung beginnt, der Weg in die Stadt hinein, der Weg in den Tod. Der Anfang ist ein Jubelweg und gleichzeitig eine böse Täuschung: die Leute wollen einen König, der mächtig ist. Stattdessen bekommen sie einen heruntergekommenen Gott. Dieses Volk, das nach einem mächtigen Mann schreit, findet sich allerdings nicht nur damals, und dazu gehören auch nicht nur die üblichen verdächtigen „Starker Mann“-Rufer. Die Leute, die Menschen in den letzten Stunden Jesu, das sind wir:

  • Gaffer, die unbeteiligt oder sensationslüstern zuschauen.
  • Soldaten, die als Befehlsempfänger gehorchen und ihre Pflicht tun.
  • Spötter, die sich die Hände nicht schmutzig machen, sondern andere die Drecksarbeit erledigen lassen.
  • Jünger, die sich entscheiden müssen. Bis zu diesem Moment gab es noch ein Zurück. Bis dahin war Widerruf möglich und damit Freispruch. Nun aber ist eine endgültige Entscheidung fällig.

Wo stehen wir?

Wie die Jünger sehen wir von uns aus häufig nur die Ziele, die nicht wehtun – uns nicht wehtun. Wir stimmen ihnen mit einem klaren „Jein“ zu. Für die Jünger sind in der Karwoche aber alle diese eigenen Ziele, alle „Jeins“ zerbrochen: Macht und Herrlichkeit und Einfluss und Reichtum. Für Petrus und Konsorten ist all das zerplatzt.

Damit kann der Palmsonntag einen Impuls geben, darüber nachzudenken, was ich platzen lassen will oder muss, um anderes zu gewinnen? Ist es mir drei Euro mehr wert, statt billig-billig doch lieber fair gehandelte Produkte zu kaufen, damit tausende Kilometer entfernt Menschen vom Ertrag ihrer Arbeit leben können? Ist es mir drei Stunden wert, den Kontakt zu Verwandten und Freunden zu pflegen? Ist es mir das Eingeständnis wert, dass ich Unrecht hatte, um eine Beziehung zu retten?

Palmsonntag bedeutet, dass die Zeit der Halbheiten vorbei ist. Vielleicht brauche ich es manchmal, dass mir das Messer auf die Brust gesetzt wird, um uns ganz für oder gegen etwas zu entscheiden. Ich denke, dass jede und jeder weiß, wie befreiend sich eine Entscheidung auswirken kann. Wie viel besser fühlt es sich aber an, wenn ich eine Entscheidung ohne äußeren Druck fällen kann, frei, aus meinen eigenen Überzeugungen heraus.

Die Woche vom Palmsonntag lässt mich das einüben. Im Blick auf den Weg Jesu kann ich mich selbst prüfen und fragen, was ich kann, was ich will, wohin ich will und was ich dafür aufgebe. Das kann für mich der Pilgerweg bis Ostern sein.

Bernhard Kohl OP, Dr. theol., ist Dominikaner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts M.-Dominique Chenu in Berlin und derzeit Visiting Scholar am Dominican Institute of Toronto.