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Kultur

"Der Wanderer und sein Schatten"

Im Vorfeld seines 50. Todestages im August ist gerade eine 700-seitige Biographie über den Literaturnobelpreisträger erschienen. Gunnar Decker würdigt Hermann Hesse als Literaten und Menschen.

Im Grunde "brauche" Hermann Hesse eine Biografie weniger als andere Schriftsteller, schrieb jüngst der Autor Michael Kleeberg in einem Essay über den Dichter, da dessen ganzes Werk doch beständige Selbstanalyse, Spiegelung und Prüfung der eigenen Lebenssituation sei. Also besser Hesse lesen? Sich noch einmal "Demian", "Steppenwolf" und "Das Glasperlenspiel" vornehmen, anstatt Lebensweg und Werkinterpretation zu lesen, noch dazu aus der Feder eines drei Jahre nach Hesses Tod Geborenen?

Vertraut und doch weit weg

Das eine sollte das andere nicht ausschließen. Man liest Gunnar Deckers 700-Seiten-Biografie "Der Wanderer und sein Schatten" mit großem Gewinn, auch wenn einem Hesse vertraut ist, man seine Bücher kennt und auch das ein oder andere über den deutschen Nobelpreisträger von 1946 gelesen hat. Ein großer Vorzug von Deckers Buch ist die entspannte Sicht auf Hesse, auf Leben und Werk, fernab jeder enthusiastischer Schwärmerei und ätzender Kritik. Denn zwischen diesen beiden Polen hat sich das Verhältnis zum Dichter Hermann Hesse leider allzu oft bewegt in den vergangenen Jahrzehnten. Wobei letzteres überwog, vor allem im deutschen Feuilleton.

Buchcover Gunnar Decker Hermann Hesse (Foto Hanser)

Die große Biografie zum Hesse-Jahr aus der Feder von Gunnar Decker

Deckers Ansatz ist ein anderer. Der Leser erfährt (zum Beispiel) noch einmal die zwar sehr bekannten schweren Kindheits- und Jugendjahre und die Spiegelung im dichterischen Werk, in den Versen und Erzählungen, in den Romanen und Briefen. Aber er bekommt eben sehr genau erklärt, wie es dazu kam, wie sich Leben in Dichtung verwandelte. Deckers detailversessene Biografie ist voller Zwischentöne, Schattierungen, niemals nur Schwarz-Weiß. Vieles hat man ja auch möglicherweise vergessen seit der Lektüre in Jugendjahren. Oder gar verdrängt aufgrund all der Vorurteile und der bissigen Bemerkungen der Kritiker über den Dichter. Hermann Hesse ist doch ein sehr moderner Schriftsteller gewesen in seinen Romanen und auch und vor allem in seinen vielen Einlassungen zur jeweiligen Zeit, zur Politik und Gesellschaft. In den vielen tausend Briefen, die Hesse geschrieben hat, ist das vor allem nachzulesen.

Ein Dichter mit Migrationshintergrund

Heute müsste man Hesse eigentlich als Dichter mit Migrationshintergrund bezeichnen. "Welche Staatsangehörigkeit er bei seiner Geburt besaß, wisse er nicht", so Decker, "der Vater habe als russischer Untertan einen russischen Pass besessen. Die eine Zeitlang in Indien aufgewachsene Mutter sei Tochter eines Schwaben und einer französischen Schweizerin gewesen. Er selbst habe seine Kindheit zur Hälfte in Basel und Calw verbracht", fährt Decker fort und überlässt Hesse dann das weitere: "Diese gemischte Herkunft verhinderte mich, je viel Respekt vor Nationalismus und Landesgrenzen zu haben."

Oder Hesse als moderner Nomade? Schon 1904 legte er in seinem Text "Über das Reisen" eine Weltsicht dar, die viele zeitgenössische Schriftsteller heute so gern vor sich herumtragen: Die "Poesie des Unterwegsseins", so Decker, wird da "als ein Exil jenes Einzelnes" angesehen, "der sich der Vermassung durch Technik und Bürokratie entzieht."

Oder aber auch: Hesse als "Pionier einer Gegenkultur"? Spätestens seit der ungeheuren Popularität, die Hesses Romane in der Hippie-Ära der 1960/70er Jahren in den USA erlebten und dann auch in vielen asiatischen Ländern, zeugen davon, wie hier einer mit sämtlichen Fasern seines Leibes sich konsequent allen Oberflächenreizen verweigerte und - wenn auch nicht in vorderster Front, Hesse war kein Mann der Aktion - mit Worten stritt und kämpfte. All die jungen Menschen, die heute weltweit gegen die Verwerfungen des Kapitalismus aufbegehren, sind Wesenverwandte des schwäbisch-schweizerischen Dichters.

Weltabgewandt und doch Modern

Überhaupt beeindrucken die Kapitel, die den alternden Hesse in seinem Schweizer Exil zeigen, ungeheuer: Wie hier einer sich der Welt verweigerte, inmitten der Natur, nur mit seinen Pflanzen, seinem Garten, dem kleinen Haus in Montagnola lebte. Wie der Dichter nur höchst unleidlich Gäste empfing ("Bitte keine Besucher" prangte ein Schild am Eingang zu seiner Klause), sich dabei zwischen Depression und Selbstmordgedanken bewegte, ohne Schonung in die eigenen psychischen Abgründe blickte und sich der Welt verweigerte - nicht einmal zur Entgegennahme des Nobelpreises nach Stockholm reiste er -, fasziniert in seiner Konsequenz gerade heute. Das alles ist in Deckers Biografie nachzulesen und wer nach der Lektüre des Buches noch einmal von Kitschverdacht und Gartenlaubenpoesie raunt, dem ist eh nicht mehr zu helfen.

Gunnar Decker: "Hesse - Der Wanderer und sein Schatten", Hanser Verlag 2012, 704 Seiten, 26.- Euro, ISBN 978-3446238794.

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